SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

10. März 2011, 12:11 Uhr

S.P.O.N. - Im Zweifel links

Phantomschmerz an der Tanke

Von

Der deutsche Wutbürger hyperventiliert: E10 tanken, wie denn? Binnen Minuten findet er den günstigsten Flachbildschirm im Netz - und jetzt scheitert er an der Frage, was sein Auto schluckt? Da steckt doch mehr dahinter. 

Man hat Versuche mit Lachtauben angestellt. Dabei wurde dem Täuberich das Weibchen für immer längere Zeiträume entzogen. Schon bald war der Täuberich bereit, eine gewöhnliche Haustaube anzubalzen. Später nahm er auch mit einer ausgestopften Taube Vorlieb. Danach führte er seine Verbeugungen und sein Gurren einem weißen Taschentuch vor. Und am Ende, nach vielen Tagen Einzelhaft, balzte er einfach in die Ecke seines Käfigs. So verhalten sich die Deutschen, nachdem man ihnen den Karl-Theodor weggenommen hat: Sogar ein so schlappes Thema wie das Öko- Benzin bringt ihr Blut in Wallung.

Die Aufregung um E10 ist anders als durch das aus der Verhaltensforschung bekannte Appetenzverhalten kaum zu erklären. Konrad Lorenz definiert das so: "das urgewaltige Streben, jene erlösende Umweltsituation herbeizuführen, in der sich ein gestauter Instinkt entladen kann". Also entlädt sich jetzt die Urgewalt des deutschen Wutbürgers am Umweltminister Röttgen, der prompt die Rolle eines Anti-Guttenberg spielen muss. Die "Bild"-Zeitung hat ihm schon mal einen Zapfhahn an die Nase montiert. Dabei ist, bei nüchternen Betrachtung, die E10-Bilanz nicht so schlecht. 40 Prozent der Autofahrer, die das Zeug tanken können, tanken es bereits. Und die Markteinführung liegt erst ein paar Wochen zurück.

Das hätte man auch als Erfolg verkaufen können. Will man aber nicht.

Stattdessen will man sich der Hysterie hingeben. Man bedenke: Die Leute sind in der Lage, innerhalb von Minuten den billigsten Flachbildschirm im Land ausfindig zu machen, aber sie scheitern an der Frage, ob ihr Auto eine zehnprozentige Ethanol-Beimischung verträgt. Das ist erbärmlich. Was ist aus diesem Volk geworden?

Die Kanzlerin an der Zapfsäule

Früher lenkte der Deutsche seinen Wagen lachend bis Stalingrad. Heute kann er nicht mal mehr seinen Golf betanken. Wir erleben die Degenerierung einer einstmals stolzen Nation von Autofahrern. Die Industrie hat darauf schon lange reagiert: Immer mehr Autos werden ohne Reserveräder ausgeliefert. Kein Wunder. Während man einst am Straßenrand Männer beim Radwechsel beobachten konnte, scheitern die meisten Leute heute schon, wenn sie das Wischwasser nachfüllen müssen.

Zugegeben: Es ist nicht jedermanns Sache, beim Tanken den Zusammenhang zwischen brachliegenden Flächen, nachwachsenden Rohstoffen, gerodeten Wäldern und steigenden Nahrungsmittelkosten abzuwägen und das noch mit der CO2-Bilanz und der politischen Lage im Nahen Osten zu verknüpfen. Willkommen in der Wirklichkeit. "Dig deeper for a bigger set of balls!", möchte man dem deutschen Autofahrer mit den Worten Lucy McClanes zurufen.

Übrigens liegen uns vertrauliche Dokumente aus dem Kanzleramt vor. Demnach wird Angela Merkel morgen zum Tanken fahren. Ein Kamerateam und ausgewählte Journalisten werden anwesend sein. Die Planung sieht vor, dass die Kanzlerin zielstrebig auf eine E10-Säule zusteuert, den Zapfhahn nimmt und dann in die Kamera sagt: "Ich schätze dieses Benzin nicht wegen seiner Eigenschaften als Salatöl, sondern weil es mein Auto antreibt."

Auf diese Weise wird sich Merkel klar hinter ihren Umweltminister Norbert Röttgen stellen. Allerdings wird in Regierungskreisen damit gerechnet, dass Annette Schavan kurz danach mit Motorbrand liegenbleiben wird, um den zufällig anwesenden Journalisten zu sagen, sie schäme sich für die Autoindustrie, den Minister und die Mineralölfirmen. Umfangreiche Rücktritte in Politik und Wirtschaft stehen also bevor. Und wenn es warm wird, machen Angela und Annette zusammen eine Radtour.

URL:

Verwandte Artikel:

Mehr im Internet


© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung