S.P.O.N. - Im Zweifel links Brüder, zur Freiheit!

Westerwelles FDP der Selbstbediener braucht kein Mensch - Deutschland fehlt eine echte liberale Partei. Sie müsste Freiheit und Verantwortung neu definieren, ein Gegengewicht zur Sozialdemokratisierung des Landes bilden. Und den Sinn des Lebens nicht in der Risikovermeidung sehen.

In Deutschland ist eine Stelle zu besetzen. Gesucht wird: eine liberale Partei. Vier sozialdemokratische haben wir schon. Da ist noch Platz für eine, die Freiheit und Verantwortung grundsätzlich anders definiert als CDU, SPD, Grüne und Linke das tun. Platz für eine Partei, die mit Blick auf den Menschen nicht beständig fragt: Was kann alles schiefgehen? Sondern: Was ist alles möglich?

Keine Sorge. So eine Partei würde es in Deutschland niemals zur Volkspartei bringen. Aber wir könnten sie gut brauchen. Als Korrektiv. Allein, es gibt sie nicht.

Die FDP erfüllt diese Aufgabe nicht. Nach den jüngsten Wahlen hat das große Murren begonnen, die Restliberalen Baum, Leutheusser-Schnarrenberger, Gerhardt fordern Rückbesinnung und Neuanfang. Stattdessen ruft Generalsekretär Lindner in aller Kopflosigkeit eine grüne Wende aus.

Man muss tief graben, bevor man bei der FDP auf festen Grund stößt. Es ist 40 Jahre her, dass Dahrendorf für seine Partei im Bundestag saß, und immer noch 30, dass Baum Innenminister war. Die Partei des peinlichen Westerwelle ist alles mögliche, aber nicht liberal. Dafür fehlt ihr die Verantwortlichkeit. Der berüchtigte Hotellobbyismus ist ja nur ein Symptom dafür, dass die FDP mitnichten die Partei der Leistungsträger ist, sondern die der Selbstbediener. Sie zieht eben nicht verantwortungsvolle Bürgerliche an, sondern nur skrupellose Kaltschnauzen. Keine deutsche Partei, DVU und NPD mal ausgenommen, hat ein so erbärmlich unsympathisches Image wie die FDP.

Dabei würde ein bisschen Liberalismus den Deutschen gut stehen. Bitte keine politik-theoretischen Debatten über den Bedeutungsgehalt des Wortes liberal. Der Begriff ist in den vergangenen 250 Jahren so ordentlich durchgerührt worden, dass jeder damit machen kann, was er will. In Amerika hieß ein Bestseller des Jahres 2004 "Erlöse uns von dem Bösen: Wie man Terrorismus, Despotismus und Liberalismus besiegt". Liberal, angewandt auf die Linke, ist dort zum Schimpfwort geworden.

Bei uns ist es auch fast schon so weit, aus entgegengesetzten Gründen: Die Neoliberalen haben die Idee des Liberalismus pervertiert. Aber wer den gesellschaftszersetzenden Terror entgrenzter Märkte mit Adam Smith begründen will, hat den Moralphilosophen nicht gelesen.

Wir könnten eine Partei der Freiheit gebrauchen

Liberalismus handelt von Freiheit, nicht von Verantwortungslosigkeit. Isaiah Berlin hat geschrieben: "Negative Freiheit bedeutet, eine große Zahl von Handlungsmöglichkeiten zu haben, positive Freiheit entsteht in der Entscheidung für eine dieser Möglichkeiten." Der Liberale glaubt, dass positive Freiheit automatisch aus der negativen folgt. Wenn die äußeren Beschränkungen wegfallen, wird der Mensch selbstbestimmt handeln.

Es gibt jede Menge guter Gründe, diese Haltung nicht zu teilen. Aber es kann nicht schaden, wenn ein paar Leute dieser Meinung sind. Wir könnten ein bisschen mehr von jenem Erstaunen gut gebrauchen, das ein echter Liberaler wie der englische Publizist Samuel Brittan darüber empfindet, dass die wirtschaftliche Freiheit von der Rechten usurpiert wird, die gesellschaftliche von der Linken.

Wir könnten auch eine Partei gut gebrauchen, die sich aus einem Geist gesellschaftlicher Verantwortung gegen die von Sloterdijk sogenannte "deutsche Lethargokratie" stellt - "immer der sozialen Endformel entgegen: Urlaub, Umverteilung, Adipositas." Denn dass der Wohlfahrtsstaat zwar das Elend bekämpft, aber das Glück nicht fördert, kann jeder im Jobcenter seines Bezirks beobachten.

Wir könnten auch eine Partei der Mutigen und der Optimisten gut gebrauchen, die Wissenschaft und Technik und Alltag nicht unter dem Gesichtspunkt der Risiken betrachtet, sondern unter dem der Chancen.

Und erst Recht eine Partei der Freiheit, die sich gegen die Vorsichtsgesellschaft stellt, die Verbotsgesellschaft, die Restrisikovermeidungsgesellschaft, die von der rotleuchtenden Warnweste im Kofferraum bis zum "Sie-werden-eines-schrecklichen-Todes-sterben-wenn-Sie-rauchen"-Schild auf der Zigarettenpackung an alles denkt. Aber auch wirklich an alles.

Wenn die FDP noch eine Hoffnung hat, sich von den Grünen zu unterscheiden, dann diese.

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