Suizid von Jaber Albakr in JVA Leipzig Fragen über Fragen über Fragen

Die Gefängnisleitung in Leipzig hat den mutmaßlichen Terroristen Jaber Albakr behandelt wie einen Kleinkriminellen - und so seinen Suizid ermöglicht. Trotzdem will die Justiz in Sachsen keine Fehler erkennen. Wie kann das sein?

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Jaber Albakr war für drei Tage der wohl wichtigste Untersuchungshäftling Deutschlands. Trotz zahlreicher Polizeipannen bei der Fahndung nach dem Syrer war den Ermittlern mit seiner Festnahme ein wichtiger Schlag gegen den islamistischen Terror gelungen. Ihnen ging ein Mann ins Netz, der nicht nur ein Selbstmordattentat geplant, sondern bereits auch hochexplosiven Sprengstoff hergestellt und eine Sprengstoffweste angefertigt hatte. Möglicherweise wollte er schon in dieser Woche zuschlagen. Für die Sicherheitsbehörden hätte Albakr eine wichtige Quelle werden können, um mehr über die Netzwerke der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) zu erfahren. Hätte.

Der Fall Albakr ist in seiner Brisanz wohl nur mit dem Prozess gegen die Rechtsterroristin Beate Zschäpe vergleichbar, die seit Jahren in U-Haft in München sitzt.

Trotzdem behandelte die Leitung der Justizvollzugsanstalt Leipzig Albakr, der am Wochenende noch der meistgesuchte Mann Deutschlands war, wie einen Kleinkriminellen. Deshalb konnte er in seiner Zelle Suizid begehen.

"Das hätte nicht passieren dürfen", sagte Sachsens Justizminister Sebastian Gemkow auf einer Pressekonferenz (mehr zu den dort bekannt gegebenen Details hier). Trotzdem wollen die Verantwortlichen nichts falsch gemacht haben: Im Grunde sei "alles so gelaufen, wie es die Vorschriften" erfordern, sagte JVA-Chef Rolf Jacob.

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Wirklich? Der Suizid wirft zahlreiche Fragen auf:

  • Warum wurde Albakr nicht als suizidgefährdet eingestuft?

Eine Psychologin, die am Dienstag mit dem 22-Jährigen sprach, will nicht erkannt haben, dass der Häftling suizidgefährdet war. Diese Schlussfolgerung überrascht: Nach derzeitigem Ermittlungsstand plante Albakr ein Selbstmordattentat auf einen Berliner Flughafen. Also muss er Suizidgedanken gehabt haben. Die Psychologin habe den mutmaßlichen Terroristen als "ruhig und zurückhaltend" erlebt. Trotzdem verhielt er sich in Untersuchungshaft auffällig: Am Dienstag demolierte er eine Lampe in seiner Zelle, später stellten die Beamten bei einer Kontrolle fest, dass Albakr eine Steckdose manipuliert hatte. Beide Vorkommnisse haben die Verantwortlichen aber nicht als Hinweise auf eine Suizidgefahr eingestuft. Warum nicht?

Albakrs Verteidiger Alexander Hübner sagte, sein Mandant habe sich im Hungerstreik befunden. JVA-Chef Jacob hat bestätigt, dass der Häftling zwischen seiner Aufnahme im Gefängnis am Montagnachmittag und seinem Tod am Mittwochabend bis auf einen Becher Wasser sämtliche Nahrungsmittel abgelehnt habe. Auch darin sahen die Beamten offenbar keinen Hinweis auf Suizidgefahr.

  • Warum wurde Albakr nicht lückenlos überwacht?
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Das Sächsische Untersuchungshaftvollzugsgesetz stellt klar: "Die Videoüberwachung von Hafträumen ist ausgeschlossen." Weil bei Albakr keine akute Suizidgefahr festgestellt wurde, veranlasste die Gefängnisleitung auch keine anderen Maßnahmen - etwa die Unterbringung in einer besonders gesicherten Zelle. Dort hätte der Häftling auch spezielle Kleidung bekommen, die eine Strangulation erheblich erschwert hätte. Aus dem gleichen Grund unterblieb auch eine sogenannte Sitzwache. Dabei sitzt ein JVA-Bediensteter vor dem Haftraum und behält den Insassen ständig im Blick. Khalil A., Albakrs mutmaßlicher Komplize, hat diese Sitzwache nun bekommen. Er sitzt in Dresden in Untersuchungshaft.

Albakr bekam eine Einzelzelle, weil die Bediensteten fürchteten, er könne andere Gefangene gefährden.

Nach seiner Aufnahme in Leipzig hatten die Verantwortlichen zunächst entschieden, Albakr alle 15 Minuten in seiner Zelle zu kontrollieren. Am Mittwochnachmittag beschloss eine Expertenrunde dann, den Zeitabstand auf 30 Minuten auszudehnen. Die letzte reguläre Kontrolle am Mittwochabend fand um 19.30 Uhr statt. Um 19.45 Uhr warf eine Auszubildende außerplanmäßig einen Blick in die Zelle und fand Albakr erhängt an einem Türgitter. Die Reanimation blieb erfolglos.

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Jaber Albakr: Details zum Suizid des Terrorverdächtigen Albakr
  • Fehlte es in der JVA am Personal?

JVA-Chef Jacob bestreitet, dass Personalmangel den Suizid ermöglichte. Zugleich machte er allerdings auch deutlich, dass fehlende Dolmetscher die Kommunikation mit Albakr erschwerten. So war bei der Aufnahme des Syrers am Montag kein Übersetzer anwesend, sondern erst beim Termin mit der Psychologin am Tag darauf - es war das einzige Mal, dass er mit einem Dolmetscher redete. Auch nach regulärem Dienstschluss sei es nicht möglich gewesen, so der JVA-Chef weiter, auf Übersetzer zurückzugreifen. Deshalb sei der Häftling auch nicht zu der manipulierten Steckdose befragt worden. Ein großes Problem, wie Jacob selbst sagt: "Kommunikation ist das Wesentliche bei der Verhinderung von Suiziden."

  • Verfolgen die Ermittler auch andere Spuren?

Sachsens Generalstaatsanwalt Klaus Fleischmann sagte, es werde allen Hinweisen auf mögliches Fremdverschulden nachgegangen. Die Situation in der Zelle sei nach dem Suizid und durch die Reanimationsversuche aber "nicht mehr ganz hundertprozentig zu klären" gewesen. Die Staatsanwaltschaft in Leipzig übernimmt die Ermittlungen zum Tode Albakrs. Sie wird viel zu tun haben.

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