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Rot-Rot-Grün in Thüringen Es fuhr ja nicht alles schlecht

Die SPD will in Thüringen einen Linken zum Ministerpräsidenten wählen, ihr Fraktionschef fährt bis heute Trabi. Eine Dienstfahrt.

Hinter der Ortsausfahrt von Gotha verwandelt sich das Stottern in ein konstantes Röhren. Matthias Hey schiebt den Hebel rechts vom Lenkrad nach oben und schaltet einen Gang runter. Sein Wahlkreis ist hügelig, der Skiort Oberhof nicht weit. "Der Trabi-Motor ist vielleicht eine 26-PS-Nähmaschine. Aber der schafft das", sagt er. Hey tritt aufs Gaspedal.

Sein Vertrauen in den Zweitakter ruht auf 24 Jahren Erfahrung: Kurz nach der Wende, als alle ein Westauto wollten, kaufte er den Trabi, Farbe Papyrusweiß, einem Kollegen billig ab. "So treu und zuverlässig ist kein Auto", sagt er. Die Bodenhaftung, die ihn jedes Schlagloch spüren lasse, die Langlebigkeit, die "kaum mit der Marktwirtschaft vereinbar" sei - so eloquent wie Hey schwärmt wohl kein Zweiter für dieses pappegewordene Stück DDR-Vergangenheit.

Mit DDR-Vergangenheit schlägt sich der SPD-Politiker in diesen Tagen auch beruflich herum. Der 44-Jährige führt seit der Wahl im September die Fraktion im Landtag von Thüringen, auch wenn künftig offenbar Ex-Parteichef Christoph Matschie den Spitzenposten übernehmen soll. An diesem Freitag soll das Bündnis mit Bodo Ramelow den ersten linken Ministerpräsidenten wählen. Eine Stimme Mehrheit hat die rot-rot-grüne Koalition. Jeder Überläufer könnte die Regierung scheitern lassen, noch bevor sie angetreten ist.

Der Druck ist enorm: In Erfurt demonstrieren seit Wochen Tausende, sie fürchten eine DDR light im Freistaat unter der neuen Koalition. Und dann fährt einer ihrer Spitzenpolitiker auch noch Trabi.

"Sind Sie heute auch mit dem Trabi da?"

Herr Rockstuhl steht schon vor seinem Haus, als Matthias Hey einparkt und den Benzinhahn des Wagens zudreht. "Der Hey!", ruft der Herr mit dem grauen Haarkranz, über das karierte Hemd hat er sich nur eine grüne Strickweste geworfen. "Sie wollen zu uns, richtig?" Im Gang überreicht der jungenhafte Hey der weißhaarigen Frau Rockstuhl eine Flasche Rotkäppchensekt, dann bittet das Ehepaar den Abgeordneten in die Stube.

Rockstuhl ist der Sieger von Heys Wahlkampf-Gewinnspiel. Die Wähler sollten sein Wahlkreisstimmenergebnis tippen. Eine Fahrt im Trabi zu einem Restaurant seiner Wahl. "Ich wollte erst 33 oder 34 Prozent schreiben. Dann redete ich mit ein paar Leuten über ihn. Und tippte 38,5" - fast exakt Heys Stimmenanteil. Und das dreifache Parteiergebnis: Die Thüringer SPD erlitt mit 12,4 Prozent die schwerste Schlappe ihrer Geschichte, außer Hey verloren alle Direktkandidaten ihre Wahl.

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Thüringen: Der Trabi-Politiker

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Einen Termin für das Abendessen haben Hey und Rockstuhl schnell gefunden. "Sind Sie heute auch mit dem Trabi da?", fragt Frau Rockstuhl. "Natürlich, der steht draußen". Die alte Frau steht auf: "Ich hab ihn gar nicht knattern hören", sagt sie und geht vor die Tür. Herr Rockstuhl erzählt, wie er sich 1999 fast noch mal einen Trabant-Kübelwagen für 2000 Mark gekauft hätte und es dann doch nicht tat. "Da ärgere ich mich heute noch. Den würde ich bis heute fahren."

Langsam rollt Hey wieder aus der Parklücke, die Heizung bläst einen leichten Abgasduft in den Wagen. "Der Trabi ist bis heute hier für viele Menschen ein Stück Identität", sagt er, während die Rockstuhls wieder ins Haus gehen. Die meisten hätten noch immer Erinnerungen an Familienurlaube in Bulgarien oder Tauschgeschäfte mit Ersatzteilen unter Nachbarn.

Da kann Hey viel erzählen: Für ein Scheibenwischer-Relais hat er kürzlich 70 Euro bei Ebay bezahlt. Auf dem braunen Polster der Rückbank liegt ein Lampenring für das Vorderlicht, unter dem Armaturenbrett ein Innenspiegel. Den habe neulich jemand zu Hause gefunden und in sein Bürgerbüro gebracht.

"Seit Wochen geht es um Freiheit oder Kommunismus"

Trotz aller automobiler Ostalgie - als größter Anhänger der rot-rot-grünen Koalition gilt Hey in seiner Partei nicht. "Ich kann jeden verstehen, der aufgrund seiner Biografie Angst vor der Linken hat", sagt er. Aber die 28 Prozent Linken-Wähler müsse man doch zur Kenntnis nehmen. Dass seine Partei nicht wie bisher mit der CDU koaliert, begründet er eher atmosphärisch als inhaltlich. "Zuletzt waren denen nicht einmal Honecker-Vergleiche zu billig." CDU-Fraktionschef Mike Mohring hatte die Folgen der SPD-Bildungspolitik mit der von DDR-Kultusministerin und First Lady Margot Honecker gleichgesetzt.

Ginge es aktuell nur um Honecker-Vergleiche, wäre Hey wohl dankbar. Seitdem sich das Bündnis von Roten, Roten und Grünen abzeichnet, ist die politische Stimmung in Thüringen erst richtig vergiftet: Abgeordneten der Linken seien die Radmuttern gelockert worden, erzählt Hey. Bürger drohen ihm auf der Straße, ihn nie wieder zu wählen, weil er mit "diesem Kommunistenpack" gemeinsame Sache mache. "Es ist ein Irrsinn", Hey hat seinen sanften Thüringer Tonfall nun verlassen, "seit Wochen geht es nicht mehr um politische Inhalte wie neue Lehrerstellen, sondern um Freiheit oder Kommunismus. Ich hätte nicht gedacht, dass das 2014 noch möglich ist."

Und wenn Ramelow am Freitag verliert? Wenn es Neuwahlen gibt, die die SPD in diesem Fall anstreben will? Hey wäre plötzlich das Gesicht einer Koalition, die an sich selbst gescheitert ist. Zumindest um seine automobile Zukunft fürchtet der SPD-Politiker nicht: "Ich fahre so gern Trabant und Zug, da versuche ich mich um jede Fahrt im Dienstwagen zu mogeln." An den Audi A8, den ihm der Landtag stellt, habe er sich nie gewöhnt.

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