Studie So denken die Russen in Deutschland

Sie werden von der AfD hofiert, gingen für die angeblich vergewaltigte Lisa auf die Straße: Leben die russischsprachigen Bürger in einer Parallelwelt? Welchen Einfluss haben russische Medien auf sie? Antworten gibt eine neue Umfrage.

Kundgebung mit Russlanddeutschen in Nürnberg (Archiv)
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Kundgebung mit Russlanddeutschen in Nürnberg (Archiv)

Von , Moskau


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Wütend schwenkten sie Plakate mit der Aufschrift "Unsere Kinder sind in Gefahr", verlangten die sofortige Abschiebung von kriminellen Ausländern. Anfang des Jahres gingen Hunderte Russlanddeutsche auf die Straße, teils gemeinsam mit Pegida- und NPD-Anhängern. Sie protestierten gegen die angebliche Vergewaltigung einer 13-jährigen Deutschrussin durch Migranten. Auch der russische Außenminister Sergej Lawrow meldete sich zu Wort, warf den deutschen Behörden Vertuschung vor.

Die Vergewaltigung hat es nach Ermittlungen der Polizei nie gegeben. Der "Fall Lisa" - eine Falschmeldung, wochenlang befeuert durch kremlnahe Medien. Geblieben sind die Bilder der zornigen Russischstämmigen, die, wie der Kreml in den staatsnahen Medien darstellen lässt, in einem düsteren, unsicheren Europa leben müssen, zumal in Zeiten der Flüchtlingskrise. Und die Frage, wie zufrieden die russischsprachigen Bürger in Deutschland eigentlich mit der Demokratie hierzulande sind und welchen Einfluss die kremlnahen Medien auf sie haben?

Einige Antworten liefert nun eine Studie "Russen in Deutschland", die die Boris-Nemzow-Stiftung am Montag auf ihrem Forum gemeinsam mit der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung in Berlin vorgestellt hat. Schanna Nemzowa, Tochter des vor einem Jahr ermordeten Putin-Kritikers, hatte die Organisation ins Leben gerufen.

Hier die wichtigsten Ergebnisse der Umfrage, die die Meinungsforscher von Ipsos vom 8. August bis 2. September 2016 in 606 Telefoninterviews erhoben haben. Befragt wurden russischsprachige Bürger in Deutschland, zum überwiegenden Teil stammen sie aus Russland und Kasachstan, die vor allem in den neunziger Jahren als Spätaussiedler, sogenannte Russlanddeutsche, nach Deutschland gekommen sind.

Die Mehrheit der in Deutschland lebenden russischsprachigen Menschen - vier von fünf - fühlt sich der Erhebung zufolge in ihrer neuen Heimat integriert. Nur drei Prozent geben an, nicht integriert zu sein. Das korrespondiert mit den Ergebnissen eines Forschungsberichts des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) aus dem Jahr 2013, der sich mit den deutschstämmigen Migranten aus den Ex-Sowjetrepubliken beschäftigte. Deren schulische und berufliche Qualifikation sei relativ hoch, die meisten von ihnen zeichneten sich dadurch aus, dass sie überhaupt nicht auffallen.

Dabei ist die Sprache der Schüssel: Wer sehr gut Deutsch spricht, fühlt sich stärker integriert. Auch die Jüngeren geben in der neuen Erhebung an, besser integriert zu sein. Klicken Sie hier, um die Werte zu vergleichen:

44 Prozent der russischsprachigen Bürger verstehen sich als deutsch, 18 Prozent bezeichnen sich als russisch, 19 Prozent als Europäer.

Eine große Mehrheit steht hinter der Demokratie: 84 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass es für sie wichtig ist, in einer Demokratie zu leben. Nur für ein Prozent ist es unwichtig.

Fast zwei Drittel äußern sich zufrieden über die deutsche Demokratie. Mehr als ein Viertel erklärt, mit der Demokratie in Russland nicht zufrieden zu sein. 31 Prozent machen allerdings zur russischen Demokratie unter Präsident Wladimir Putin keine Angaben; das mag auch damit zusammenhängen, dass viele der Bürger bereits vor Jahren nach Deutschland gekommen sind. Klicken Sie hier, um die Werte für die beiden Länder zu vergleichen:

Eine Mehrheit der russischsprachigen Bürger informiert sich vorwiegend in deutschen Medien. Die neue Erhebung legt detaillierte Zahlen für die verschiedene Bereich Internet, Zeitungen, Fernsehen und Radio vor. Laut der Umfrage nutzt die Minderheit, 37 Prozent der Befragten, Medien im Internet ausschließlich in russischer Sprache; Fernsehen schauen 40 Prozent nur auf Russisch. Diese Zahlen widerlegen somit den Eindruck, der Bürger mit russischem Hintergrund würden sich überwiegend über "ihre" russischen Medien informieren.

Allerdings traut eine Mehrheit der Befragten stärker den russischen als den westlichen Medien. Gerade einmal 19 Prozent geben an, diesen Angeboten zu trauen; bei den russischen sind es 30 Prozent. Damit wird ein Vertrauensgefälle deutlich, das der Kreml durch den Ausbau eigener Medien - auch in Deutschland - in den vergangenen Jahren zu nutzen versucht.

Deutlich ist die Einstellung der Bürger mit russischem Hintergrund in der Flüchtlingspolitik. Eine breite Mehrheit will die Grenzen für Migranten schließen. 72 Prozent der Befragten glauben, dass Terroristen sich als Flüchtlinge ausgeben. Damit unterstützen Russischsprachige Thesen, die auch die rechtspopulistische Partei AfD vertritt. Diese umwirbt die Russlanddeutschen, teils sogar mit russischer Wahlwerbung, wie zuletzt beim Wahlkampf um das Berliner Abgeordnetenhaus.

Zudem glaubt der Großteil der russischsprachigen Bürger und Russischstämmigen in Deutschland nicht, dass sich die Flüchtlinge in die europäischen Gesellschaften einleben können. Gerade einmal 19 Prozent der Befragten meinen, dass die Migranten das schaffen können, was sie selbst erreicht haben: die erfolgreiche Integration in ihrer neuen Heimat.


Zusammengefasst: Die Mehrheit der russischsprachigen Bürger fühlt sich gut integriert in der deutschen Gesellschaft. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie der Boris-Nemzow-Stiftung. Fast zwei Drittel der Befragten sind zufrieden mit der deutschen Demokratie. Auch wenn sich der Großteil in deutschen Medien informiert, trauen doch mehr russischsprachige Bürger den russischen Medien. In der Flüchtlingsfrage sind die Befragten sehr konservativ. Sie finden: Die Grenzen Deutschlands sollten geschlossen werden.

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