S.P.O.N. - Im Zweifel links Freiheit ist machbar

Das freie Netz gerät immer stärker unter Druck: Behörden und Firmen sammeln immer mehr Daten - so werden wir durchsichtig und berechenbar. Einen Fortschritt für die Netzdemokratie verspricht jetzt das Whistleblower-Projekt Openleaks.

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Man soll sich als Journalist mit keiner Sache gemein machen, auch nicht mit einer guten. Das ist ein Satz von Hanns-Joachim Friedrichs, der in jedes journalistische Poesiealbum gehört. Er ist zwar falsch, aber das schmälert nicht seine Klugheit. Man muss sich nur sehr genau überlegen, womit man sich gemein macht.

Vier Zeitungen, darunter "Der Freitag" und die "taz", sowie die Nichtregierungsorganisation Foodwatch haben jetzt beschlossen, mit der neuen Whistleblower-Plattform Openleaks zu kooperieren. Wenn das Projekt des früheren Wikileaks-Sprechers Daniel Domscheit-Berg hält, was es verspricht, kann es einen ungeheuren Fortschritt für die Netzdemokratie bedeuten.

Openleaks ist ein technologisches Konzept - mit politischen Auswirkungen. Es ermöglicht den sicheren Transfer von Dateien. Ohne das Risiko der Entdeckung kann ein Absender Informationen an Teilnehmer des Openleaks-Projektes übermitteln. Ein toter Briefkasten, der für Späher aus Industrie oder Behörden nicht zu knacken sein soll. Medien, Stiftungen, Gewerkschaften, Nichtregierungsorganisationen - wer will, kann sich künftig einen solchen Briefkasten an seine Netzseite hängen, er übernimmt damit die Verantwortung dafür, was nachher mit dem Material geschieht. Verantwortung ist der Schlüsselbegriff.

Openleaks garantiert den Absendern, dass das System technisch sicher ist. Die Empfänger garantieren für die vernünftige Verwendung der Unterlagen. Domscheit-Berg zieht mit diesem Konzept die Lehren aus den zweifelhaften Erfahrungen, die er bei Wikileaks gesammelt hat. Er wählt einen anderen Weg als sein früherer Boss Julien Assange, bei dem nicht immer leicht zwischen Idealismus und Selbstherrlichkeit, zwischen Unerschrockenheit und Willkür zu unterscheiden war.

Openleaks startet in einer Zeit, in der das freie Netz unter immer größeren Druck gerät. Behörden und Firmen dehnen ihre Macht über die Informationen mehr und mehr aus, entziehen sich aber selber der Kontrolle dieser Macht immer mehr. Es ist ein ungleiches Spiel, das da gespielt wird. Es sind unsere Daten, um die es geht: Kommunikation, Geldflüsse, Bewegungen, Interessen - in dem Maße, in dem wir unser Leben digitalisieren, werden wir durchsichtig und berechenbar für die großen Torwächter des Netzes. Aber dem steht keine ebensolche Berechenbarkeit und Transparenz dieser Institutionen gegenüber. Im Gegenteil. Wirtschaft und Politik wollen das Netz unter sich teilen, jeder nach seinen Interessen und Bedürfnissen, und sie wollen sich dabei möglichst wenig in die eigenen Karten sehen lassen.

Der deutsche Innenminister hat mit Verweis auf die Morde in Norwegen jüngst verlangt, dass die Anonymität im Netz abgeschafft werden soll. Kurz zuvor hatte das neue Sozialnetzwerk Google+ bekanntgegeben, auf echten Namen zu beharren. Mit der Anonymität würde dem Einzelnen der letzte Schutz im Netz verloren gehen, der letzte Raum der Selbstbestimmung. Die Bürger sollen sich innerhalb der Zäune bewegen, auf gut ausgeleuchteten Wegen und jede Spur, die sie hinterlassen, wird gesammelt und gelesen. Man muss ja kein Netzparanoiker sein, um der Zukunft des Internet mit Sorge entgegenzusehen. Die Gesichtserkennung bei Facebook, die Überwachung des internationalen Zahlungsverkehrs durch CIA und FBI, die Bewegungsprofile bei Apple, die politisch gesteuerten Eingriffe bei Paypal und Amazon, überhaupt die Speicherung und Auswertung all unserer Lebensäußerungen: Das Internet entwickelt sich mehr und mehr zu einem Netz der Kontrolle.

Openleaks wird diese Entwicklung nicht aufhalten. Aber Openleaks kann Knotenpunkte der Freiheit schaffen, an denen sich eine neue Gegenöffentlichkeit festmachen kann. Openleaks kann die Zivilgesellschaft stärken, die ja mehr bedeutet als die Garantie von Sicherheit und Ordnung durch Polizei und Geheimdienste. Die auch mehr bedeutet, als die Ausübung des Wahlrechts - wobei wenig zur Wahl steht - und dann zu schweigen, als habe man mit der Abgabe der Stimme die Sprache verloren.

Openleaks kann ein Instrument der Herrschaftskontrolle sein und dazu beitragen, dass im Netz Räume bestehen bleiben, in denen es nicht um Macht, Sicherheit und Gewinn geht, sondern um Demokratie.



insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
nixda 11.08.2011
1. aha
also soll in Zukunft Irgendjemand etwas behaupten und wir müssen das dann glauben? Keine Quellenangaben mehr denn nur das ist Demokratie? Wer garantiert mir dann, dass die ihre Macht nicht ausnützen? Naiv wer denkt so jemandem geht es nur um die Demokratie.
shatreng 11.08.2011
2. unabhängig
Ich finde die Idee grundsätzlich super. Ich denke aber, auch wenn es eher meinen politischen Ansichten entspricht, dass die Seite nicht wirklich "unabhängig" ist, sondern "links" dominiert. Andererseits haben konservative Medien daran scheinbar kein Interesse (warum wohl? ;))
caecilia_metella 11.08.2011
3. Facebook und Gesichtserkennung - ein Widerspruch?
Und überhaupt: Sind Herr Augstein und der Online-Spiegel noch miteinander vereinbar? Ihr Name und sogar Ihr Gesicht sind ja eigentlich bekannt im Netz. Werden wir tatsächlich durchsichtig und berechenbar? Oder sind wir es schon? "Behörden und Firmen dehnen ihre Macht über die Informationen immer weiter aus, entziehen sich aber selber der Kontrolle dieser Macht immer mehr." Das Immer: die Ewigkeit. Bis in alle Ewigkeit werden Behörden und Firmen (v. lat. firmare; Name eines Unternehmens) glauben, sie hätten mit uns Normalsterblichen nicht das Geringste zu tun. Oder doch nicht? Behörde: staatliche Einrichtung, die für Erfüllung von Aufgaben der Verwaltung des Staates und dabei insbesondere für Dienstleistungen des Staates gegenüber seinen Bürgern zuständig ist. Zuständige in Behörden: Bürger des Staates Bürger des Staates: Menschen, wir ... Sie kontrollieren überall, und 23 ist ihre Zahl. Die der Erleuchteten und Bildermacher, auch unter dem Namen Illuminaten bekannt.
naklar? 11.08.2011
4. Wikileaks
Vielleicht hat ja Wikileaks Fehler gemacht. Aber wenn ich schon lese das Openleaks nur andere zur Veröffentlichung von sensiblen Informationen auffordern will, dann muß ich echt lachen. Vielleicht kann ja Wikileaks noch gründlicher im Vorfeld von Veröffentlichungen recherchieren und abwägen, aber ich denke Wikileaks ist wirklich wichtig für die Demokratie. Politik und Wirtschaft haben sich vom Normalo entfernt.
maipiu 11.08.2011
5. Vielleicht funktioniert es
Big (Google) Brother und Konsorten sind ja jetzt schon effizienter im Sammeln von Infos als es sich George Orwell überhaupt vorstellen konnte. Darum könnte diese neue Plattform ein Gegengewicht bilden. Wenn schon die Politik nicht bereit ist, etwas gegen die Ausspäherei zu tun. Allerdings sind die meisten Leute selber schuld, wenn sie fahrlässig Informationen ins Netz stellen.
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