Rüttgers im NRW-Wahlkampf Jürgens Musikantenstadl

Die Landes-CDU schwächelt, er muss um seine Macht kämpfen - und umgarnt nun die Konservativen: NRW-Ministerpräsident Rüttgers will deutsches Liedgut fördern und so den "kulturellen Reichtum" retten. Auch andere Politiker hielten die Musik einst hoch. Einer von ihnen fiel böse auf die Nase.

DDP

Von


Berlin - Es läuft nicht rund für Jürgen Rüttgers. Gut fünf Wochen ist die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen noch entfernt, und es sieht nicht so aus, als könne der Ministerpräsident mal eben durchsegeln. Seit die Landes-CDU ihn teuer an Sponsoren vermietete, kehrt ihm ausgerechnet der kleine Mann an Rhein und Ruhr den Rücken. Seine CDU dümpelt in Umfragen in den Mittdreißigern, die SPD hat aufgeschlossen. Rüttgers fehlt das zündende Thema.

Jetzt hat er sich was einfallen lassen: Rüttgers will das deutsche Liedgut retten. Statt HipHop sollen seine Landsleute wieder heimische Gassenhauer schmettern. Marianne und Michael wird's freuen.

"Wir wollen mit dem Landesmusikrat und dem Chorverband NRW ein umfassendes Programm zur Förderung des deutschen Volksliedes entwickeln", kündigte der Ministerpräsident in den "Ruhr Nachrichten" an. "Wir müssen auch unseren kulturellen Reichtum bewahren. Denn wer nicht weiß, woher er kommt, der weiß auch nicht, wohin er geht." Deshalb will Rüttgers die Lehrerschaft künftig dazu anhalten, im Unterricht wieder mehr Volkslieder zu singen. Zudem soll die Zusammenarbeit mit Verlagen gefördert werden, um "deutsches Liedgut gezielt zu verbreiten" - in Büchern, CDs oder PC-Spielen.

Ministerpräsident Albrecht trällerte mit seiner Familie

"Rettet die Volkslieder" soll das Programm heißen, aber Rüttgers dürfte auch die Rettung an anderer Stelle im Sinn haben: Die der stramm konservativen Wähler in seinem Land. Um die bei der Stange zu halten, legt er sich seit Jahren mächtig ins Zeug. Ein bisschen zu mächtig, wie seine Kritiker finden. Im Landtagswahlkampf 2000 entdeckte er die Ausländerpolitik für sich und holzte unter dem Mantra "Kinder statt Inder" gegen die Green-Card-Initiative von Bundeskanzler Gerhard Schröder. Im vergangenen Bundestagswahlkampf langte er abermals zu und zog gegen rumänische Arbeiter und chinesische Investoren vom Leder.

Jetzt soll also das Deutsche auf musikalische Weise gestärkt werden. Jürgens Musikantenstadl.

Eine ganz neue Idee ist das nicht. Die deutsche Volksmusik wird - meist von christdemokratischen Politikern - immer mal wieder hochgehalten. Ernst Albrecht, einst niedersächsischer Ministerpräsident, nahm mit seiner Familie 1978 eine Platte mit allerlei Volksliedern auf. Helmut Kohl zeigte sich gerne an der Seite von deutschen Schlagersängern. Unvergessen ist auch Walter Scheels Auftritt mit dem Düsseldorfer Männergesangsverein 1973: Mit dem Volkslied "Hoch auf dem gelben Wagen" stürmte der FDP-Vizekanzler die deutschen Charts.

Ein Parteifreund von Jürgen Rüttgers ist dabei aber schon einmal böse auf die Nase gefallen. Günther Oettinger, damals Ministerpräsident von Baden-Württemberg, ließ 2009 das Liederbuch seiner Landespartei neu auflegen. Doch neben alten Gassenhauern wie "Lebt denn der alte Holzmichel noch" und neueren Hits wie "Anton aus Tirol" fand sich im Liederbuch auch das sogenannte "Panzerlied" - ein bekanntes Wehrmachtslied. Und so flog Oettinger das Büchlein um die Ohren. Er musste es einstampfen lassen.

"Es fehlt den Deutschen die Kenntnis der vierten und fünften Liedstrophe"

Es ist also Vorsicht geboten beim deutschen Liedgut. Ob auch Rüttgers ein eigenes Liederbuch plant, war von der Landesregierung nicht in Erfahrung zu bringen. Wie auch immer - eine wichtige Unterstützerin dürfte der Ministerpräsident für sein Projekt haben: Kanzlerin Angela Merkel, deren Bundesregierung das deutsche Brauchtum ja neuerdings eine Herzensangelegenheit ist.

Aber auch was das Singen angeht, ist Merkel mit Rüttgers auf einer Linie. 2005 forderte sie in der "FAZ", das heimische Liedgut wieder verstärkt zu pflegen, und beklagte sich über die mangelnden Kenntnisse von Volksliedern hierzulande. "Es fehlt den Deutschen die Kenntnis der vierten und fünften Liedstrophe", rügte die damalige Kanzlerkandidatin.

insgesamt 2830 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kleiner-moritz 06.03.2010
1.
Zitat von sysopDie Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen rückt näher. Wer wird am Ende als Sieger hervorgehen? Welche Koalitionen sind denkbar?
Wer gern auf dem Basar einkauft, der wird an dem Gefeilsche und Gejammere der SPD wegen des bösen Sponsorings (http://www.net-tribune.de/nt/node/19177/news/Das-waere-peinlich-fuer-Gabriel-Sponsoring-Affaere-nun-auch-bei-der-SPD) der CDU sicher keinerlei Anstoß nehmen und unbekümmert SPD ankreuzen.
discipulus, 06.03.2010
2.
Zitat von kleiner-moritzWer gern auf dem Basar einkauft, der wird an dem Gefeilsche und Gejammere der SPD wegen des bösen Sponsorings (http://www.net-tribune.de/nt/node/19177/news/Das-waere-peinlich-fuer-Gabriel-Sponsoring-Affaere-nun-auch-bei-der-SPD) der CDU sicher keinerlei Anstoß nehmen und unbekümmert SPD ankreuzen.
Und wem es gleichgültig ist, dass Politiker bestechlich sind, der wird unbekümmert bei Schwarzblaugelb das Kreuz machen.
HHeureka 06.03.2010
3.
Zitat von kleiner-moritzWer gern auf dem Basar einkauft, der wird an dem Gefeilsche und Gejammere der SPD wegen des bösen Sponsorings (http://www.net-tribune.de/nt/node/19177/news/Das-waere-peinlich-fuer-Gabriel-Sponsoring-Affaere-nun-auch-bei-der-SPD) der CDU sicher keinerlei Anstoß nehmen und unbekümmert SPD ankreuzen.
Und wer Parteiprogramme aufmerksam liest, die Worte von Politikern mit ihren Taten vergleicht, einen Blick für Realität und das Machbare hat und trotzdem das Optimale will, wird hoffentlich das Kreuz bei denen machen die am besten zur persönlichen Einstellung und zu einer funktionierenden Gesellschaft passen. Zumindest sollte es in einer Demokratie so laufen.
astrid1814 06.03.2010
4. Hallo was ist das denn?
Zitat von HHeurekaUnd wer Parteiprogramme aufmerksam liest, die Worte von Politikern mit ihren Taten vergleicht, einen Blick für Realität und das Machbare hat und trotzdem das Optimale will, wird hoffentlich das Kreuz bei denen machen die am besten zur persönlichen Einstellung und zu einer funktionierenden Gesellschaft passen. Zumindest sollte es in einer Demokratie so laufen.
Wie heißt die Partei? Her damit, die kriegt sofort mein Kreuzlein.
saul7 06.03.2010
5. ++
Zitat von sysopDie Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen rückt näher. Wer wird am Ende als Sieger hervorgehen? Welche Koalitionen sind denkbar?
Obwohl es zwischen SPD und LINKE erhebliche Differenzen gibt, kann ich mir vorstellen, dass sie sich, wenn die Wählervoten es hergeben, zu einer Koalition entschließen könnten. Eventuell mit den GRÜNEN zusammen. Für Schwarz/Gelb wird es vermutlich nicht reichen, und Jamaika haben die GRÜNEN ausgeschlossen. Eine Ampel liegt auch noch im Bereich des Möglichen. Die SPD-Vorsitzende in NRW wird alles tun, um die jetzige Lendesregierung abzulösen und damit auch Einfluss auf die Bundesregierung qua Bundesrat zu bekommen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.