S.P.O.N. - Im Zweifel links Wir hässlichen Deutschen

In der Euro-Krise erhebt das deutsche Schreckgespenst sein Haupt. Merkels Rigorismus ruiniert die Arbeit von Generationen. Selbst wenn die Kanzlerin mit ihrem Kurs recht hätte: Es wäre für Deutschland besser, mit den Partnern in Europa das Falsche zu tun, als allein auf dem Richtigen zu beharren.

"Europas Geist erlosch, in Deutschland fließt der Quell der neuen Zeit." Das klingt ein bisschen so, als sei Angela Merkel gerade aus Brüssel heimgekommen und habe sich nach ein paar Gläsern uckermärkischen Kartoffelschnapses ihren Reim auf die aktuelle europapolitische Lage gemacht. In Wahrheit stammt das Zitat von Friedrich Schlegel (1772-1829). Der war nicht nur ein begnadeter Übersetzer, sondern auch ein schlimmer Übertreiber des Deutschnationalismus. Aber die Verwechslungsgefahr ist beunruhigend. Vor zweihundert Jahren wurde der deutsche Nationalismus gezeugt. Ein gefährliches Biest, das Leid und Schrecken mit sich brachte. Wir dachten, es sei erledigt. Aber in der großen europäischen Krise erhebt sich plötzlich sein Schatten.

Ist es Zufall, dass ein CDU-Politiker schwadroniert: "Jetzt wird in Europa Deutsch gesprochen"? Dass die Zeitungen der Nachbarn unsere Kanzlerin wahlweise mit Hitler-Bart oder Pickelhaube zeichnen? Dass ein französischer Sozialist den Vergleich zieht, Sarkozy reise zu Merkel nach Straßburg wie einst sein Vorgänger Daladier zu Hitler nach München? Damals ging es darum, die Tschechoslowakei dem deutschen Vormachtstreben zu opfern. Heute geht es um ganz Europa.

Wir sollten nicht empfindlich sein. Ein bisschen Germanophobie müssen wir aushalten. Aber das hier ist mehr. Es hat nach der Wiedervereinigung ganze zwanzig Jahre gedauert, und Europa ist wieder in den Stereotypen der Nachkriegszeit gelandet. Das aus deutscher Sicht schlimmste denkbare Ergebnis ist eingetreten: Der hässliche Deutsche ist zurück.

Dieses Schreckgespenst nährt sich von den historischen Reflexen diesseits und jenseits der Grenze: Von den Nazi-Zuschreibungen aus dem Ausland und von den Es-muss-mal-Schluss-mit-Auschwitz-sein-Aufwallungen im Inland. Was für ein irrer Vergleich, den Jan Fleischhauer hier angestellt hat, als er die deutschen Nettozahlungen an Europa ins Verhältnis zu den Reparationszahlungen nach dem Ersten Weltkrieg setzte. Da bricht bei dem Kollegen die entzündete Pathologie des Unverarbeiteten ebenso auf wie bei den wirren Vorwürfen der französischen Sozialisten. Die haben allerdings die Entschuldigung, dass sie sich im Wahlkampf befinden.

Merkel ist eine gefährliche Kanzlerin

"Deutschland lernt Führung" hat Nikolaus Blome in der "Bild"-Zeitung geschrieben und hinzugesetzt: "Wird auch Zeit." Darum geht es: Da ist eine große Ungeduld, endlich die Fesseln der Nachkriegszeit abzuwerfen. Die Rhetorik hat sich nicht ohne Grund geändert. Sie folgt der Politik. Die Deutschen beharren darauf: In der Euro-Krise soll der Kontinent dem deutschen Leitbild folgen. So ist Deutschland nach dem Krieg bislang nicht aufgetreten. Die Deutschen haben gut zugehört und mit leiser Stimme gesprochen. Das ist ihnen gut bekommen. Angela Merkel, die keine konservative Politikerin ist, sondern eine radikale, kümmert sich - auch - um diese Tradition nicht. Sie ist eine gefährliche Kanzlerin. Ihre schroffe Politik des Rigorismus gefährdet die Leistung aller deutschen Vorgängerregierungen seit dem Zweiten Weltkrieg. Und der eigentümlich kalte neue deutsche Realismus, der sich in manchen Medien breitmacht, unterstützt sie auf diesem riskanten Kurs.

Dabei kann sich eine deutsche Kanzlerin die eiserne Haltung Margaret Thatchers nicht leisten. "I want my money back" funktioniert auf Deutsch nicht. Das hängt nicht mit zwei Weltkriegen zusammen. Das liegt an der Lage und der Größe Deutschlands. Es gibt buchstäblich kein zweites Land, das ein solches Interesse an einer freundschaftlich funktionierenden Europäischen Union hat. Noch einmal: Es geht nicht um historische Schuld. Es geht um unser heutiges Interesse.

De Gaulles Diktum, Nationen hätten keine Freunde, nur Interessen, galt für die Welt des 19. Jahrhunderts. Im geeinten Europa floss dieser Gegensatz zu einer neuen politischen Wahrheit zusammen: Gegenseitige Freundschaft ist im Interesse der europäischen Staaten. Es geht um Loyalität, Verantwortung, Gemeinsamkeit. Die Pressefreiheit in Ungarn geht uns etwas an, die griechischen Staatsschulden gehen uns etwas an, die italienischen Clownerien gehen uns etwas an. Umgekehrt geht es die europäischen Partner etwas an, wenn Deutschland an der inneren Einheit scheitert, wenn wir ganze Landstriche im Osten dem antidemokratischen, braunen Ressentiment überlassen, wenn wir zusehen, wie die Gesellschaft in immer tiefere soziale Ungleichheit stürzt.

Merkel muss in Europa jetzt endlich nachgeben. Sie ist Physikerin. Diese Gleichung der Vernunft sollte ihr zugänglich sein: Erstens kennen wir den besten Weg aus der Euro-Krise nicht. Manches spricht dafür, dass der von Merkel so verabscheute Einsatz der Europäischen Zentralbank dieser Weg ist. Aber Gewissheit gibt es nicht. Zweitens kann es für Deutschland besser sein, gemeinsam mit den Partnern das Falsche zu tun, als allein auf dem Richtigen zu beharren.

Wie es mit dem Euro weitergeht, wissen wir nicht. Aber eins ist sicher: Wenn Merkel so weitermacht, ist Deutschland bald nicht mehr von Freunden umgeben.