Anschlag auf Skripal Deutsche Politiker warnen vor Boykott der Fußball-WM in Russland

Nach Großbritannien hat auch Island angekündigt, dass keine Regierungsmitglieder zur Fußball-WM nach Russland reisen werden. Viele deutsche Abgeordnete sehen einen politischen Boykott hingegen skeptisch.

Politiker aus den Koalitionsparteien und der Opposition äußern Vorbehalte gegen die Idee, der Fußballweltmeisterschaft wegen der aktuellen politischen Entwicklungen fernzubleiben. "Ich bin gegen einen politischen Boykott der Fußball-WM in Russland", sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Norbert Röttgen (CDU), dem SPIEGEL. "Es gibt eine starke internationale Reaktion auf den Fall Skripal - dem sollte jetzt kein weiterer Überbietungswettbewerb folgen." Röttgen sagte weiter: "Der Sport muss in dem Konsequenzen-Katalog ganz am Ende stehen - hier geht es immer auch um Völkerverständigung."

Zuvor hatte Island angekündigt, dass wegen des Giftanschlags auf den früheren russischen Agenten Sergej Skripal und dessen Tochter in Großbritannien keine Politiker und Funktionäre aus dem Land zur WM reisen werden. Die britische Premierminister Theresa May hatte bereits Mitte März erklärt, dass weder Regierungsmitglieder noch Vertreter des Königshauses das Turnier besuchen werden. Die WM ins Russland findet vom 14. Juni bis zum 15. Juli statt.

Auch der außenpolitische Sprecher der Unionsbundestagsfraktion, Jürgen Hardt (CDU), lehnt eine solche Maßnahme der deutschen Seite ab: "Ich halte den Boykott von internationalen Sportveranstaltungen für kein kluges Instrument der Diplomatie."

Der außenpolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Bijan Djir-Sarai, sagte dem SPIEGEL: "Ich halte nichts davon, die WM diplomatisch zu boykottieren. Bei aller berechtigten Kritik an Russland warne ich vor einer Eskalationsspirale."

Grünen-Politiker Nouripour: "Nur der Sportminister sollte reisen"

Doch es gibt auch entgegengesetzte Einschätzungen. Omid Nouripour, außenpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion, erklärte: "Kein Regierungsmitglied sollte zur WM nach Russland fahren, abgesehen vom Sportminister." Nouripour weiter: "Der Konflikt muss politisch geklärt werden, nicht am Spielfeld."

Zuletzt hatten zahlreiche Länder aus Solidarität mit Großbritannien russische Diplomaten ausgewiesen, inzwischen reagierte auch die Nato mit entsprechenden Schritten.

Bei der vergangenen Fußball-WM in Brasilien 2014 war der auch für Sport zuständige damalige Innenminister Thomas de Maizière (CDU) angereist, unter anderem zum Spiel der deutschen Mannschaft am 30. Juni gegen Algerien. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) reiste am 16. Juni zum ersten Spiel der deutschen Mannschaft gegen Portugal - in Begleitung von Bundestagsabgeordneten mehrerer Fraktionen. Zum Finale am 13. Juli, das die deutsche Mannschaft gegen Argentinien bestritt, kam Merkel erneut, diesmal in Begleitung der Vorsitzenden der im Bundestag vertretenen Fraktionen. Auch der damalige Bundespräsident Joachim Gauck flog für das Finalspiel nach Brasilien.

Offen, welche deutschen Vertreter nach Russland reisen

Ob der neue Innen- und Sportminister Horst Seehofer nach Russland reisen wird, ist offen. Zuletzt äußerte sich der CSU-Politiker in der "Bild"-Zeitung klar gegen einen Boykott des Turniers. "Politische Probleme muss die Politik lösen und nicht der Sport."

Über die Reiseplanungen Merkels ist bislang nichts bekannt. "Das wird zu gegebener Zeit entschieden", sagte ein Regierungssprecher. Eine Sprecherin von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erklärte: "Es gibt derzeit keine konkreten Planungen für eine weitere Reise des Bundespräsidenten nach Russland."

Der damalige Bundespräsident Gauck war den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi aus Protest gegen die Politik Russlands ferngeblieben. Kanzlerin Merkel hat sich in der Vergangenheit stets gegen den politischen Boykott von politischen Großereignissen gestellt.

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