Rückholaktion für deutsche Urlauber "Wir lassen niemanden zurück"

Verzweifelte Urlauber, drohende Flugverbote, schwierige Verhandlungen: Frank Hartmann, Krisenbeauftragter des Auswärtigen Amts, erklärt, wie er mehr als hunderttausend gestrandete Deutsche aus dem Ausland zurückholen will.
Ein Interview von Christoph Schult
Der Krisenstab der Bundesregierung tagt im Auswärtigen Amt

Der Krisenstab der Bundesregierung tagt im Auswärtigen Amt

Foto: Thomas Imo / photothek.net

SPIEGEL: Das Auswärtige Amt hat eine weltweite Reisewarnung ausgesprochen, hat es das schon einmal gegeben?

Hartmann: Nein, das gab es noch nie. Wir sind mit einer völlig neuen Situation konfrontiert. Wir haben eine internationale Tourismuskrise. Der Flugverkehr ist weltweit zusammengebrochen.

SPIEGEL: Wie viele Deutsche hängen im Ausland fest?

Hartmann: Wir erheben die genauen Zahlen gerade zusammen mit den Reiseveranstaltern und unseren Auslandsvertretungen. Im Moment gehen wir davon aus, dass wir es mit einer sechsstelligen Zahl zu tun haben, vielleicht hunderttausend, oder mehr.

SPIEGEL: Welches sind die am stärksten betroffenen Länder?

Hartmann: Es geht vor allem um Marokko, Ägypten, Tunesien und Malta, aber auch um weiter entfernt liegende Ziele wie die Philippinen, Argentinien, Südafrika und die bei deutschen Urlaubern sehr beliebte Dominikanische Republik. In Marokko rechnen wir derzeit damit, mehr als 4000 Deutsche zurückzuholen, in Ägypten sind es rund 35.000. Dort handelt es sich allerdings hauptsächlich um Pauschaltouristen, die zum Teil noch regulär mit ihren Reiseveranstaltern ausfliegen können.

"Die größte Rückholaktion aller Zeiten"

SPIEGEL: Welche deutschen Staatsangehörigen holen sie zurück?

Hartmann: Die Zielgruppe unserer Rückführungsaktion sind Touristen, die unverschuldet in diese Situation gekommen sind und jetzt nicht zurückkommen. Es geht uns nicht um Deutsche, die im Ausland leben. Aber wenn sich Einzelne melden, die sich als Au-pair, Student oder mit einem Freiwilligendienst im Ausland aufhalten, nehmen wir die auch gern mit.

SPIEGEL: Wenn gestrandete Deutsche sich bei den Auslandsvertretungen meldeten, lautete die Antwort bis Montag: keine Rückholaktion geplant. Woher kommt der plötzliche Kurswechsel?

Hartmann: Die Entscheidung fiel, als die meisten Airlines über das Wochenende ihren Betrieb eingestellt haben. Nach Gesprächen meines Krisenstabs mit den Reiseveranstaltern hat Außenminister Maas am Montagabend entschieden, diese größte Rückholaktion aller Zeiten zu starten und dafür 50 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen.

SPIEGEL: Hat sich der Druck auch dadurch erhöht, dass sich Reisende an die Auslandsvertretungen gewandt haben?

Hartmann: Das ist natürlich ein Faktor. Die Notwendigkeit zu handeln ergab sich, weil fast alle Länder die deutschen Touristen aufgefordert haben, bis Ende dieser Woche auszureisen. Das konnten die Reiseveranstalter nicht mehr alleine bewerkstelligen.

SPIEGEL: Warum?

Hartmann: Die Regierungen der betroffenen Länder haben zum Teil unrealistische Fristen gesetzt. Um Ausnahmen von den Landeverboten zu erwirken, brauchen die Veranstalter die Botschaften und das Auswärtige Amt. Wir verhandeln jetzt mit den betroffenen Staaten, um diese Deadlines zu verschieben, teilweise waren wir schon erfolgreich. Zum Beispiel konnten wir eine Landegenehmigung für Marrakesch erreichen, die wir vorher nicht hatten. Auch bei der Dominikanischen Republik konnten wir die Frist nach hinten verschieben.

SPIEGEL: Wie lange wird die Aktion insgesamt dauern?

Hartmann: Unser Ziel ist es, die deutschen Staatsbürger so schnell wie möglich zurückzuholen. Es wird aber sicherlich mindestens eine Woche dauern. Für Touristen, die in entlegenen Gebieten weit von einem Flughafen entfernt gestrandet sind, kommt diese Rückholaktion wahrscheinlich nicht infrage. Um die müssen sich dann unsere Auslandsvertretungen vor Ort kümmern.

SPIEGEL: Nach welchen Prioritäten werden die Passagierlisten zusammengestellt? Haben Familien oder Ältere Vorrang?

Hartmann: Wir unterscheiden nicht nach bestimmten Kriterien. Die Betroffenen können sich über das sogenannte ELEFAND-System [Elektronische Erfassung von Deutschen im Ausland; die Red.] auf den Websites unserer Botschaften registrieren. Viele harren aber, wie in Marokko, bereits an den Flughäfen aus und melden sich dort. Die Fluggesellschaften stellen dann die Passagierlisten zusammen. Wir wollen das möglichst unbürokratisch handhaben. Alle werden mitgenommen, wir lassen niemanden zurück.

"Die Angst vor dem Virus ist nicht immer rational."

SPIEGEL: Kommt auch die Bundeswehr zum Einsatz?

Hartmann: Nicht für die Rückführung deutscher Urlauber. Die Bundeswehr brauchen wir, um Menschen aus Krisengebieten zu evakuieren.

SPIEGEL: Uns wird geschildert, dass Deutsche in einigen Ländern wie Aussätzige behandelt werden. Bekommen Sie solche Notrufe auch?

Hartmann: Die Angst vor dem Virus ist nicht immer rational. Aber sie ist offenbar so groß, dass es in manchen Ländern auch Anfeindungen gegenüber Touristen gibt. Dadurch wächst der Druck in vielen Ländern, Ausländer loszuwerden.

SPIEGEL: Dürfen nur deutsche Staatsangehörige die Flugzeuge besteigen?

Hartmann: Der Fokus liegt auf deutschen Staatsangehörigen und ihren Familienangehörigen, egal welcher Nationalität. Wir bemühen uns, Ausländer, die aus Deutschland abgeflogen sind und einen Aufenthaltstitel besitzen, auch mitzunehmen.

SPIEGEL: Gibt es auf den Flügen besondere Sicherheitsmaßnahmen und werden alle Heimkommenden auf Corona getestet?

Hartmann: Es handelt sich um Reisende, die nicht aus Corona-Risikogebieten kommen. In der Regel sind die Infektionsraten in den Urlaubsländern niedriger als in Deutschland. Daher sind keine besonderen Sicherheitsmaßnahmen an Bord oder eine Kontrolle bei Ankunft erforderlich. Verdachtsfälle oder Personen mit Symptomen können allerdings unter Umständen nicht befördert werden.

SPIEGEL: Wie viele Deutsche sind bereits im Ausland an Corona erkrankt?

Hartmann: Wir hatten einzelne Verdachtsfälle, zum Beispiel auf dem Kreuzfahrtschiff "Diamond Princess" in Japan. Diese mussten ihre Quarantäne im Ausland verbringen.

SPIEGEL: Wie viele Deutsche sind bereits im Ausland an Corona verstorben?

Hartmann: Bislang wissen wir nur von einem Mann, der auf einer Nilkreuzfahrt erkrankte und verstarb, und von zwei weiteren Fällen aus Ägypten.

SPIEGEL: Wäre es nicht klüger gewesen, Auslandsreisen viel früher zu verbieten?

Hartmann: Das Auswärtige Amt schaut sich in der Regel jedes der 190 Länder einzeln an und rät von Reisen ab, wenn es notwendig erscheint. So haben wir es auch bei Corona gehandhabt. Anfangs waren China, Iran, Südkorea oder Italien davon betroffen. Als absehbar war, dass es eine größere internationale Krise wird, haben wir in einer zweiten Stufe generell von Reisen abgeraten. Das war Ende letzter Woche. Erst als viele Länder ihre Flughäfen schlossen und die Fluggesellschaften ihren Betrieb massiv einschränkten, haben wir die Notwendigkeit gesehen, eine allgemeine Reisewarnung auszusprechen.

SPIEGEL: Warum durften Maschinen aus Risikoländern wie China und Iran bis gestern in Deutschland landen, ohne dass die Ankommenden kontrolliert wurden?

Hartmann: Die Passagiere aus Risikoländern mussten alle Aussteigerkarten ausfüllen, damit bei einem Krankheitsfall die Infektionskette zurückverfolgt und die Ausbreitung eingedämmt werden kann. Das betraf bislang China, Iran, Japan, Südkorea und Italien. Nach dem Beschluss des Europäischen Rats, die Einreise in den Schengenraum für 30 Tage zu verbieten, wird dieser Reiseverkehr weitgehend zum Erliegen kommen.

"Homeoffice und Krisenstab sind nicht miteinander zu vereinbaren"

SPIEGEL: Wie ist die Lage an den deutschen Auslandsvertretungen?

Hartmann: Wir müssen uns vor allem um die Botschaften in jenen Ländern kümmern, in die es keine regulären Flugverbindungen mehr gibt. Das ist zum Beispiel der Fall im Irak oder Afghanistan. Wir stehen im Gespräch mit dem Verteidigungsministerium, wie man die Logistik und den Nachschub dieser Auslandsvertretungen aufrechterhalten kann. Um eine Infektionsgefahr für unsere Mitarbeiter zu verringern, mussten wir an vielen Orten die Visastellen schließen.

SPIEGEL: Gibt es Länder, die in der Coronakrise etwas besonders gut gemacht haben? Kann Deutschland von denen lernen?

Hartmann: Wir verfolgen die Erfahrungen der anderen Länder sehr genau, haben das auch im Krisenstab der Bundesregierung intensiv diskutiert. Eine Lehre ist sicherlich, dass flächendeckende Tests und die Nachverfolgung wichtig sind. Südkorea hat das besonders intensiv gemacht. Dort hat man bei Infizierten mithilfe einer App feststellen können, wo sich der Infizierte vorher aufgehalten hat. Dadurch konnte man die Infektionskette nachvollziehen und besonders gefährdete Orte identifizieren. Das wäre in Deutschland sicherlich wegen strengerer Datenschutzgesetze so nicht möglich. Aber es war wirksam, um die Pandemie zu bekämpfen. In Hongkong haben die Behörden frühzeitig Homeoffice verordnet und ganze Gebäude unter Quarantäne gesetzt. Dadurch wurde die Infektionsrate in einem Gebiet mit hoher Bevölkerungsdichte stabil niedrig gehalten.

SPIEGEL: Werden auch Diplomaten nach Deutschland zurückgeholt?

Hartmann: Diplomaten sind natürlich nicht immun gegen das Virus. Wir haben den Familien unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den besonders betroffenen Ländern angeboten, nach Hause zurückzukehren, und werden das auch auf andere Länder ausweiten.

SPIEGEL: Kommt der Homeoffice-Modus auch für Sie und den Krisenstab infrage?

Hartmann: Das ist leider überhaupt nicht miteinander zu vereinbaren, in unserer Arbeit kommt es auf Schnelligkeit und Präsenz an. Wir arbeiten in einem Mehrschichten-System.

SPIEGEL: Schlafen Sie schon im Auswärtigen Amt?

Hartmann: Nein, ich schlafe zu Hause und sogar recht gut.

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Fassung war nur von einem im Ausland verstorbenen Ehepaar die Rede, tatsächlich sind im Ausland bislang drei Deustche gestorben. Wir haben das korrigiert.

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