S.P.O.N. - Im Zweifel links Für 'n Apple und 'n Ei

Es ist wie immer bei Lebensmittelpanschereien: Alles und jeder regt sich über den Dioxin-Skandal auf, fordert Konsequenzen. Alles und jeder ist sich aber auch einig, dass man sowieso nichts ändern kann. Egal, was der Verbraucher will. Fortsetzung folgt.

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Das läuft doch alles sehr routiniert. Jeder hat seine Rolle, jeder kennt seinen Text. Presse? Schimpft! Politik? Streitet! Bürger? Maulen! Industrie und Verbände? ... Wo bleiben Industrie und Verbände schon wieder?

Also, alles wie gehabt. Alle auf Position. Wir sind so weit. Ein neuer Lebensmittelskandal. Abfahren bitte. Es handelt sich ja um eine Fortsetzungsgeschichte, eine Serie unter dem Titel "Tiere in der Produktion". Wir erinnern uns gern noch an die Knüller über Hormonschweine, BSE und Ekelfleisch. Und wann lief die letzte Dioxin-Episode? Erst im Frühling vergangenen Jahres: "Dioxin im Bio-Ei". Ein irres Stück: Ein paar Tonnen Mais, die ihren Weg in die Mägen glücklicher deutscher Biohennen fanden und dort zu ansehnlichen Anreicherungen von polychlorierten Dibenzodioxinen und Dibenzofuranen führten. Dioxin eben. Wie das Gift zu uns gekommen ist? Auf dem gleichen Weg wie immer: über Minsk und Pinsk und Omsk und Tomsk.

Am lustigsten war eindeutig die Stelle, wo die eine Politikerin sagte: "Als FDP behalten wir uns auch ein parlamentarisches Nachspiel im Verbraucherausschuss des Deutschen Bundestages vor." Stellen Sie sich mal vor: im Verbraucherausschuss des Deutschen Bundestages! Ein parlamentarisches Nachspiel! Wahnsinn! Die Jungs von der Lebensmittelindustrie, die haben so was von gezittert damals!

Und jetzt kommt es noch besser: Jetzt spielt Ilse Aigner die Bundesankündigungsministerin und setzt noch einen drauf: "Eins ist klar: Dieser Fall hat Konsequenzen." Das heißt, diesmal geht es den Lebensmittelpanschern wirklich an den Kragen, und es wird aufgeräumt mit den schwarzen Schafen der Branche. So lautet die Standardformulierung, die im Script für Lebensmittelskandale steht, "schwarze Schafe der Branche".

Jetzt mal Spaß beiseite: Die Futtermittelhersteller wissen natürlich, dass die Politiker ihnen nicht - um mal im Bild zu bleiben - in die Suppe spucken werden. Es gibt keine Lobbygruppe, die ihre Interessen so effizient vertritt, wie die aus Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie. Außer vielleicht der Pharmalobby. Und der Energielobby. Und der Transportlobby. Das Lobbyistenregister des Deutschen Bundestages umfasst derzeit immerhin rund 2100 Einträge.

Der Philosoph Oskar Negt sagt, es sei ein geradezu klassisches Zeichen der Krise eines Systems, wenn die Institutionen nicht mehr die Erwartungen der Menschen erfüllen und dennoch nicht von ihrem Anspruch lassen möchten, Adressat dieser Erwartungen zu sein. Die Menschen beginnen dann, in einer gespaltenen Wirklichkeit zu leben. Das kennen wir aus der Geschichte der DDR. Da hat man versucht, den Leuten klarzumachen, dass nicht die Wirklichkeit das Problem sei, sondern die Ansichten. Es ging um das "richtige Bewusstsein".

Man kann hierzulande den Eindruck gewinnen, dass sich viele Lobbyisten und Politiker und Journalisten in Wahrheit darüber einig sind, dass den Verbrauchern das richtige Bewusstsein fehlt, wenn sie Eier ohne Dioxin verlangen. Industrielle Landwirtschaft ist eben nichts für Ferien auf dem Bauernhof. Senkung der Grenzwerte? Deklaration aller Inhaltsstoffe? Schutz für Informanten? Trennung von Lebensmitteln und technischen Produkten? Mehr Kontrollen? Alles unmöglich. Zum Beispiel in Niedersachsen, da kommen auf 3500 Futtermittelhersteller zwölf Kontrolleure. Und selbst wenn man mehr hätte, was würde das für den Profit bedeuten? Und die Wettbewerbsfähigkeit?

Das Thema wird uns weiter begleiten. In einer Meldung konnte man gerade lesen, dass es jetzt eine App gibt, also ein Programm, das den Strichcode auf Eiern lesen kann und ihn mit irgendwelchen Datenbanken vergleicht: "Taucht der überprüfte Code in dieser schwarzen Liste auf, schlägt die App Alarm." Das gibt Stoff für Fortsetzungen. Wir sehen uns wieder bei der nächsten Folge: "Für'n Apple und 'n Ei."



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Seite 1
kaiserudo 20.01.2011
1. Kennzeichnung
Zitat von sysopEs ist wie immer bei Lebensmittelpanschereien: Alles und jeder regt sich über den Dioxin-Skandal auf, fordert Konsequenzen. Alles und jeder ist sich aber auch einig, dass man sowieso nichts ändern kann. Egal, was der Verbraucher will. Fortsetzung folgt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,740302,00.html
ich denke wenn die Lebensmittel als mit Dioxin gekennzeichnet im Handel wären, könnte der verbraucher sich dann fuer eine alternative (so sie denn ueberhaupt existiert) entscheiden. Also alles kennzeichnen: Eier mit Dioxin, Schweinefleisch mit Dioxin, Milch mit Dioxin, Rindfleisch mit Dioxin, Gammelfleisch-Wuerstchen und rouladen... ohne Kennzeichnung, also in gewohner weise, hat der verbraucher keine wirkliche Chance dem unheil "steuernd" aus dem Weg zu gehen.
weltoffener_realist 20.01.2011
2. ...
Zitat von kaiserudoich denke wenn die Lebensmittel als mit Dioxin gekennzeichnet im Handel wären, könnte der verbraucher sich dann fuer eine alternative (so sie denn ueberhaupt existiert) entscheiden. Also alles kennzeichnen: Eier mit Dioxin, Schweinefleisch mit Dioxin, Milch mit Dioxin, Rindfleisch mit Dioxin, Gammelfleisch-Wuerstchen und rouladen... ohne Kennzeichnung, also in gewohner weise, hat der verbraucher keine wirkliche Chance dem unheil "steuernd" aus dem Weg zu gehen.
Ein sehr lustiger Vorschlag. Wie ich in den letzten Tagen lernen durfte, ist Dioxin eben in jedem Lebensmittel in höherer oder geringerer Konzentration enthalten - in Bioeiern z.B. sogar mehr als in konventionell erzeugten. Also schreiben wir ihr Dioxin-Label eben auf jede Packung, und was dann?
Bamboo, 20.01.2011
3. ---
Zitat von kaiserudoich denke wenn die Lebensmittel als mit Dioxin gekennzeichnet im Handel wären, könnte der verbraucher sich dann fuer eine alternative (so sie denn ueberhaupt existiert) entscheiden. Also alles kennzeichnen: Eier mit Dioxin, Schweinefleisch mit Dioxin, Milch mit Dioxin, Rindfleisch mit Dioxin, Gammelfleisch-Wuerstchen und rouladen... ohne Kennzeichnung, also in gewohner weise, hat der verbraucher keine wirkliche Chance dem unheil "steuernd" aus dem Weg zu gehen.
Ja, und bei der Gelegenheit bitte auch BSE im Rindfleisch, Salmonellen in Eiern, Arsen im Mineralwasser und so kennzeichnen. Oder vielleicht Dioxinsteuern erheben. Oder vielleicht doch besser aus dem Verkehr ziehen?
nichtaufregen 20.01.2011
4. Die chinesische Lösung...
...könnte Lebensmittelskandale eindämmen. http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,713056,00.html
RioTokio 20.01.2011
5.
Über Lobbyisten kann man schön schimpfen, unsere Wirtschaft läuft ja recht gut trotz oder gerade auch mit Lobbyisten. Es ist natürlich immer einfach nach mehr Kontrolleuren zu rufen gerade nach einem Missbrauchsfall. Deutschland ist da vorbildlich. Natürlich mehr Lebensmittelkontrolleure, mehr Steuerkontrolleure (bei den bösen Firmen), mehr Kontolle am Bau, mehr Verkehrskontrollen etc. Dioxin kann man ja nicht sehen - hätten denn mehr Kontrolleure da geholfen?
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