SPIEGEL TV

Rot-Rot in Brandenburg "Guten Tag, ich bin das Stasi-Schwein"

Er diente früher SED und Stasi und stellt sich seiner Verantwortung mit großer Offenheit. Unter Matthias Platzeck bekommt Axel Henschke jetzt in Brandenburg die Chance für ein Comeback in der Politik - und könnte zur neuen Symbolfigur für den Umgang mit der DDR-Vergangenheit werden.

Man muss sich an den östlichen Rand des Landes begeben, nach Frankfurt an der Oder, um einen Mann zu treffen, dessen Geschichte nun zum Symbol wird: für die einen zum Symbol für das große Vergessen, für die anderen zum Symbol der Vergebung, 20 Jahre nach 1989.

Axel Henschke empfängt seinen Besuch im Büro seiner Partei, der Linken: Er trägt ausgewaschene Jeans, er hat einen Dreitagebart. Er sieht aus wie der Schauspieler Michael Gwisdek, ein wenig verlebt, irgendwie ein lässiger Typ. Er reicht den Kaffee und dazu ein Begrüßungsstatement. "Guten Tag", sagt er, "ich bin das Stasi-Schwein."

SED

Matthias Platzeck

Henschke, 57, war erst hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter, dann Inoffizieller Mitarbeiter, er war FDJ-Chef im Bezirk Frankfurt/Oder und dann -Funktionär. Er hat fast sein komplettes DDR-Leben lang zur herrschenden Partei gehört. Und jetzt gehört er wieder dazu. Er ist Landtagsabgeordneter der Linken und wird demnächst den Sozialdemokraten zum Ministerpräsidenten wählen. Ein Ex-Stasi-Mann als Verbündeter eines Ex-Bürgerbewegten - das ist ein Novum.

In Leipzig wurde am 9. Oktober der friedlichen Revolution des Herbstes 1989 gedacht. Noch einmal sind Tausende um den Leipziger Ring gezogen, wie damals im Herbst 1989. "Die Revolution ist noch nicht vorbei", hat der Bürgerrechtler Werner Schulz gesagt.

Wenige Tage nach dem großen Gedenken hat Platzeck beschlossen, eine Koalition mit der brandenburgischen Linken einzugehen, in der es zum guten Ton gehörte, "Stasi-belastet" zu sein. Die Fraktionsvorsitzende Kerstin Kaiser war IM, Landeschef Thomas Nord war IM. Vom "Verrat an 89" ist deshalb die Rede.

Und weil es um Fragen des guten Tons geht, bemüht sich auch Platzeck um etwas Pathos: "Wer sich 20 Jahre ernsthaft bemüht hat, unser Gemeinwesen zu gestalten und die Demokratie voranzubringen, hat ein Recht darauf, dass seine gesamte Lebensleistung gewürdigt wird", sagt er. Es ist ein moralisches Argument im Dienst der Macht. Aber ist es deshalb falsch?

Ist die Zeit der Sühne vorbei?

Ist der Zeitpunkt für eine Geste des Ausgleichs gekommen? Es ist schwer, auf so große Fragen, eine konkrete Antwort zu finden, fernab der Potsdamer Politbühne, in Frankfurt, bei Henschke. Wer sein Büro betritt, ist in ein Stück DDR-Territorium eingedrungen, in eine Welt, in der eigene Regeln gelten, in der niemand seltsam findet, was dem Außenstehenden merkwürdig anmutet. Im Flur gibt es eine Plakatreihe von Funktionären, die an die "Straßen der Besten" der DDR erinnert. Nebeneinander hängen: Henschke, Kaiser, Nord, Gregor Gysi. Vier Fotos, vier Verstrickte. Genosse Henschke schmunzelt, als er darauf angesprochen wird. Die PDS, heute Linke, war auch für ihn immer mehr als nur Partei. Sie war ein Biografien-Rettungsverein.

Seine Geschichte hat Henschke schon oft erzählt. Er hat inzwischen eine gewisse Routine darin. Henschkes Offenheit ist so entwaffnend, dass sie fast schon wieder eine Waffe ist. Ja, bekennt er, er sei ein "Täter" gewesen. Er habe als Hauptamtlicher Häftlinge der Stasi bewacht, als Inoffizieller Berichte geschrieben, als FDJ-Funktionär traf er Jugendliche, die nicht wussten, dass er heimlich ein Tonband mitlaufen ließ. Er hätte sich in "Grund und Boden geschämt". Aber Grund und Boden haben ihn eben nicht verschluckt.

Stasi

Funktionär Henschke wollte 1990 nicht mehr funktionieren, er hat es deshalb in seinem alten Beruf versucht. Er war ja mal Klimatechniker, vor seiner Parteikarriere. Aber der Versuch war ein Flop. Seine Kenntnisse von Klima und Technik waren veraltet. Dann fuhr er Zeitungen aus. Aber das reichte ihm nicht, einem, der gelernt hatte, sein Leben in den Dienst einer großen Sache zu stellen. "Ich war doch ein politischer Mensch, gesellschaftliche Tätigkeit, das war meine Sache", sagt er. Kerstin Kaiser und Thomas Nord sagen ähnlich Sätze. Die neue Gesellschaft aber wollte sie nicht. "Ich hätte mir einen Prozess gewünscht", sagt Henschke. "Ich hätte ein Urteil. So blieb ich halt das -Schwein". Und so ging er zu denen zurück, bei denen der Stasi-Geruch nicht auffiel - zu seinen Genossen, erst einmal ehrenamtlich. 1993 kandidierte er fürs Stadtparlament von Frankfurt - vergeblich.

Kein Versteckspiel wie bei anderen Verstrickten

Das Jahr 1994 bescherte ihm endlich wieder einen Polit-Job, er wurde Mitarbeiter bei einem linken Landtagsabgeordneten, einem Pfarrer aus Frankfurt, bei Christian Gehlsen. "Ich glaube ihm seinen Wandel", sagt der Emeritus. "Aber ich habe immer wieder mit ihm geredet. Ich verstehe jedoch, wenn andere ihm nicht trauen können." Gehlsen und Henschke wurden Freunde, der Theologe ist für Henschke zum Bürgen geworden. 2001 kandidierte Henschke als Oberbürgermeister. Es gab Anfeindungen, aber auch ein erstaunlich breites Bündnis von Unterstützern, sogar CDU-Leute waren darunter. Aber er unterlag.

Henschke läuft in seinem Büro auf und ab. Er redet und redet. Kein Versteckspiel wie bei anderen Verstrickten. Aber kann man ihm glauben?

Es mangelt Henschke nicht an Offenheit, nicht an Erkenntnis, aber dennoch ist mancher Satz mehr als irritierend. Aus dem Büßer ist wieder ein Missionar geworden. Ganz Dialektiker hat er seine Zeit als Täter inzwischen in sein neues Polit-Leben eingepasst. Gerade weil er um die Versuchungen der Macht wisse, wolle er in die Politik, eine seltsame Begründung, als seien Einbrecher zum Polizeidienst besonders qualifiziert. Wachhalten wolle er die Erinnerung, sagt er, deshalb sei er wieder politisch aktiv. Zu Ende gedacht, wäre Egon Krenz dann der beste Chef für die Birthler-Behörde. Ob er verstehen könne, dass sich Sozialdemokraten an seiner Vita störten? Deren Problem, winkt Henschke ab. Er sei direkt gewählt.

Henschke ist jetzt wieder fast so wichtig wie früher. Parteiversammlungen, Fraktionssitzungen, das neue Leben ähnelt ein wenig seinem alten. Er fährt jetzt regelmäßig von Frankfurt an der Oder nach Potsdam. Im Landtag auf dem Brauhausberg war früher die SED-Bezirksleitung untergebracht. Am Turm sind noch die Reste des großen Parteiabzeichens SED zu erkennen.

Platzeck will jenen eine Chance geben, die sich geändert hätten. Er spricht von "Versöhnung". Sein neues Credo ist wie ein Rettungsschirm, und es ist fraglich, ob sich die richtigen darunter einfinden. Für Henschke eröffnen Platzecks Sätze eine zweite Chance. Wofür Henschke zur Symbolfigur wird, für das Comeback der Altkader oder für deren Wandlung, wird sich noch entscheiden.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.