Rüstungsprojekt A400M Airbus ruft Militärflieger wegen Rissbildung zurück

Neue Hiobsbotschaften vom A400M: Airbus will an allen ausgelieferten Militärfliegern Teile des Rumpfs austauschen, dort waren Risse entdeckt worden. Der Mangel betrifft auch zivile Jets.

Triebwerk des Airbus A400M
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Triebwerk des Airbus A400M

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Der Rüstungsriese Airbus hat die Abnehmer des Militärtransporters A400M vor weiteren Verzögerungen gewarnt. So will Airbus alle bisher ausgelieferten A400M in die Werkstatt zurückrufen, um Teile des Rumpfs auszutauschen.

An den innen liegenden Verbindungsstreben der Flugzeughülle hatten sich bei einer französischen Maschine Risse gebildet. Deswegen will Airbus die Teile austauschen. Für die Reparaturmaßnahme kalkuliert der Hersteller mindestens sieben Monate pro Maschine ein.

Die Nachrichten von Airbus sind so gravierend, dass das Wehrressort noch am Abend die Abgeordneten des Bundestags informierte. Demnach will Airbus den umfangreichen Umbau auch an den drei bisher ausgelieferten A400M der Luftwaffe durchführen. Damit dürfte es weitere Verzögerungen in der schleppenden Modernisierung der Luftwaffe geben. Im Ministerium hieß es, möglicherweise sei der Umbau während so oder so geplanter anderer Reparaturen bei Airbus möglich. Sicher ist das allerdings nicht.

Die Airbus-Warnung kommt als spätes Eingeständnis. Bereits vor drei Wochen hatte DER SPIEGEL über die Riss-Problematik und die Einschätzung berichtet, dass die Teile ausgetauscht werden müssen. Die betroffenen Innenverstrebungen sind an einer kritischen Stelle des Fliegers eingebaut, sie bilden die Verbindung des Mittelrumpfs zu den Tragflächen mit den Triebwerken. Experten vermuten, dass die verwendete Legierung den starken Kräften dort nicht standhält.

Die festgestellten Risse sind zwar mit dem bloßen Auge kaum zu sehen, für die Bundeswehr aber ein weiteres Desaster.

"Der Hersteller ist jetzt gefordert, eine die verschiedenen Probleme umfassende Planung vorzulegen", konstatierte der Leiter der Rüstungsabteilung in dem Schreiben an die Abgeordneten. Damit fordert er Airbus auf, sowohl für der Mängel an den Triebwerken als auch für die Materialschwäche im Rumpf einen gemeinsamen Notfallplan mit verlässlichen Zeiten vorzulegen.

Triebwerksprobleme geben Anlass zur Sorge

Die Triebwerke machen dem Ministerium ähnlich große Sorgen. Auch dort sind offenbar Einzelteile verbaut, die der hohen Belastung im Betrieb nicht standhalten. In einem Triebwerk platze Material ab, seitdem müssen alle Propellermotoren in kurzen Abständen gewartet werden. Bisher kann Airbus nicht sagen, wann und wie der italienische Hersteller das Problem beseitigen kann. Nach eigenen Angaben will Airbus bis Ende des Jahres zumindest eine Übergangslösung präsentieren.

Die Bundeswehr steht wegen der immer neuen Probleme massiv unter Druck. Ursprünglich sollte der A400M das altersschwache Transportflugzeug der Luftwaffe in den nächsten Jahren Zug und Zug ersetzen. Die Transall-Flugzeuge müssen dringend ausgemustert werden, spätestens 2021 dürfen sie nicht mehr fliegen. Airbus aber hinkt Jahre hinter dem Lieferplan. Zudem weisen die drei deutschen A400M noch massive Mängel auf, sie müssen so oder so noch nachgerüstet werden.

Viel Vertrauen in Airbus versprüht das Ministeriumspapier nicht mehr. So räumt das Wehrressort erstmals schriftlich ein, dass man wegen der vielen Probleme beim A400M bereits nach Alternativen sucht. Etwas lapidar heißt es dazu im Schreiben, das Ministerium habe "den richtigen Weg eingeschlagen" und "mit Überlegungen zur Überbrückung einer möglicherweise eintretenden Fähigkeitslücke" bei der Bundeswehr begonnen.

Übersetzt aus dem Militärdeutsch heißt das: Da die A400M für die Luftwaffe vermutlich nicht rechtzeitig geliefert werden, hält man nach anderen Fliegern auf dem Markt Ausschau. Die Aussage wirkt dabei wie eine Drohung an den Hersteller Airbus. Müsste die Bundeswehr tatsächlich andere Flugzeuge beschaffen, setzt sie darauf, sich die Kosten über Schadensersatz von Airbus zurückzuholen. Abseits der Blamage durch den A400M könnte es also teuer werden, wenn man nicht liefern kann.

Auch zivile Flieger könnten betroffen sein

Bei Airbus dürfte eine andere Sorge die Manager fast noch mehr umtreiben. So wurden Flugzeugteile aus dem jetzt aufgefallenen Werkstoff, einer speziell entwickelten Aluminium-Zink-Legierung, wohl auch in zivilen Flugzeugen des Mega-Konzerns verbaut. In Fachforen zeigen sich Kenner sicher, dass zumindest im ganz neuen A350-Verkehrsflugzeug Verstrebungen aus der Legierung installiert sind, die im A400M Risse bildete. Der A350 ist erst seit 2014 auf dem Markt. Rund 20 Flieger sind ausgeliefert, fast 800 Stück sind fest bestellt, es ist eines der Prestige-Objekte von Airbus.

Wenn die Probleme auch die zivilen Flieger betreffen, erlebt Airbus einen zweiten Albtraum. Als 2012 Haarrisse in den Tragflächen des Riesenjets A380 entdeckt wurden, war Airbus wochenlang in den Negativschlagzeilen. Eine eilig aufgestelltes Austauschprogramm kostete mindestens 250 Millionen Euro. Den Schaden durch den massiven Imageschaden mag man kaum abschätzen. Dieser Tage heißt es bei Airbus, die beiden Vorgänge seien vom Umfang nicht zu vergleichen. Noch nicht jedenfalls.

Im Bundestag sorgte die Information nach einer Woche mit etlichen Negativmeldungen von Airbus nur noch für Sarkasmus. "Inzwischen entwickeln sich die Neuigkeiten beim A400M zu einer Seifenoper mit täglich schlechten Nachrichten", sagte der Grünen-Abgeordnete Tobias Lindner am Freitagabend. Im Ministerium sieht man das nur partiell anders. Man müsse beim A400M jederzeit mit Überraschungen rechnen, heißt es dort.

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shardan 13.05.2016
1. Fehlplanung
Wie so manches große Projekt ist der A400M eine Fehlplanung größten Ausmaßes... wie viele Millionen an Steuergeldern sind auf dem Umweg über die EU eigentlich da hinein geflossen, noch bevor die Militärs da Aufträge vergeben haben? Einstampfen, Aufträge zurückziehen und ein zuverlässiges, bewährtes Flugzeug kaufen statt einem Fass ohne Boden, dass immer neue Kosten aufwirft.
Bruno 13.05.2016
2.
"So wurden die betroffenen Flugzeugteile aus einer speziell entwickelten Aluminium-Zink-Legierung nach wohl auch in zivilen Flugzeugen verbaut." Mit Sicherheit nicht... A400M und A350 sind 2 komplett verschiedene Flugzeuge. Viel wahrscheinlicher ist, dass die betreffende 7XXXer Legierung auch in anderen Flugzeugen verwendung findet, d. h. aber nicht, dass die gleichen Teile verbaut wurden. Wenn die zulässigen Festigkeitswerte für diese Legierung zu hoch angenommen wurden, könnte es aber in der Tat teuer werden
oldman2016 13.05.2016
3. Falsche Legierung?
Hört sich irgendwie an, als ob am falschen Ende gepart worden ist. Risse hatte doch auch der A 380, wenn ich mich richtig erinnere. Airbus soll sich in Air-Riss-Bus umbenennen.
trallafitti 13.05.2016
4. Tja,...
...wahrscheinlich haben die Optimierer wieder zugeschlagen. Kosten und Prozesse müssen ja ständig optimiert werden. Macht sich in den Kalkulationen hervorragend, rächt sich halt später. Gerade heute hatte ich ein Gespräch mit jemandem aus der Baubranche. Der hat mir gesagt, dass er nicht verstünde, warum man Dinge erst mal möglichst billig macht, und dann teuer nachbessern muss. Da könnte man es doch gleich von Anfang an vernünftig machen, kommt am Ende günstiger. Sieht halt nur in der Anfangskalkulation blöd aus. Selber Schuld.
bissig 13.05.2016
5.
Gut, Airbus hat Probleme mit dem Ding. Kann ich auch verstehen - wenn eine Firma, die bisher mit Turbinen angetriebene Zivilflugzeuge gebaut hat, ein Flugzeug entwickeln soll, das wesentlich extremere Flugmanöver ausführen muss, härteren Belastungen ausgesetzt ist, mit dem der Besitzer kein Geld verdienen kann und welches mit neu zu entwickelnden Turboprop-Motoren angetrieben wird, dann ist so etwas zu erwarten. VW-Ingenieure und Ferrari-Konstruktuere können auch nicht ohne Weiteres einen Panzer oder einen LKW entwickeln, der auf Anhieb funktioniert und alle Erwartungen erfüllt. Gerade Flugzeuge sind IMMER Kompromisslösungen, bei denen man glaubt, verschiedensten teils konkurrierenden Anforderungen bestmöglichst gerecht zu werden. Diejenigen, die jetzt jammern und schimpfen, wollten es aber nicht anders. Es gab ja Alternativen, und entgegen dem Wunsch von Airbus musste es dann auch noch ein neu zu entwickelndes europäischesTriebwerk sein. Die Probleme, die es bei den neuen Fliegern gibt/gab, liegen daran, dass man technisches Neuland betreten hat. Ganz einfach. Die De Havilland Comet (Alu-Druckkabine) ist damals auch vom Himmel gefallen, weil Risse aufgetreten sind, mit denen man nicht gerechnet hat. Sowas nennt man auch unternehmerisches Risiko. Wollte man ein Produkt heutzutage solange entwickeln und testen, bis es 100% ausgereift ist, müssten wir Produkte kaufen, die technisch auf dem Stand von vor 10 Jahren sind.
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