Umfrage Deutsche wünschen sich engere Partnerschaft mit Russland

Sanktionen, Provokationen, Eiszeit - viele Deutsche würden das Verhältnis zu Russland gerne ändern, zeigt eine Umfrage. Alarmierend: Viele Russen sehen sich nicht als Teil Europas.

Demonstration der Kreml-nahen Jugendorganisation Nashi (Archivfoto)
AP

Demonstration der Kreml-nahen Jugendorganisation Nashi (Archivfoto)

Von , Moskau


Russen und Deutsche wünschen sich, dass ihre Länder stärker zusammenarbeiten. Zu diesem Schluss kommt eine repräsentative Meinungsumfrage, die von der Körber-Stiftung in beiden Ländern in Auftrag gegeben wurde.

81 Prozent der Deutschen plädieren für engere Beziehungen zu Russland, lediglich die Beziehungen zu Frankreich sind den Deutschen noch wichtiger (89 Prozent). Die USA liegen mit 59 Prozent auf dem dritten Platz der Rangliste der wichtigsten Partner.

Auf russischer Seite rangiert Deutschland mit 62 Prozent auf Position eins, knapp vor China mit 61 Prozent auf Rang zwei. Andere Umfragen hatten bislang eine massive Verschlechterung des Deutschland-Images in Russland festgestellt.

Wie soll die Zusammenarbeit nach Ansicht der Befragten in Zukunft aussehen? Den Deutschen ist vor allen Dingen die Lösung des Syrienkonflikts ein Anliegen, 49 Prozent wollen Russland hier einbeziehen. In Syrien war im Februar unter Vermittlung Moskaus und Washingtons eine landesweite Waffenruhe zwischen Regierungstruppen und moderaten Rebellen ausgehandelt worden. Beide Seiten werfen sich jedoch gegenseitig Verstöße vor. Russland hatte seit Herbst 2015 das Regime in dem Bürgerkriegsland militärisch unterstützt, aber Mitte März seine Truppen teilweise aus dem Land abgezogen.

Der Syrienkonflikt hat für die von der Körber-Stiftung befragten Russen nur eine niedrige Priorität. Für sie sind der Ausbau der Wirtschaftsbeziehung zu Deutschland (29 Prozent) und eine gemeinsame Terrorbekämpfung (35 Prozent) am wichtigsten.

Einig sind sich Russen und Deutsche im Fall der vom Westen und Russland gegenseitig verhängten Sanktionen. 79 Prozent der Russen wollen eine Aufhebung der Strafmaßnahmen, auf deutscher Seite sind es 69 Prozent. Eine Ablehnung der Politik der Bundesregierung ergibt sich daraus allerdings nicht: Mehr als die Hälfte der Bundesbürger hält die Politik der EU gegenüber Russland für angemessen.

Uneinigkeit herrscht in der Frage des richtigen Umgangs mit der Ukraine: In Deutschland finden 60 Prozent eine engere Anbindung der Ukraine an Europa für richtig, 66 Prozent der Russen halten das für falsch.

Wo liegen Gemeinsamkeiten und Unterschiede im demokratischen Verständnis? Auch das hat die Körber-Stiftung abgefragt. Sowohl Russen als auch Deutschen sind unabhängige Gerichte wichtig (86 bzw. 95 Prozent Zustimmung). Eine große Mehrheit in beiden Ländern hält eine funktionierende Demokratie ohne Opposition für undenkbar.

Große Unterschiede gibt es dagegen, was die Rolle der Medien angeht: 77 Prozent der Russen finden, es sei Aufgabe von Journalisten, die Regierung zu unterstützen. In Deutschland denkt nur ein Drittel so. 58 Prozent der russischen Befragten halten Streiks und Demonstrationen für gefährlich und würden sie am liebsten verbieten lassen - dieser Meinung sind nur elf Prozent in Deutschland.

Die größte Diskrepanz zeigt sich bei der Einstellung gegenüber gleichgeschlechtlichen Beziehungen. Während in Deutschland eine Minderheit von 20 Prozent der Meinung ist, Partnerschaften sollten nur Männer und Frauen eingehen, sind es in Russland 94 Prozent.

Ist Russland ein Teil Europas? Nein, sagt eine knappe Mehrheit sowohl in Deutschland (50 Prozent) als auch in Russland (51 Prozent). Als Grund dafür wird am häufigsten genannt, beide Länder würden nicht die gleichen Werte teilen. Daneben spielt Russlands geografische Lage eine Rolle.

Bedenklich: Die Entfremdung betrifft besonders stark jüngere Russen. Von den 18- bis 29-Jährigen geben nur 42 Prozent an, ihr Land gehöre zu Europa. Unter den 30- bis 44-Jährigen sind es sogar nur 31 Prozent. Die älteren Russen sind anderer Meinung. 54 Prozent der Befragten, die über 60 Jahre alt waren, sehen Russland als Teil Europas.

Die Umfrage wurde vom Meinungsforschungsinstitut TNS zwischen dem 22. Februar und 8. März durchgeführt. Befragt wurden 1000 Personen im Alter ab 18 Jahren in Deutschland und 1024 in Russland.

beb

insgesamt 121 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
yvowald@freenet.de 27.04.2016
1. Trump ist nicht zu trauen
Die politische Erkenntnisfähigkeit vieler Deutscher scheint doch deutlich größer, als es Berufspolitikerinnen und Berufspolitiker vermuten. Hut ab! Das russische Volk steht uns Deutschen erheblich näher als die US-amerikanische Mentalität. Wir sollten deshalb alles daransetzen, unser Verhältnis zur Russischen Föderation Schritt für Schritt zu verbessern. Was uns aus den USA erwartet, wissen wir noch nicht. Wenn dieser Herr Trump tatsächlich US-Präsident werden sollte, müßten die Karten sowieso neu gemischt werden. Denn diesem Herrn ist allem Anschein nach nicht zu trauen.
ulfD 27.04.2016
2.
"Alarmierend: Viele Russen sehen sich nicht als Teil Europas." Das ist nicht alarmierend sondern verständlich wenn man sich den Zustand und die Handlungen Europas ansieht. Ich schäme mich auch dafür was Politik, Wirtschaft und Medien aus diesem großen starken Europa gemacht haben.....das kann keiner als Vorbild sehen.
ricson 27.04.2016
3.
Ich denke nicht das sich die Beziehungen zwischen Europa und Russland verbessern werden so lange Putin an der Macht ist. so lange wird es nicht mal eine Grundlage für Verhandlungen geben. Putin hat ja bereits oft erklärt das er in der Frage der krim oder der Zukunft assads zu keinen Kompromiss bereit ist. Verhandlungen bringen da also gar nichts. es wird sowieso immer wieder Streit geben, so lange Putin den Ländern an Russlands Grenzen keine Souveränität gestattet. extremer nationalismus und gute Beziehungen zu anderen Ländern schließen sich eben aus.
Newspeak 27.04.2016
4. ...
Sorry, aber wer mal auf die Landkarte schaut, wird erkennen, daß Russland KEIN Teil Europas ist. Was aber auch unwichtig ist, wenn man mal anachronistisches Nationaldenken beiseite lassen könnte, auch politisch korrektes Nationaldenken, bitte. Die Russen sind, wie wir, vor allem Menschen. Und mit Menschen kann man klarkommen, wenn beide Seiten das wollen, egal, wo jemand wohnt, egal, wie man das Land nennt, egal, welche Sprache man spricht, egal, ob X Teil von Y ist. Die Differenzen zwischen Völkern entstehen durch die A...Eliten ganz oben. Ein Durchschnittsdeutscher kann mit einem Durchschnittsrussen genauso gut oder genauso schlecht klarkommen, wie mit seinem Nachbarn aus demselben Land.
MatthiasPetersbach 27.04.2016
5.
Also ich seh mich jetzt auch nicht als Teil Europas. Nicht DIESEN Europas. Nichtmal DIESEN Deutschlands. ich bin in erster Linie Regionalist. Dann kommt lang nix. Ganz lang nix. Ich wollte, es wäre anders. Aber dieser Verrücktentruppe in Berlin und Brüssel und deren feindlicher Übernahme von Land und Europa kann ich nix abgewinnen. Nicht denen - und schon garnicht ihren Aktionen. Und dann auch noch ZWEI davon, das ist zuviel für jeden denkenden Menschen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.