Rotlicht- und Zockermilieu Die Vergangenheit von Gesundheitsministerin Schmidt

Des Kanzlers neue Gesundheitsministerin Ulla Schmidt muss sich böser Gerüchte über angebliche Jugendsünden erwehren. Schröder steht in Treue fest zu ihr.


Hamburg - Den Tag ihrer Ernennung zur Bundesgesundheitsministerin hatte sich Ulla Schmidt ganz anders vorgestellt. Statt zu feiern, wurde die Aachener Sozialdemokratin am vergangenen Freitag von angeblichen Jugendsünden eingeholt.

Ulla Schmidt arbeitete in den siebziger Jahren als Kellnerin
SPD Bundestagsfraktion

Ulla Schmidt arbeitete in den siebziger Jahren als Kellnerin

Es geht um uralte Geschichten: Ulla Schmidt, 51, soll in der Aachener Bar "Barbarina" ihrer Schwester Doris Zöller jahrelang Kontakt zum Rotlichtmilieu und zur Zockerszene gepflegt haben und in die vermeintliche Falschgeldaffäre ihres Parteifreundes Dieter Schinzel verwickelt gewesen sein.

Mal wurde die Story für 3000 Mark ausgewählten Journalisten angeboten, mal flatterte sie als Rundschreiben in diverse Redaktionsstuben. Vor bald sechs Jahren veröffentlichte der "Stern" die Vorwürfe unter der Schlagzeile "Geld, Gier und Genossen".

Seither beteuert Schmidt unverdrossen: "Alles erstunken und erlogen." Doch in der vergangenen Woche, als sich der Aufstieg der Genossin zur Ressortchefin bei Gerhard Schröder abzeichnete, kochte die Sache wieder hoch.

Verbindungen ins Rotlichtmilieu

Begonnen hatte der Ärger der Sozialdemokratin über Gerüchte und angebliche Skandale schon bei Schmidts erster Kandidatur für den Bundestag im Jahr 1990. Ein mehrfach vorbestrafter Grieche mit Namen Dimitrios S., Ex-Freund und Geschäftspartner von Doris Zöller, wollte mit der Geschichte von angeblichen Rotlicht-Verwicklungen von Schmidts Schwester und dem damaligen SPD-Oberbürgermeister von Aachen, Jürgen Linden, 50 000 Mark erpressen. Der einstige Rechtsanwalt von S., der damals im Auftrag seines Mandanten handelte, wurde inzwischen wegen versuchter Nötigung rechtskräftig verurteilt.

"Bei jedem Karriereschritt, den ich gemacht habe, versuchten mir Neider Steine in den Weg zu legen und Unsinnsgeschichten in der Presse zu lancieren", klagt Schmidt. Zuletzt 1998, als sie stellvertretende Fraktionsvorsitzende wurde. Doch damals interessierte sich niemand dafür.

Ulla Schmidt hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass ihre Schwester in Aachen jahrelang die "Barbarina"-Bar und ein Spielcasino betrieben hat ­ und dass sie in dem Lokal Anfang der siebziger Jahre jobbte. "Ich war Studentin und allein erziehende Mutter und musste Geld verdienen. Da war ich froh, dass ich einmal in der Woche bei meiner Schwester kellnern konnte", sagt die Politikerin, die Sonderpädagogik studiert und bis zu ihrer Wahl in den Bundestag als Sonderschullehrerin gearbeitet hat. Es sei doch "nichts Ehrenrühriges", Kind und Studium mit Arbeit zu finanzieren.

"Unsinn"

Behauptungen, sie habe dort auch schon mal die Kasse abgerechnet oder die Buchführung erledigt, weist Schmidt ganz entschieden zurück: "Unsinn. Ich habe auch nie Geld zur Bank gebracht oder irgendetwas Geschäftliches für meine Schwester erledigt."

Als 1987 die Justiz die Schmidt-Schwester Doris Zöller des illegalen Glücksspiels verdächtigte und deren Wohnung durchsuchte, fand sich dort ein Sparbuch, das auf Ulla Schmidt ausgestellt war. Zöller gab zu Protokoll, das Buch gehöre ihr, sie habe es auf ihre Schwester Ulla überschrieben, um Geld vor ihrem Lebensgefährten in Sicherheit zu bringen.

Der damalige Oberstaatsanwalt Lothar Karhausen erklärte dazu in der "Aachener Zeitung": "Es wurde nichts gefunden, was Frau Schmidt vorwerfbar gewesen wäre." Und die Neu-Ministerin ergänzt: "Es liegt eine eidesstattliche Erklärung meiner Schwester vor, dass das Sparbuch immer ihr gehört hat. Ich habe es weder eröffnet noch Geld damit bewegt."

Anfangs war die "Barbarina"-Bar ein Varieté, später liefen dort auch weiche Porno-Filme. Gäste erinnern sich an "Zeichentrick- und andere Filmchen, wie sie heute in jedem Privatsender zu sehen sind".

Bei einer Razzia im "Barbarina" 1973 wurden einige dieser Streifen beschlagnahmt, denn Pornografie war damals noch generell strafbar. Die Beamten notierten die Namen des anwesenden Personals, Ulla Schmidt war darunter. Von der Polizei vernommen oder auch nur angehört wurde sie nie.

Genosse mit Falschgeld Die Sache mit dem Genossen Dieter Schinzel, die ihr jetzt angehängt wird, datiert aus den neunziger Jahren. Schinzel, ein Bruder des Schlagersängers Christian Anders ("Es fährt ein Zug nach nirgendwo"), war damals Vorsitzender des SPD-Unterbezirks Aachen und Abgeordneter im Europa-Parlament. 1994 wurde Schinzel mit Falschgeld erwischt, das Verfahren wegen versuchter Hehlerei später jedoch eingestellt. Schmidt, die sich in der Aachener SPD-Zentrale ein Büro mit Schinzel teilte, sei in dessen Geschäfte, so das Gerücht, verwickelt gewesen.

Doch auch da, beteuert Schmidt, sei nichts dran. Der einzige Deal, den sie je mit Schinzel gemacht habe, sei sie teuer zu stehen gekommen: "Ich habe für ihn in einer Notlage gebürgt, und dafür habe ich bezahlt."

Schinzel war damals durch Immobiliengeschäfte stark überschuldet. Die Justiz hat sich für Ulla Schmidt im Zusammenhang mit dem Europa-Abgeordneten nie interessiert.

Der Kanzler, gestählt im Umgang mit Intrigen und Medien, tröstete seine neue Ministerin am vergangenen Freitag väterlich. Er nahm sie in den Arm und versicherte: "Ulla, das stehen wir durch."



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