Tiergarten-Mord Russischer Geheimdienst spielte offenbar zentrale Rolle bei Erschießung

Indizien deuteten auf eine Verwicklung Moskaus in den Mord an einem Georgier in Berlin hin. Recherchen des SPIEGEL mit Bellingcat und The Insider belegen nun, wo der Attentäter trainierte.
Mord in Berlin: Blick auf den Tatort am 23. August 2019

Mord in Berlin: Blick auf den Tatort am 23. August 2019

Foto: Christoph Soeder/ DPA

Der russische Inlandsgeheimdienst FSB spielte offenbar eine zentrale Rolle bei der Erschießung des Georgiers Zelimkhan Khangoshvili im vergangenen August in Berlin. Recherchen des SPIEGEL und seiner Kooperationspartner Bellingcat und The Insider zeigen, dass der mutmaßliche Attentäter Vadim Krasikov in den Wochen und Monaten vor seinem Anschlag auf Khangoshvili im engsten Austausch mit Vertretern des Vympel-Teams stand, einer Vereinigung ehemaliger Speznaz-Kräfte des FSB. Zudem hielt er sich mehrfach in FSB-Liegenschaften auf, insbesondere in einem geheimen Trainingszentrum für Spezialkräfte.

Damit verdichtet sich die Indizienkette gegen den russischen Staat als Auftraggeber für den Mord an Khangoshvili. Bereits Ende vergangenen Jahres hatte Generalbundesanwalt Peter Frank den Fall wegen seiner besonderen Bedeutung übernommen. Er stellte damit den Vorwurf des Staatsterrorismus in den Raum, auch wenn er stets betonte, er gehe einem "Anfangsverdacht" nach.

In den kommenden Wochen wollen die Karlsruher Ermittler Krasikov dem Vernehmen nach anklagen. Das macht weitere diplomatische Verstimmungen zwischen der Bundesregierung und dem Kreml wahrscheinlich. Die Bundesregierung hatte bereits bei der Übernahme des Falls durch Karlsruhe zwei als russische Diplomaten getarnte Agenten ausgewiesen. Im Gegenzug hatte Moskau zwei deutsche Diplomaten nach Hause geschickt.

Die Indizien für den FSB als zentralen Spieler basieren unter anderem auf der Auswertung von Krasikovs Mobiltelefon. Demnach hatte er in den Monaten vor dem Mord regelmäßigen Kontakt zu insgesamt acht Mitgliedern des Vympel-Teams, besagter Organisation ehemaliger Spezialkräfte des FSB.

Heraus stechen Gespräche mit Eduard Bendersky, dem Vorsitzenden der Vympel-Vereinigung. Zwischen März und August 2019 sprachen beide mehr als 20 Mal miteinander, am häufigsten in den Wochen vor dem Anschlag auf Khangoshvili. Bendersky ist ein ehemaliger Angehöriger der Spezialkräfte des FSB und besitzt mehrere private Sicherheitsfirmen.

Öffentlich fungiert Bendersky bisweilen als De-facto-Sprecher der Abteilung V des FSB, einer inzwischen auf Antiterroroperationen spezialisierten Gruppe innerhalb des FSB. Sie ist der Nachfolger der Vympel-Einheit - einer FSB-Spezialeinheit, die auf Destabilisierungsoperationen außerhalb Russlands und gezielte Tötungen spezialisiert war und Namensgeber für die heutige Ehemaligen-Organisation der FSB-Spezialkräfte ist.

Heutiger Vympel-Vorsitzender Bendersky im Januar 2012 als Vertreter des Jagdsports bei einem Treffen mit dem damaligen Premierminister Wladimir Putin

Heutiger Vympel-Vorsitzender Bendersky im Januar 2012 als Vertreter des Jagdsports bei einem Treffen mit dem damaligen Premierminister Wladimir Putin

Foto: YANA LAPIKOVA/ RIA NOVOSTI/ AFP

Im Jahr 2003 geleakte Briefe angeblich frustrierter FSB-Kräfte legten nahe, dass Bendersky als inoffizieller Link zwischen privaten Sicherheitsfirmen und dem Zentrum für Spezialoperationen des FSB fungierte. In dem Zentrum sind die Eliteeinheiten A und V des FSB zusammengelegt. Es wird von General Alexander Tikhonov geleitet, der als "Held Russlands" vom Präsidenten persönlich geehrt wurde - mit der höchsten Auszeichnung des Landes.

Bendersky und Krasikov sprachen auch in dem Zeitraum miteinander, in dem Krasikovs Fake-Identität als "Vadim Sokolov" aufgebaut wurde. Krasikov war als Sokolov über Paris und Warschau nach Deutschland eingereist. Ermittler des Generalbundesanwalts und des LKA Berlin konnten seine wahre Identität durch Zufall ermitteln. Bendersky erklärte auf Anfrage, er habe noch nie von Krasikov gehört. Der Kreml hat in der Vergangenheit stets zurückgewiesen, etwas mit dem Mord zu tun zu haben.

Russland hatte bereits einmal nach Krasikov im Zusammenhang mit einem Mord gefahndet, der wie der an Khangoshvili von einem Fahrrad aus begangen worden war. Später war die Fahndung ohne Begründung zurückgezogen worden. Ein Abgleich der Bilder von Sokolov und Krasikov mittels einer Gesichtserkennungssoftware durch Bellingcat und den SPIEGEL ergab Übereinstimmungen von über 80 Prozent.

Eine Auswertung von Funkzellendaten zu Krasikovs Telefon ergab zudem, dass er sich womöglich in Trainingszentren für Spezialeinheiten des FSB auf seinen Mord vorbereitete. Die Funkzellendaten legen für den Zeitraum zwischen Februar und August 2019 zwei Besuche in der Zentrale der Antiterror-Abteilung des FSB nahe, acht Aufenthalte im Zentrum für Spezialoperationen sowie vier Aufenthalte im FSB-Trainingszentrum für Spezialkräfte in Averkyevo, rund 60 Kilometer entfernt vom Zentrum für Spezialoperation östlich von Moskau. Einer dieser Aufenthalte dauerte vier Tage.

In dem Trainingszentrum in Averkyevo werden Spezialkräfte ausgebildet, unter anderem in besonderen Schießtechniken.

Russland-Experten in deutschen Sicherheitsbehörden hatten bereits vergangenes Jahr vermutet, Krasikov könne ein ehemaliges Mitglied in einer Speznaz-Einheit sein. Tätowierungen auf seinen Armen ließen diese Vermutung zu.

In den drei Wochen vor dem Mord an Khangoshvili telefonierte Krasikov mehrfach mit aktiven oder ehemaligen Mitgliedern der Abteilung V des FSB.

Opfer Zelimkhan Khangoshvili: Im zweiten Tschetschenien-Krieg gegen russische Einheiten gekämpft

Opfer Zelimkhan Khangoshvili: Im zweiten Tschetschenien-Krieg gegen russische Einheiten gekämpft

Foto: Olaf Wagner/ imago images

Krasikov hatte am 23. August 2019 den Georgier Zelimkhan Khangoshvili am helllichten Tag in Berlins Kleinem Tiergarten erschossen. Kurz darauf war er gefasst worden. Das Opfer hatte im zweiten Tschetschenien-Krieg gegen russische Einheiten gekämpft und später für georgische, ukrainische und womöglich US-amerikanische Sicherheitsbehörden gearbeitet. Dabei ging es fast immer gegen russische Interessen.

Khangoshvili hatte bereits 2015 in Georgien einen Mordversuch überlebt. Später floh er in die Ukraine und von dort nach Deutschland. Bereits 2012 hatte der FSB ihn als mutmaßliches Mitglied der Terrororganisation bei deutschen Behörden gemeldet.

Während kurz nach dem Mord noch Spekulationen über eine Fehde unter Kriminellen aus Tschetschenien oder tschetschenischen Islamisten spekuliert wurde, konnten Bellingcat, der SPIEGEL und das Londoner Dossier Center bereits früh zeigen, dass Krasikov seine falsche Identität "Vadim Sokolov" nur mit aktiver Hilfe des russischen Staates erlangen konnte.

In Sicherheitskreisen hieß es am Wochenende, dass trotz der offenbar intensiven Verbindungen Krasikovs zum FSB auch eine Einbindung des russischen Militärgeheimdienstes GRU in den Mord nicht unwahrscheinlich sei.

Die GRU soll hinter dem Mordanschlag auf den russischen Ex-Agenten Sergej Skripal 2018 in Großbritannien stecken. Zudem unterhält sie eine Elitetruppe, auf deren Konto Destabilisierungsoperationen und Morde in ganz Europa zurückgehen sollen . Für eine Verwicklung der GRU in den Tiergarten-Mord spricht, dass die insolvente Firma, die Krasikov bei seinem Visumsantrag angab, eine Faxnummer nutzt, die früher in das russische Verteidigungsministerium führte.

Anmerkung der Redaktion: Eine frühere Version dieses Berichts verortete Averkyevo östlich von Moskau, richtig ist westlich. Wir haben den Fehler korrigiert.

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