Landtagswahl im Saarland Rot-rotes Risiko

Der Schulz-Hype macht's möglich - Außenseiterin Anke Rehlinger könnte Regierungschefin im Saarland werden. Für ein rot-rotes Bündnis braucht die SPD-Frau einen unbequemen Altstar: Oskar Lafontaine.

Anke Rehlinger und Oskar Lafontaine (am 16. März vor einer Talkrunde des Saarländischen Rundfunks)
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Anke Rehlinger und Oskar Lafontaine (am 16. März vor einer Talkrunde des Saarländischen Rundfunks)

Aus dem Saarland berichtet


Klinkenputzen ist nicht nur Spaß, das ist schnell klar. Erste Tür: Niemand macht auf. Neuer Versuch: "Kein Bedarf", krächzt einer durch die Sprechanlage. Ein paar Meter weiter steht eine alte Frau auf der Schwelle: "Trinkt är en Schnäpschen mit?" Die Uhr zeigt kurz nach zwölf.

Mittags in Rimlingen im Westen des Saarlands, 900 Einwohner, ein paar Häuschen, weite Gärten. Anke Rehlinger - 40 Jahre, markante Brille, knallrote Turnschuhe - hat sich in den politischen Nahkampf begeben. Bewaffnet mit reichlich Infoblättern und einem Körbchen Kugelschreiber.

Anke wer? Anke Rehlinger könnte bald Ministerpräsidentin sein. Es wäre eine Sensation. Bis vor Kurzem war Rehlingers SPD im Saarland abgeschlagen, alles deutete darauf hin, dass CDU-Landeschefin Annegret Kramp-Karrenbauer nach der Wahl Regierungschefin einer Großen Koalition bleibt - und Rehlinger ihre Stellvertreterin.

Rehlinger, Martin Schulz, Sigmar Gabriel
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Rehlinger, Martin Schulz, Sigmar Gabriel

Doch seit Martin Schulz der Sozialdemokratie neues Leben eingehaucht hat, geht es auch für die Saar-Roten nach oben. Die eigentlich so populäre Kramp-Karrenbauer droht zum ersten Opfer des Schulz-Hypes zu werden. Für Kanzlerin Angela Merkel wäre es ein verpatzter Start ins Superwahljahr 2017, für ihren SPD-Herausforderer weiteres Doping für den Wahlkampf.

Damit es tatsächlich klappt, muss die Schulz-Profiteurin Rehlinger jetzt präsent sein, Gesicht zeigen, so oft es nur geht. Hausbesuche also. Die SPD-Frau beugt sich über Zäune und stellt sich zu gärtnernden Rentnern in Blumenbeete. Wenn sie lacht, dann hört man das auch zwei Straßen weiter. Auf Menschen zugehen, Smalltalk, das kann sie.

Wahr ist aber auch: Im Bund ist sie bislang kaum in Erscheinung getreten, im Saarland war sie stets die Nummer zwei in der Regierung. Man kannte sie, weil man sich im Saarland eben kennt, weil sie als Wirtschaftsministerin verlässlich arbeitete. Oder weil Rehlinger den seit 1996 ungebrochenen Landesrekord im Kugelstoßen hält: 16,03 Meter.

Anke Rehlinger in Rimlingen
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Anke Rehlinger in Rimlingen

Aber Ministerpräsidentin? Die 40-Jährige kann es selbst kaum glauben. "Ich bin kein besonders ängstlicher Mensch", sagt sie. "Aber Politik ist kein Lehrberuf."

Das klingt bescheiden - aber für die SPD wäre der Einzug in die Staatskanzlei ein Coup, ein Fingerzeig in Richtung Bundestagswahl. Im Saarland könnte es für ein linkes Bündnis reichen: Rot-Rot - zum ersten Mal in einem westlichen Bundesland.

Nur: Rehlinger wäre dann auf einen Mann angewiesen, der ihr an Erfahrung und Strahlkraft einiges voraus hat und dessen Ego über die Jahre nicht kleiner geworden ist.

Saarländisches Denkmal

Oskar Lafontaine steht in Neunkirchen vor einem Einkaufscenter. Hinter ihm strecken sich die Türme des alten Eisenwerks gen Himmel. Die Anlage wurde in den Achtzigerjahren stillgelegt. Heute ist sie ein Denkmal, eine Erinnerung an die Zeit, als Stahl und Bergbau noch stilprägend waren im Saarland.

Auch Lafontaine ist so ein Denkmal. 13 Jahre war er Ministerpräsident, holte Traumergebnisse für die SPD. Er war Parteichef, Kanzlerkandidat. Als Bundesfinanzminister brach er mit Gerhard Schröder. Später machte Lafontaine die Linke in Saarbrücken zur drittstärksten Kraft.

Seither wurde es etwas ruhiger um ihn. Im Landtag ist er Fraktionschef, nur hier und da nervt er seine Partei in Berlin mit Querschüssen, etwa mit Forderungen nach einer Flüchtlingsobergrenze. In der Öffentlichkeit steht seine Frau in der ersten Reihe: Sahra Wagenknecht führt die Linken-Fraktion in Berlin.

Lafontaine ist 73 Jahre alt. Doch er will es noch einmal wissen. Nach einer Zeit gesundheitlicher Probleme sieht er wieder schlanker und fitter aus. Angeblich radelt er an einzelnen Tagen bis zu 100 Kilometer durchs Saarland. In seinen Reden ist er angriffslustig wie eh und je.

Lafontaine im Wahlkampf in Saarbrücken
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Lafontaine im Wahlkampf in Saarbrücken

In Neunkirchen muss er erst einmal Autogramme schreiben. "Es sieht so aus, dass die alte Mehrheit zwischen SPD und Linken wieder da ist", ruft er dann ins Mikrofon.

Offensichtlich hat er sich vorgenommen, alte Gräben zuzuschütten. Manche glauben, er wolle damit das Gefühl ausmerzen, dass er Schuld trägt am Niedergang der SPD. Rot-Rot könnte ein Versöhnungsprojekt sein.

Viele Gemeinsamkeiten

Aber kann das gut gehen? Rehlinger und Lafontaine? Kann sich das Alphatier der Frau aus der zweiten Reihe unterordnen? Sowohl innerhalb der SPD als auch bei den Linken gibt es Zweifel. Die Befürchtung: Der Politsuperstar suche noch einmal den großen Auftritt zum Karriereende.

Zudem ist die Linke im Bund wegen des Hypes um Schulz ebenfalls in Bedrängnis - kaum vorstellbar, dass Lafontaine da die Bühne einer Regierung nicht nutzen würde. Er selbst wird so zitiert: "Ich mache das aus sozialem Engagement."

Einen Kabinettposten würde er wohl nicht übernehmen. Auch in einer Koalition bliebe er wohl Fraktionschef. Dort hat er mehr Freiheiten - und wäre trotzdem der heimliche Chef der Saar-Linken. Das macht die Sache nicht einfacher.

"Angenehmer Gesprächspartner"

Die Frage ist, wie viel Risiko Anke Rehlinger für eine linke Regierung eingehen will.

Inhaltlich haben SPD und Linke viele Gemeinsamkeiten: In der Industriepolitik, bei der Bildung, auch die Schuldenbremse sehen beide skeptisch. Und die über die Jahre aufgebauten Vorbehalte der Sozialdemokraten gegenüber Lafontaine schwinden. Eine Tabuperson war er im Südwesten sowieso nie. Hier ist er immer noch "unser Oskar", überparteiliche Projektionsfläche für lokalpatriotischen Stolz.

Anke Rehlinger lobt Lafontaine auffallend häufig. Er habe viel für das Saarland erreicht, sagt sie. Sie sagt aber auch, sie müsse darauf vertrauen können, dass die Koalition fünf Jahre hält. "Ich muss hier keine Harakiri-Sachen machen."

Die Frage ist auch, wie lange Lafontaine in einer Koalition an Bord bleiben will? Leuten wie ihm fällt der Abschied von der Macht oft nicht leicht. Das konnte man bei seinem Parteirivalen Gregor Gysi sehen: Einfach raus aus dem Rampenlicht - das ist nichts für sie.

Andererseits ist Lafontaine längst im Rentenalter. Seine Gegner im Landtag witzeln gerne über ihn, er sitze lieber in Talkshows als in Ausschüssen. Wie lange will er sich den Stress und die Spötteleien noch antun?

Ein kurzes Gespräch nach seiner Rede in Neunkirchen, Oskar Lafontaine hat es eilig. Ob er noch einmal eine volle Legislaturperiode durchziehen wolle? Lafontaine grinst. Dann geht er.



insgesamt 99 Beiträge
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Semmelbroesel 24.03.2017
1. Risiko?
Alles andere als Union ist allemal besser.
Papazaca 24.03.2017
2. Hoffentlich klappt es für Rot-Rot
Denn das würde - nach dem neuen Bundespräsidenten - kein gutes Omen für Merkels Wahlkampf sein. Deutschland braucht neue Impulse!
Ollie_ 24.03.2017
3.
Zitat von SemmelbroeselAlles andere als Union ist allemal besser.
So so. Man sieht es ja an den "Erfolgen" der anderen Bundesländer, in denen die Linken mitregieren.
haarer.15 24.03.2017
4. Rehlinger und Lafo
Warum nicht ? Nachdem Oskar in seiner Heimat halt sehr beliebt ist, könnten die beiden ein gutes Tandem bilden. Frau Rehlinger wirkt frisch, offensiv, bodenständig und hat keine Allüren. Könnte klappen. Frau Kramp-Karrenbauer wird es schwer haben. Erst recht mit Merkel als Wahlkampfhilfe ...
bigroyaleddi 24.03.2017
5. Na endlich,
vielleicht hauts ja im Saarland hin. Wenn ich daran denke, wie sich die SPD-Spitze früher immer so furchtbar gegen die Linke ausgesprochen hat - die waren für die ja sowas von "pfui bähh". Dabei sind doch Teile der SPD zu denen rübergewandert, weil es mit dem links in der SPD nicht mehr so ganz war. Groko ist für die SPD immer Mist, wenn sie nicht selber den MP stellen kann. Die grünen kann man bald ohnehin vergessen. Oder glaubt jemand, die CDU koaliert mit der AfD? Huh - was für eine Vorstellung.
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