S.P.O.N. - Im Zweifel links Neues Sommermärchen? Alles Quatsch

Der Trubel um die Frauenfußball-WM ist in Wahrheit nur ein künstlicher Hype, schreibt Jakob Augstein. Trotz aller Mühe von Medien und Verbänden - echte Begeisterung kommt beim Publikum nicht auf. Kein Wunder: Um die Gleichberechtigung steht es so schlecht wie eh und je.

Jede Wahrheit braucht einen, der sie ausspricht. So lautet die Werbung einer großen Boulevardzeitung. Der arme Kerl, dem das Schicksal die Rolle zugeteilt hatte, die Wahrheit zur Frauenfußball-WM auszusprechen, hieß Michael Antwerpes. Und dem ist sie auch nur so rausgerutscht. Es ist ja nicht vorstellbar, dass der ARD-Moderator im Vollbesitz seiner Geisteskraft bei der Moderation des Eröffnungsnachmittags in die Kamera sagte: "Fußball-WM der Frauen ist, wenn man trotzdem Spaß hat."

Die öffentlich rechtlichen Sender hatten für die WM eine riesige Plakatkampagne über das Land tapezieren lassen. Sprüche wie "Jungs, wir rächen euch" und "3. Plätze sind was für Männer" waren zwar ganz lustig, verwiesen aber noch vor Beginn der Veranstaltung auf deren Dilemma: Frauenfußball definiert sich vor allem im Vergleich zum Männerfußball, und die deutschen Fußballfrauen mögen noch so erfolgreich sein - ihr schwer überwindbares Defizit bleibt: Sie sind keine Männer. Mit Blick auf die Senderplakate drängte sich geradezu der Eindruck auf: Eigentlich hätten wir lieber eine Männer-WM.

Das steckte auch hinter der freudschen Fehlleistung des Moderators. Unfreiwillig hat er dadurch den öffentlich verordneten Feierzwang entlarvt, die allgemeine Verpflichtung zum Freuen. Am liebsten soll alles so sein, wie es in den Tagen jenes sprichwörtlich gewordenen "Sommermärchens" war, glückliche Deutsche allüberall und ein wogendes schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer. Das Problem ist nur: Damals war die Begeisterung echt. Heute ist sie künstlich. Das hätte man sich vorher denken können. Frauenfußball ist eine Nischensportart. Zu den Liga-Spielen der Frauen kommen im Schnitt rund 830 Zuschauer. Bei den Männern sind es mehr als 42.000.

Die Frauenfußball-WM ist nicht einfach nur ein Sportereignis. Sie wird von Verbänden, Firmen und Politikern in der Emanzipationsdebatte instrumentalisiert. Die offensive Unterstützung, die diese WM erfährt, ist wie ein Placebo für echte affirmative action. Es gäbe genug Gründe, die institutionalisierte Förderung von Frauen auszudehnen. In den 200 größten deutschen Unternehmen sind nur 3,2 Prozent der Vorstandsposten mit Frauen besetzt. Aber Angela Merkel hat vor ein paar Monaten gesagt, dass sie nicht daran denkt, mit einer Quote etwas daran zu ändern. Da müsste sie sich ja mit der Industrie anlegen. Es ist viel einfacher für die Kanzlerin, eine Ausstellung zum Thema "Frauen schreiben Fußball-Geschichte" zu eröffnen und sich beim Eröffnungsspiel in ekstatischer Verzückung fotografieren zu lassen.

Unbewusstes Bedienen männlicher Rollenbilder

Auch die "Bild"-Zeitung nutzt die WM, sich zeitweise vom Zentralorgan des männlichen Chauvinismus zum Fachblatt für Emanzipation zu wandeln. "Bild" erklärte den Moderator Antwerpes nach seinem Fauxpas zum Verlierer des Tages: "Fußball-WM macht Spaß, wenn man solche dummen Sprüche nicht hören muss!" Von Frauen verstehen die "Bild"-Redakteure bekanntlich schon deshalb so viel, weil sie jeden Tag eine neue Nackte für den Titel aussuchen dürfen. Da war das Blatt dann schon eher bei sich, als sich ein paar Bundesliga-Spielerinnen im Playboy zeigten und die "Bild" kommentierte, O-Ton, "dass Frauenfußball gaaanz besonders sexy ist". Das Traurige daran: Die jungen Frauen hielten sich vermutlich für besonders selbstbewusst, in Wahrheit bedienten sie unbewusst männliche Rollenbilder. Sorgenvoll analysierte die kluge "Zeit"-Redakteurin Iris Radisch: "Der Schaden entsteht durch das Bild weiblicher Verfügbarkeit, das damit lebendig gehalten wird."

Wie unterschiedlich der Wert ist, den die Gesellschaft weiblicher und männlicher Leistung entgegenbringt, drückt sich übrigens am brutalsten im Verdienst der Fußballerinnen aus:

Während ein männlicher Bundesliga-Profi im Durchschnitt eine Million im Jahr kassiert, bekommt eine Frauenfußballerin 800 Euro im Monat.Wenn die Fußballfrauen ein Zeichen setzten wollten, könnten sie sich ein Beispiel an den beiden afroamerikanischern Sportlern Tommie Smith und John Carlos nehmen. Die hatten bei den Olympischen Sommerspielen in Mexiko 1968 Medaillen im 200-Meter-Lauf gewonnen. Bei der Siegerehrung senkten sie die Köpfe und streckten die Faust im schwarzen Lederhandschuh in die Höhe: das Black-Power-Symbol der schwarzen Bürgerrechtsbewegung. Sollten die deutschen Frauen die WM gewinnen, könnten sie bei der Feier ihre T-Shirts hochziehen, aber nur so weit, dass die Worte "Equal pay now" zu sehen sind. Sind genau elf Buchstaben.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.