Rot-rote Machtoption Wahlheld Lafontaine umschmeichelt seine Ex-Genossen

Sie eint das Ziel: Schwarz-Gelb verhindern. Oskar Lafontaine und Franz Müntefering feiern die Wahlen in Thüringen und im Saarland als Erfolg. Der Linke-Chef wirbt nun offen für rot-rote Bündnisse. Die SPD geht auf die Avancen ein - will dabei aber unbedingt die Führungsrolle übernehmen.

Oskar Lafontaine: "Das ist doch schon Satire"
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Oskar Lafontaine: "Das ist doch schon Satire"

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Berlin - Oskar Lafontaine feixt. Angriffe von Franz Müntefering können dem Linke-Chef an diesem Tag nicht die Laune verderben. Nicht nach diesem Ergebnis, nicht nach 21,3 Prozent im Saarland. Der SPD-Vorsitzende hatte am Montagvormittag gesagt, "die Welle Lafontaine" sei nun gebrochen, dieser habe sein Wahlziel an der Saar verpasst - nämlich Ministerpräsident zu werden. "Das ist doch schon Satire", lästert Lafontaine am Mittag nach der Präsidiumssitzung - mit Blick auf sein stolzes Ergebnis.

Noch vor wenigen Tagen wäre der Linke-Chef bei ähnlichen Sprüchen wohl explodiert. Doch nicht an diesem Montag. Lafontaine strotzt vor Selbstzufriedenheit. An der Seite von Bodo Ramelow schreitet der 65-Jährige zur Pressekonferenz. 21,3 Prozent in einem West-Land, ein Plus von 19 Prozent, da lassen ihn Attacken aus dem Willy-Brandt-Haus eher kalt.

Es ist ein Rollentausch, der sich bei den beiden öffentlichen Auftritten der Parteivorsitzenden vollzieht. Müntefering schimpft über die Linke wie lange nicht mehr. Er nennt Lafontaine einen Spieler, der Deutschland im Stich gelassen und die Sozialdemokraten verraten habe. Mehrfach wirft er ihm Populismus vor, die Linke schüre Illusionen in der Bevölkerung und rede über Bundeswehrsoldaten, "als wären das alles aggressive Krieger".

Ganz anders, fast präsidial dagegen Lafontaines Auftritt: Nach einer Präsidiumssitzung, die laut dem Bundestagsabgeordneten Jan Korte "eine der friedlichsten der letzten Jahre war", tritt der Parteichef vor die Presse. Lafontaine, der 1999 seine Ämter als Finanzminister und SPD-Vorsitzender aufgab, wirbt offen um die Gunst seiner alten Partei.

Die SPD hat schwach abgeschnitten, aber neue Machtoptionen

"Ohne jede Einschränkung" habe er sich darüber gefreut, der SPD neue Machtoptionen eröffnet zu haben. Die Sozialdemokraten müssten sich nun aber entscheiden, ob sie diese Möglichkeit auch nutzen wollten - das heißt, in Thüringen auch einen Ministerpräsidenten Bodo Ramelow wählen werden.

Für Müntefering und Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier ist die Bilanz des Wahlsonntags gemischt. Einerseits verpassten CDU und FDP im Saarland wie in Thüringen eine Mehrheit. Andererseits erzielte aber auch die SPD bei allen drei Landtagswahlen schwache Ergebnisse. In Sachsen und Thüringen landete sie erneut hinter der Linken.

Regieren kann die SPD nur mit Hilfe der Lafontaine-Partei. Dabei sollen die Landesverbände aber nichts überstürzen. Rot-Rot bleibe in Thüringen wie im Saarland "eine der Möglichkeiten", sagt Müntefering. Es sei "keine Hetze angesagt", die Sondierungsgespräche würden "in aller Ruhe" angegangen. Das heißt konkret: Wenn es vor der Bundestagswahl keine Entscheidung gibt, wäre das Steinmeiers Wahlkampfteam gar nicht so unlieb.

"Es hängt von den Personen ab"

Generell gebe es keine Bedenken gegen eine Zusammenarbeit mit der Linken - aber nur in den Ländern. Für die Bundesebene bleibe das weiter ausgeschlossen. Und auch in den Ländern gilt laut Müntefering: "Es hängt von den Personen ab", mit Lafontaine sei da nichts möglich, der habe aber ja auch schon erklärt, nicht in die Saar-Regierung zu streben.

Thüringens Linken-Chef Ramelow hält das allerdings für ein vorgeschobenes Argument. "Es geht nicht um uns", schimpft er. "Es geht um die SPD. Die Sozialdemokraten wissen nicht, was sie wollen." Strikt weist Ramelow Spekulationen zurück, er würde verzichten, um eine rot-rote Koalition zu ermöglichen. "Ich werde SPD und Grüne zu Gesprächen einladen, und dann müssen die sich entscheiden, ob sie den Politikwechsel wollen." Es grenze an eine "politische Geisterfahrt", dass die Thüringer Sozialdemokraten bereits Gespräche mit CDU-Ministerpräsident Dieter Althaus geführt hätten. "Wer vor der Wahl Ramelow ausschließt, aber bei der Wahl von Althaus keinen Skrupel hat, muss einiges erklären", warnte auch Lafontaine die SPD vor einer schwarz-roten Koalition.

Für die Linke ist die Situation zweifellos komfortabel. Egal ob die SPD mit ihnen regiert oder lieber auf Bündnisse mit der Union setzt - Lafontaines Partei kann aus beiden Alternativen Profit schlagen. "Wir haben enormen Rückenwind für den Bundestagswahlkampf bekommen", freut sich daher auch Präsidiumsmitglied Korte. "Lafontaine hat alles richtig gemacht."

insgesamt 3475 Beiträge
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goethestrasse 30.08.2009
1. Aufrichtige ehrliche CDU Wähler.
Althaus wurde abgestraft. Die ehemaligen CDU-Wähler lassen sich nicht für dumm verkaufen. Danke dafür !!!! Recht und Anstand sind zwei Paar Schuhe und nicht immer dasselbe. Machtversessenheit verträgt sich in diesem Fall nicht mit moralischem Gewissen. Auch Thüringen ist kein Testfall für Berlin bzgl. der CDU. Eher bzgl. der Rolle die SPD und Linke ggf. spielen werden.
SaT 30.08.2009
2. den Anspruch Volkspartei zu sein aufgegeben
Wer das fröhliche – um nicht zu sagen triumphierende - Gesicht von Steinmeier angesichts der SPD-Ergebnisse in den drei Landtagswahlen (24%, 18%, 10%) sieht kann nur zum Schluss kommen, dass die SPD den Anspruch Volkspartei zu sein aufgegeben hat.
raess2007 30.08.2009
3.
Zitat von SaTWer das fröhliche – um nicht zu sagen triumphierende - Gesicht von Steinmeier angesichts der SPD-Ergebnisse in den drei Landtagswahlen (24%, 18%, 10%) sieht kann nur zum Schluss kommen, dass die SPD den Anspruch Volkspartei zu sein aufgegeben hat.
Habs mir angeschaut. Ich glaub die sind alle drauf. Was soll's gewählt wird am 27.9. Abwarten...
Martin Lösslein 30.08.2009
4.
Was die Wahlen zeigen, ist: Die Wahlbeteiligung war relativ hoch, was zu Verschiebungen nach links führte. Die Nichtwähler wählen deshalb nicht, weil sie links sind und nicht, weil sie desinteressiert sind.
littlejon 30.08.2009
5.
Zitat von sysopIn Thüringen, Sachsen und im Saarland wurde der Landtag gewählt. Wie bewerten Sie die Ergebnisse im Hinblick auf die Bundestagswahl im September? Diskutieren Sie mit!
Tja, es wird spannend. Vielleicht merkelt die Union jetzt auch mal, dass die heiße Phase des BT-Wahlkampfs längst begonnen hat! Auf der anderen Seite - wenn die CSU so weiter macht wie bisher, schaffen Seehofer/Dobrindt entweder alle Voraussetzungen für RRG, oder zumindest für die Fortsetzung der allseits beliebten GroKo.
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