Terrorverdächtiger von Chemnitz Die vielen Pannen im Fall Albakr 

Der Suizid des Syrers Jaber Albakr ist nicht die einzige schwere Panne der sächsischen Behörden. Schon vorher unterliefen den Ermittlern handfeste Fehler. Der Überblick.

Gefängnis in Leipzig
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Gefängnis in Leipzig

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Von Jaber Albakr wird es keine Erkenntnisse mehr dazu geben, welche Hintermänner es bei seinen Vorbereitungen für einen Sprengstoffanschlag in Deutschland gegeben hat. Der Terrorverdächtige hat sich in der Haft das Leben genommen. Potenziell hochsensible Informationen über vermutete terroristische Verbindungen - auch zur Miliz "Islamischer Staat" - sind damit verloren. Ebenso wie Hinweise des Terrorverdächtigen, die belegen könnten, an welcher Stelle die deutschen Behörden Fehler begangen haben.

Denn es gibt im Zusammenhang mit Albakr eine ganze Serie von Ungereimtheiten und möglichen Pannen der Ermittler - allen voran der sächsischen Polizei. Eine Chronologie:

Die rätselhafte Syrienreise

Der im Juni 2015 als Flüchtling anerkannte Albakr hielt sich zuletzt nach Erkenntnissen des SPIEGEL und anderer Medien mehrere Monate lang in der Türkei auf. Das sagten syrische Bekannte des 22-jährigen Reportern von SPIEGEL TV. Aus Sicherheitskreisen heißt es zudem, Albakrs Handy habe sich in der Türkei in das dortige Mobilfunknetz eingewählt. Erst Ende August soll Albakr von dort zurückgekehrt sein. Unklar ist, wann Albakr genau in die Türkei aufbrach und wie oft er ein- und ausreiste. Dem MDR zufolge reiste Albakr im Herbst vergangenen Jahres zwei Mal in die Türkei und hielt sich auch einige Zeit in Syrien, in der Stadt Idlib, auf. Das berichtet der Sender unter Berufung auf Familienangehörige Albakrs in Syrien und ehemalige Mitbewohner aus dem nordsächsischen Eilenburg.

Zwar durfte Albakr nach seiner Anerkennung als Flüchtling im Juni 2015 grundsätzlich verreisen - den Bestimmungen ohne Visum zufolge aber nur innerhalb der EU und nicht in sein Herkunftsland. Für die Türkei wäre ein Visum nötig gewesen. Mit welchen Dokumenten und auf welchem Weg gelang es dem Terrorverdächtigen also, unbemerkt zwischen der Türkei oder Syrien und Deutschland hin und her zu reisen?

Die Observierung

Die sächsische Polizei obervierte seit vergangenem Freitagabend das Haus in der Straße Usti nad Labem 97 in Chemnitz , in dem sich Albakr aufhielt. Dabei gingen die Beamten offenbar so auffällig vor, dass auch Nachbarn bemerkten, dass sie beobachtet und das Gebäude fotografiert wurde. Laut "Bild" stand ein Dienstfahrzeug offen sichtbar auf einer Wiese vor dem Wohnhaus.

Trotzdem konnte die sächsische Polizei nicht herausfinden, in welcher Wohnung sich der Gesuchte aufhielt, weil Albakr nicht in Chemnitz gemeldet war, sondern in Eilenburg. In dem Plattenbau in Chemnitz habe es mehrere Mieter mit arabisch klingenden Namen gegeben, so Jörg Michaelis, Chef des sächsischen Landeskriminalamtes.

Der gescheiterte Zugriff

Weil sie nicht wussten, in welcher Wohnung Albakr sich aufhielt, entschied sich die Einsatzleitung, mit dem Zugriff zu warten, bis der Gesuchte das Haus verließ. Zu diesem Zweck bezog ein Spezialeinsatzkommando Position vor dem Gebäude. Noch während die Vorbereitungen für den Zugriff liefen, verließ Albakr den bisherigen Erkenntnissen zufolge am Samstagmorgen um 7 Uhr das Haus. Auch ein Warnschuss hielt den Flüchtenden nicht auf, er entkam. Die Verfolgung des Mannes sei gescheitert, da die Polizisten des SEK 35 Kilogramm schwere Schutzkleidung trugen.

So konnte Albakr fliehen - ein Mann, von dem die Polizei in ihrem Fahndungsaufruf selbst sagte, er "schlurfe" und sein Gang sei ohne Körperspannung. Er konnte auch deshalb entkommen, weil es die Polizei versäumt hatte, einen zweiten Ring mit Einsatzkräften um das observierte Wohnhaus zu ziehen.

Die ungestörte Flucht Albakrs

Später reiste der Terrorverdächtige Albakr mehrere Stunden lang ungestört - offenbar mit dem Zug - von Chemnitz nach Leipzig, trotz Hunderter Beamter im Fahndungseinsatz. Es gibt Meldungen, dass Albakr noch am Samstag zu seiner alten Wohnung in Eilenburg, einer Kleinstadt nahe Leipzig, fuhr. Das berichten mehrere Medien unter Berufung auf Nachbarn. Recherchen des SPIEGEL zufolge könnte das Klingeln und die geschilderten Geräusche im Treppenhaus auch von Zielfahndern gekommen sein, die im Haus auf Albakr gewartet haben. Eindeutig identifiziert wurde Albakr jedenfalls in Eilenburg am vergangenen Samstag nicht.

Die Rolle der Syrer, die Albakr fesselten

Drei Syrer in Leipzig, bei denen Albakr am Samstagabend Unterschlupf gefunden hatte, überwältigten ihn und übergaben ihn in der Nacht zum Montag der Polizei. In seinen Vernehmungen hatte Albakr nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur die drei Syrer der Mitwisserschaft bezichtigt. Inwieweit diese Aussage als glaubhaft eingestuft wird oder ob es sich um eine Schutzbehauptung handeln könnte, ist bisher unklar. Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, die die Ermittlungen führt, wollte die Angaben nicht bestätigen. Die Frage, ob die drei Syrer noch als Zeugen oder Verdächtige in dem Ermittlungsverfahren behandelt würden, blieb unbeantwortet. Festgenommen wurden sie jedenfalls bisher nicht. Laut "Leipziger Volkszeitung" wurden die drei Syrer bereits seit Dienstag "intensiver Überprüfungen" unterzogen.

Der Suizid

Nur drei Tage war Albakr in den Händen der sächsischen Justiz - drei Tage in denen nicht verhindert werden konnte, dass der Terrorverdächtige sich in der JVA Leipzig mit einem Hemd am Gitter seiner Zelle erhängen konnte.

Der Leiter der Leipziger JVA Rolf Jacob sagte auf einer Pressekonferenz, Albakrs Zelle sei zunächst im Abstand von 15 Minuten kontrolliert worden, nach Beratung einer Psychologin seien die Kontrollintervalle in der Zelle dann auf 30 Minuten erhöht worden. Es habe keine Hinweise auf eine akute Suizidgefahr gegeben. Diese Einschätzung verwundert: Schließlich galt der Häftling als potenzieller Selbstmordattentäter, außerdem manipulierte Albakr in der Haft Steckdosen und zerstörte eine Lampe.

insgesamt 43 Beiträge
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alaba27 13.10.2016
1. Immer wenn es wichtig ist
gibt es unglaubliche Pannen. NSU, Albakr ...
franke2010 13.10.2016
2. Immer der OSTEN
In den Ostländer (ehemalige DDR) passieren immer solche Dinge. Besonders Sachsen sticht hier hervor. Was machen die denn nur?? Die Braunen haben dort den größten Zulauf, die Sachsen sind am brutalsten gegen die Flüchtlinge, die AfD hat dort die größten Anhänger. Was haben diese Ossis bloß im Kopf. Als Wessi muss man sich nur wundern.
marinero7 13.10.2016
3. Das konnte keiner ahnen
Ich kann die Behörden in Sachsen verstehen. Es ist natürlich völlig abwegig davon auszugehen, dass ein potentieller Selbstmordattentäter in der Zelle Selbstmord begehen könnte. Das kann keiner ahnen. *Ironie aus*
dir-kl 13.10.2016
4. War so nicht vorhersehbar
Nach dem Zusammenkommen der Expertenrunde in der JVA kam man zu dem Schluss dass der unter Terrorismusverdacht stehende potentielle Selbstmordattentäter (vorbereitete Sprengstoffweste) nicht selbstmordgefährdet sei. Ähm ja, ist klar. Hätte ich jetzt nicht vermutet. Aber ich bin ja auch kein Experte.
Racer77 13.10.2016
5. Geringere Kosten...
Vermutlich hätte man eh nicht mehr viele verwertbare Aussagen von Al Bakr bekommen. Und so spart man sich die Kosten für das Verfahren inkl. aller Berufungen und die Kosten eines jahrelangen Gefängnisaufenthalts.
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