S.P.O.N. - Im Zweifel links Guttenbergs gefährlichster Feind

Karl-Theodor zu Guttenberg will wieder nach oben - und "Die Zeit" hält ihm die Steigbügel. In seinem Buch will sich der Freiherr als Mensch zeigen, entlarvt sich aber als Narziss und Zyniker. Soll er eine zweite Chance in der Politik bekommen? Nein.

Die Fernsehteams laufen durch deutsche Fußgängerzonen und fragen: Hat Guttenberg eine zweite Chance verdient? Wenn man die Frage so stellt, muss die Antwort lauten: Natürlich. Jeder hat eine zweite Chance verdient. Und sogar eine dritte. Erst dann fliegt man aus dem Spiel. "Three strikes and you are out", heißt es beim Baseball. Nach dieser Lesart kann sich Karl-Theodor zu Guttenberg sogar noch einen Professorentitel erschummeln und danach trotzdem Kanzler werden.

Aber Politik ist kein Spiel.

Obwohl Guttenberg zweifellos ein Spieler ist. Es geht nicht darum, ob dieser Mann eine zweite Chance bekommt, sondern darum, ob er Verantwortung in der Politik tragen soll. Und auf diese Frage lautet die Antwort: nein.

Den "bittersten Schmerz" nennt Kierkegaard die Reue und schreibt, sie "will nicht gesehen werden". Das ist nicht Guttenbergs Haltung. Der Baron bleibt da lieber bei Nietzsche, der Gewissensbisse für eine Krankheit hielt und empfahl, niemals der Reue Raum zu geben: "Dies hieße ja, der ersten Dummheit eine zweite zugesellen."

Wir können nur ahnen, was Guttenberg fühlt. Aber wir ahnen nichts Gutes. Reue jedenfalls sucht man im Buch vergebens, das "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo mit Guttenberg gemacht hat. Selbst die Nachdenklichkeit muss der Interviewer seinem Objekt von außen zuschreiben, weil sie innen nicht zu finden ist: "In Ihr Gesicht schleicht sich hin und wieder ein harter Zug ein", gibt di Lorenzo vor, und Guttenberg nimmt es gerne auf: "Ich bin durch das, was sich in diesem Jahr abgespielt hat, schwer gezeichnet."

Der Baron leugnet jede Schuld

Wer sich zur Beichte begibt, muss fünf Voraussetzungen erfüllen: Gewissenserforschung, Reue, guter Vorsatz, Sündenbekenntnis, Buße. Guttenberg scheitert an allen, denn er leugnet jede Schuld. Er will ja nicht einmal das Wort Plagiat gelten lassen: "Wenn man eine unerträgliche Anhäufung von wissenschaftlichen Fehlern macht, weil man überfordert ist, dann ist das für mich etwas anderes", sagt er. Und hätte er täuschen wollen, hätte er es nicht so plump gemacht. Danach kann eine plumpe Lüge also gar keine sein. Der Baron beruft sich allen Ernstes auf dieses Kinderargument - und der Gesprächspartner von der würdigen Wochenzeitung lässt es passieren.

Überhaupt spielen Überforderung, wahlweise Müdigkeit, eine große Rolle beim Verständnis der Person Guttenberg: Der geschummelte Doktor, die verpatzte Pressearbeit während des Skandals, selbst das peinliche Foto auf dem Times Square in New York erklärt Guttenberg jeweils mit den Grenzen seiner Belastbarkeit. Das lässt ihn als sympathischen Menschen erscheinen - und als unzuverlässigen Politiker.

Wer die Dinge des Staats in die Hand nehmen will, sollte sich selbst im Griff haben.

Es geht nicht darum, wie viel der Baron verkraften kann. Es geht um seinen Narzissmus. Der Guttenberg, den man hier wiedertrifft, kreist um sich selbst - und liefert kaum Substanz. Denn wenn es um politische Inhalte geht, sind die Äußerungen des Mannes, den sein Interviewer "zu den größten politischen Talenten des Landes" zählt, dürftig, um es freundlich zu formulieren. Experte ist er nur für sich selbst: Seine Zustände, seine Leiden, seine Ambitionen. Nicht ganz neun Monate nach dem Fall verlangt es Guttenberg nach politischer Wiedergeburt. Er kann es offenbar gar nicht abwarten.

Manch einer ist sich selbst der größte Feind

Am Ende lässt Guttenberg sich dazu hinreißen, mit der Gründung einer neuen Partei zu kokettieren. Er gibt ihr sogar programmatische Tipps und offenbart beiläufig nicht nur ein schlichtes, sondern auch ein zynisches politisches Gemüt: "Ein klares Bekenntnis zu Israel würde wohl den rechten Rand abschrecken", sagt Guttenberg. Er hat offenbar nicht mitbekommen, dass im Rechtspopulismus unserer Tage der Antisemitismus von der Islamophobie abgelöst wurde. Und sein Interviewer hat offenbar vergessen, ihn darauf hinzuweisen.

Man kann hoffen, dass sich Guttenberg in seiner Sucht nach Aufmerksamkeit und Anerkennung mit diesen Sätzen keinen Gefallen getan hat. Will sich die CSU derart öffentlich erpressen lassen? Manch einer ist sich selbst der gefährlichste Feind.

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