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23. Februar 2012, 11:49 Uhr

S.P.O.N. - Im Zweifel links

2:0 für Luther

Eine Kolumne von

Gauck und Merkel - zwei ostdeutsche Protestanten führen jetzt das Land. Adenauer würde sich im Grabe umdrehen. Aber wenn Gauck ein Lehrmeister der Demokratie sein will, muss er selber noch viel lernen.

Wer Ohren hat zu hören, der wird hören. Da kann Joachim Gauck sicher sein. Alle warten jetzt auf seine Antrittsrede. Was für ein Glücksfall für einen Prediger: Ein ganzes Land lauscht als begierige Gemeinde seinen Worten. Deutschland ist so enttäuscht, so sinnentleert, da kann Gauck nur gewinnen. Von seiner ersten Rede verspricht sich das Land schon jetzt eine amtlich beglaubigte Agenda der Gegenwart: Was drin ist, ist in.

Dabei wird Gauck, wenn er ein Lehrer sein will, vor allem selbst lernen müssen.

Seine Begeisterung für die revolutionären Errungenschaften der DDR-Bürgerbewegung kennt keine Grenzen. Wenn es um die Überwindung des ostdeutschen Unrechtsstaats geht, lässt er sich von seiner eigenen, zu Recht gerühmten Rhetorik, glatt zu Tränen rühren. Aber für Gauck hat die Revolution ihren Reiz vor allem im Rückblick: "Ich habe 68 vieles an den westdeutschen Unis für Blödsinn gehalten, weil für mich 68 Prag war. Aber heute weiß ich, in diesem Land des Gehorsams war das etwas ganz Tolles."

So geht es ihm jetzt wieder: Im Moment kann er nichts "Tolles" an der gegenwärtigen Protestbewegung finden. Es wäre schön, wenn nicht erst ein paar Jahre vergehen müssten, bis Gauck begreift, dass die Anti-Kapitalismus-Debatte keinesfalls "unsäglich albern" ist, wie er im vergangenen Oktober losgepoltert hat.

Gauck muss lernen

Einen "wahren Demokratielehrer" nannte die Kanzlerin Gauck, und er widersprach nicht. Dabei heißt es in der Bibel: "Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus." Aber da hält Gauck es lieber mit Angela Merkel als mit Matthäus. Mangelndes Selbstbewusstsein hat ihm noch niemand vorgeworfen. Merkel wusste schon, warum sie ihn verhindern wollte. Er war der Kandidat der anderen. Aber das war nicht alles. Zu den CDU-Granden soll sie am Wochenende gesagt haben: "Ich schätze ihn ja, und er hat ja auch recht mit den Bürgerrechten und der "Idee der Freiheit", aber das allein reicht nicht für einen Bundespräsidenten." In der Tat: Gauck muss lernen. Der 18. März, der Tag seiner ersten Rede, muss auch der Tag sein, an dem der Bundespräsident deutlich macht, dass er das vielgestaltige Unbehagen begriffen hat, das die Menschen im Angesicht des kapitalistischen Terrors erfasst. Die Freiheit kommt nicht nur in der Diktatur des Proletariats zu kurz, sondern auch in der Diktatur des Profits.

Die Freiheit ist sein großes Thema. Dafür ist dieser Pastor zum Politiker geworden. Seine Kirche heißt jetzt Deutschland, sein Evangelium ist die Freiheit. Er bleibt dabei durch und durch Protestant. In den Worten Luthers: "Möchte also die ganze Welt voll Gottesdienstes sein: nicht allein in der Kirche, sondern auch im Haus, in der Küche, im Keller, in der Werkstatt, auf dem Feld, bei Bürgern und Bauern."

Das ist die Vergeistlichung der Welt, das Wesen des Protestantismus: jeder Moment des Tages ein Akt des Glaubens - bei Gauck nun jeder Tag ein Akt der Demokratie. Das kann alles nicht schaden in einem Land, das die Freiheit selbst in der Nationalhymne erst an letzter Stelle nennt. Wenn sie es mit der Freiheit zu tun bekommen, fürchten in Deutschland die Rechten um die Ordnung und die Linken um die Gleichheit.

Auf geheimnisvolle Weise die Gesetze der Umfragen ausgehebelt

Merkel konnte Gauck nicht stoppen, und das wird ihr jetzt als Niederlage ausgelegt, als Hinweis auf das Ende der schwarz-gelben Koalition. Die ist allerdings seit der Übernahme der Amtsgeschäfte in erbärmlichem Zustand. Aber die vorgebliche Merkel-Dämmerung in der Presse dauert nun schon so lange, und dabei sinkt Merkels Stern wie in einem nördlichen Sommer nie unter den Horizont, sondern erhellt auch noch die Nacht. Sie hat auf geheimnisvolle Weise die Gesetze der Umfragen ausgehebelt und bleibt einfach beliebt, egal welche innenpolitische Volte sie schlägt.

Am Ende ist diese Präsidentenwahl, mehr noch als jene Christian Wulffs vor zwei Jahren, eine sonderbare Posse der deutschen Geschichte: Ausgerechnet Merkel lehnt Gauck ab, obwohl beide im Osten die sozialistische Unfreiheit kennengelernt haben und obwohl er ein Sprachrohr der im Westen gewonnenen Freiheit sein will. Sie aber stemmt sich aus taktischen Gründen dagegen. Und ausgerechnet die Linken, die ostdeutsche Volkspartei, sind im Abseits, wenn zwei Politiker aus dem Osten an der Spitze des Staates stehen.

Jetzt stehen sie also gemeinsam über den Deutschen, Gauck und Merkel, wie ein altes Elternpaar, der strenge Vater und die listige Mutter. Vereint in ihrem ganzen protestantischen Rigorismus.

Der alte Adenauer wusste schon, warum er Bonn zur Hauptstadt machte.

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