Rüttgers' Debakel Absturz des Möchtegern-Arbeiterführers

Er gerierte sich gern als mächtiger Landesfürst und galt als einer der Kronprinzen von Angela Merkel. Auch das Bundespräsidenten-Amt soll er angepeilt haben. Alles passé. Die krachende Niederlage bei den NRW-Landtagswahlen dürfte die politische Karriere von Jürgen Rüttgers jäh beenden.

Aus Düsseldorf berichtet


Jürgen Rüttgers setzt noch einmal sein strahlendes Lächeln auf. Für einen kurzen Moment funktioniert das. Der Ministerpräsident verabschiedet sich am Sonntagabend um kurz vor sieben gerade von seinen Anhängern, da erscheint auf dem Monitor links der Bühne stumm die jüngste Hochrechnung.

Die CDU liegt plötzlich hauchdünn vor der SPD. Rüttgers deutet auf den Bildschirm, er ballt kurz die Fäuste. Seht ihr, da geht noch was, soll seine Geste sagen. Die Christdemokraten im Zelt im Garten der Düsseldorfer Parteizentrale jubeln.

Dann schwindet das Lächeln wieder aus Rüttgers' Gesicht, er tritt ab. Es wird wieder still.

Sie glauben schon nicht mehr daran. Nicht einmal, dass sie doch noch als stärkste Kraft aus diesem Wahlkrimi hervorgehen können. Rüttgers nicht, und seine Fans auch nicht.

Schwarz-Gelb ist in NRW abgewählt, nach nur einer Wahlperiode. Um mehr als zehn Prozentpunkte bricht die Union ein, die vor fünf Jahren fast vier Jahrzehnte sozialdemokratischer Vorherrschaft zwischen Rhein und Weser beendet hatte. Rüttgers beklagt ein "bitteres Ergebnis": für die CDU und "für mich persönlich". Sein Blick ist eisig, die Augen seiner Frau Angelika neben ihm glänzen feucht. Als Trauergemeinde hat die Riege der CDU-Minister hinter ihrem Regierungs- und Parteichef Aufstellung genommen, vorn im Publikum kämpfen einige der jungen Wahlkampfhelfer mit den Tränen.

Von Jubel bis Enttäuschung

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Erklärt Rüttgers seinen Rücktritt? Nein, er bleibt

Als Rüttgers dann von der "politischen Verantwortung" spricht, die er für das Debakel tragen wolle, ist von irgendwo aus der Menge ein erschrockener Stoßseufzer zu hören. Erklärt der CDU-Landesvorsitzende tatsächlich seinen Rücktritt? Nein, Rüttgers bleibt. Zumindest an diesem Abend.

Doch auch seine Anhänger wissen jetzt, dass der 58-Jährige nach dieser krachenden Niederlage politisch am Ende ist. Selbst wenn die CDU letztlich doch noch vor der SPD landen sollte. Selbst wenn Rot-Grün doch keine Mehrheit haben sollte. Eine Große Koalition mit einem Ministerpräsidenten Rüttgers ist nach dieser Schlappe nicht mehr vorstellbar.

Kurz nach den ersten Hochrechnungen hat der Landesvorstand zusammengesessen, und Rüttgers hat völlig deprimiert angeboten, seine Ämter niederzulegen. Doch man hat ihn davon abgehalten. Der Vorstand habe ihn gebeten, für die notwendigen Gespräche zur Verfügung zu stehen, sagt Rüttgers. "Dem will ich nachkommen."

Das allerdings heißt nicht, dass Rüttgers in ein paar Tagen noch Parteichef ist. Von den Amts- und Mandatsträgern der Christdemokraten will am Sonntagabend noch niemand offen über die Zukunft ihres Vorsitzenden spekulieren. "Das ist heute kein Thema", sagt Integrationsminister Armin Laschet später im Fernsehen. Das klingt nicht nach Rückendeckung. Laschet sitzt in der Runde der Spitzenkandidaten, wo eigentlich Rüttgers sitzen sollte.

Er lässt sich entschuldigen und gibt damit ein klares Signal. Er weiß, er hat keine politische Zukunft mehr.

"Das war's für ihn", sagt ein Christdemokrat beim Wahlabend in der Landeszentrale. Auch bei der CDU in Berlin glaubt man nicht, dass Rüttgers sich halten kann. "Er ist ein Profi", heißt es auf der Veranstaltung in der Bundeszentrale. "Er weiß, was zu tun ist." Hoffentlich werde er am Montag seinen Rückzug ankündigen, meint einer - spätestens.

Seine Glaubwürdigkeit war massiv beschädigt

Rüttgers' Tage sind gezählt, seine politische Karriere beendet. Er hat es nicht geschafft, eine neue CDU-Ära in NRW einzuläuten. Seine Strategie, sich als Arbeiterführer, als Kümmerer, als Erbe von Landesvater Johannes Rau zu inszenieren, der das Land zwei Jahrzehnte für die SPD führte, ist gescheitert. Schuld am Desaster war nicht nur der katastrophale Start der schwarz-gelben Bundesregierung. Die Sponsoring-Affäre um die vermeintliche Käuflichkeit des Ministerpräsidenten hat Rüttgers' Glaubwürdigkeit massiv beschädigt.

In der Bundespolitik wird seine Stimme nun nicht mehr zählen. Als Regierungschef des bevölkerungsreichsten Bundeslandes und CDU-Bundesvize versuchte sich Rüttgers stets als soziales Gewissen der Partei zu profilieren. Ohne den Platz in der Düsseldorfer Staatskanzlei wird sein Einfluss künftig verschwindend gering sein. Auch seinen Traum, irgendwann einmal als Bundespräsident ins Schloss Bellevue einzuziehen, wird er nun beerdigen müssen.

Während die Spitzenkandidaten in den TV-Runden am Sonntagabend ohne ihn das Wahlergebnis und die Konsequenzen für NRW diskutieren, hat sich Jürgen Rüttgers mit Vertrauten in den ersten Stock in der Landeszentrale zurückgezogen. Unten im Garten hat sich das Zelt, in dem man eigentlich den Wahlsieg feiern wollte, längst geleert.

Und die wenigen verbliebenen Enttäuschten sprechen schon über einen möglichen Nachfolger als CDU-Landeschef. Es fallen Namen wie Norbert Röttgen, der Bundesumweltminister, Armin Laschet - und Friedrich Merz, der einstige Hoffnungsträger und Merkel-Widersacher.

insgesamt 548 Beiträge
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sysop 09.05.2010
1. NRW-Landtagswahl: Höchststrafe für das Berliner Koalitions-Gehampel
SPD und CDU liegen gleichauf, doch die FDP hat massiv verloren: Ersten Prognosen zufolge hat die schwarz-gelbe Regierung bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen ihre Mehrheit eingebüßt. Die Grünen haben deutlich zugelegt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,693862,00.html
Mischa Dreesbach, 09.05.2010
2. Bitte, jeder nur ein Kreuz....
Zitat von sysopSPD und CDU liegen gleichauf, doch die FDP hat massiv verloren: Ersten Prognosen zufolge hat die schwarz-gelbe Regierung bei den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen ihre Mehrheit eingebüßt. Die Grünen haben deutlich zugelegt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,693862,00.html
Super! Danke Nordrhein-Westfalen!
KurtFolkert 09.05.2010
3. Endlich...
...sind die Versager weg. Jetzt können die Nächsten kommen und versagen ^^
Foul Breitner 09.05.2010
4. unspektakulär
Zitat von Mischa DreesbachSuper! Danke Nordrhein-Westfalen!
Bei der Kassenlage ist auch von der neuen Regierung kein Wunder zu erwarten. Aber ein gutes Ergebnis für Lehrer. Der Wohlfühlfaktor ist wieder da. Ansonsten ist das das erwartete Ergebnis.
tim11q 09.05.2010
5. Wunsch Vater des Gedanken?
Wo hat die FDP denn massiv verloren?
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