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26. September 2015, 20:05 Uhr

Grenzkontrollen in Deutschland

"Viermal Pakistan, einmal Irak, alle ohne Ausweis"

Von , Freilassing

Auf der Saalachbrücke in Österreich kommen sie an, Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak, Afghanistan. Deutsche Polizisten fertigen sie geduldig ab - und erleben manche Absurdität. Szenen vom neuen deutschen Grenzregime.

Kommt ein Soldat zur Polizistin und sagt: "Ich will mir ein Bild der Lage verschaffen." Fragt die Polizistin: "Selfie oder Gruppenbild mit Flüchtlingen?"

Ein Witz aus dem Herbst 2015, aus dem Deutschland der Flüchtlingskrise, gerissen zwei Meter vor der Grenze nach Österreich.

Soldat und Polizistin stehen auf einer Brücke - ihnen gegenüber Hunderte Flüchtlinge. Über die Saalach führt die B304 von Salzburg nach Freilassing, von Österreich nach Deutschland, oder - treffender in der gegenwärtigen Lage - von einem Transitland in ein Zielland.

Die Saalachbrücke ist bekannt, seit von anderthalb Wochen plötzlich Tausende Flüchtende, die zuvor in Ungarn festsaßen, hier strandeten, Einlass begehrten und dann auch erhielten. Die Zahlen derer, die Tag für Tag auf beiden Fußwegen ausharren, während sich auf der Straße die Autos vorbeischieben, ist wieder ein wenig zurückgegangen. Meist sind es um die tausend pro Tag.

So erlebt man auf der Brücke nun ein Schauspiel, irgendwie noch Ausnahmezustand, aber auch mitten auf dem Weg zu einer neuen Normalität in dieser Flüchtlingskrise. Wissenschaftler würden wohl von einem neuen Grenzregime sprechen. Man könnte sagen: eine Situation, die Deutschland aller Voraussicht nach lange erhalten bleiben wird. Und deren Absurditäten man schon einmal auf der Brücke besichtigen kann.

Es gibt keine "happy refugees"

"Fünf", der Polizist zeigt der Kollegin die volle Hand. Fünf sollen jetzt durchs Absperrgitter auf der Brücke dürfen. Mit ihren Müllsäcken voll Kleidung, mit dem Baby auf dem Arm, das während der halben Stunde ganz vorn in der Schlange keinen Ton von sich gegeben hat. Als ob es das Warten längst gewohnt ist.

"Family, Family", ruft die Mutter mit Kopftuch und zeigt auf die Männer hinter sich. Jetzt beginnt das Feilschen. "How many are family?", sagt die Polizistin. Sieben. Durchzählen, noch mal durchzählen, auch andere sind plötzlich Family. Also neun? Blick zu den Kollegen, nein, sieben dürfen rüber.

Es geht noch eine Weile hin und her, bis die Polizistin die magischen Worte sagt: "Same bus." Alle, auch die weiter hinten, werden im selben Bus in dieselbe Unterkunft gefahren. Okay, sagt die Mutter.

Es sind Polizisten aus Berlin und Brandenburg auf der Brücke, aus Niedersachsen und Schleswig-Holstein. Einer, der schon länger dort steht, sagt, die meisten könnten keinen Pakistaner vom Afghanen unterscheiden. Die könne man aber nicht in denselben Bus setzen.

Schaulustige kommen auf die Brücke und knipsen. Ein Reporter vom "Boston Globe" war da, Polizeisprecher Manfred Ludwig sollte ihm "happy refugees" präsentieren. Also fuhr er mit ihm in die Stadt, an den Bahnhof, wo Züge aus Österreich ankommen.

Auf der Brücke gibt es keine "happy refugees". Auf der Brücke sind die Flüchtlinge still, sie warten hier seit Stunden, seit Tagen, kurz vor dem Ziel. Ein Helfer bringt heißen Kakao.

Vom Wetter lässt sich niemand abhalten

Es ist kalt geworden an der Grenze. Durch Bayern zog seit Mittwoch ein eisiger Wind, auch über die Brücke. Würden es die Flüchtlinge bei einstelligen Temperaturen dort aushalten? Doch dann stehen sie dort, in Jacken, in Mützen, in Kapuzenpullis. Die haben sie in Österreich bekommen. Sie haben Planen ausgelegt, zwischen Brücken- und Fahrgeländer gespannt. Ein Vorgeschmack auf den Winter - vom Wetter lässt sich hier niemand abhalten.

Zunächst haben die Österreicher Bändchen um die Handgelenke geklebt, mit Buchstaben. Erst kamen die "A"-Leute auf die Brücke, dann B. Das mit den Buchstaben am Gelenk machen sie jetzt nicht mehr, und die Deutschen sowieso nicht, "schon aus historischen Gründen", sagt Polizeisprecher Ludwig.

Auf der Brücke, die übrigens eine Spannbetonbrücke ist, dürfen die Polizisten nicht mehr sagen, wie viele über die Brücke kommen. Das macht jetzt nur noch Potsdam. Das Präsidium der Bundespolizei.

Draußen, weit weg von der Brücke, passiert allerhand: Es einigen sich die Vertreter von Bundesregierung und den Ländern, selbst die der EU auf einem Gipfel. Alles sehr wichtig, keine Frage, aber hier ändert das erst einmal nichts. Die Polizisten auf der Brücke dürfen nicht mit der Presse reden, aber eigentlich sagen alle: Erst wenn die Politik richtige Regeln schafft, dann können wir das hier besser machen.

Wo sind eigentlich die Österreicher?

Wer rüberkommt, wird in ein Zelt am Fuß der Brücke geführt. "Viermal Pakistan, einmal Irak, alle ohne Ausweis", ruft ein Polizist hinein. Sie werden durchsucht. Mal findet man Messer, oft Scheren und Nagelfeilen. Anfangs wurden sie auch fotografiert, der Fingerabdruck vom rechten Zeigefinger genommen. Das passiert nun erst in der Erstunterkunft, einer Industriehalle in Freilassing.

Die Grenze ist auf der Flussmitte, also auf Mitte der Brücke. Aber wo sind eigentlich die Österreicher? Auf ihrer Seite steht eine Halle des Zollamts, 50 Meter hinter der Brücke, da gibt es Kleidung, Wasser, heute auch Döner. Am Brückenfuß steht ein einziger Polizist.

Einer der Österreicher, der natürlich auch nichts sagen darf, mag seine Schadenfreude nicht recht verstecken. "Wenn man drunten sagt, man nimmt auf, dann gehn's." Man, das sind die Deutschen. "Die Flüchtlinge haben doch noch nie von Österreich gehört."

Grenzkontrollen, über die in der Politik gestritten wurde, gibt's auch auf der Brücke. Zwei deutsche Polizisten stehen am Brückenende. Sie schauen mal durch die Fenster, in einen Kombi mit getönten Scheiben etwa, schreiten einen leeren Reisebus ab. Dazwischen winken sie viele Autos, Lieferwagen und Laster durch.

In Laufen, rund zwölf Kilometer den Fluss runter, steht übrigens die nächste Brücke. Die ist schöner, weil noch aus der Kaiserzeit, und auch sie führt vom Transitland ins Zielland. Aber das hat den Flüchtlingen bislang niemand gesagt. Dort sitzen am deutschen Ende drei Polizisten in einem VW-Bus und haben nichts zu tun, noch nicht.

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