Landtagswahlen im Osten Im Waldkampf

Stürme, Dürre und der Borkenkäfer: Zehntausende Hektar Wald könnten in diesem Sommer verloren gehen. In Sachsen und Thüringen wird das drohende Forststerben im Wahlkampf zur Chefsache.

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow auf Waldwanderung: "Ein Teil unserer Landschaft geht verloren"
DPA / Martin Schutt

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow auf Waldwanderung: "Ein Teil unserer Landschaft geht verloren"

Von Martin Debes und , Erfurt und Leipzig


Thüringens Ministerpräsident hackte dieser Tage Holz. Seit ein paar Jahren besitzt Bodo Ramelow eine kleine Blockhütte an den Saale-Talsperren, dazu gehören 2500 Quadratmeter Wald. Ramelow muss in knapp zehn Wochen sein Ministerpräsidentenamt verteidigen. Bevor er in die heiße Phase des Wahlkampfs eintritt, gönnte er sich ein paar freie Tage in seiner Hütte. 19 Stämme zersägte er im Urlaub und stapelte sie vor seiner Hütte. "Das Problem ist, dass uns gerade ein Teil unserer Landschaft verloren geht", sagt er am Telefon besorgt.

Was sich seit Jahren abzeichnete, hat nun seinen Weg in die Politik gefunden und betrifft den Waldbesitzer Ramelow sogar direkt: Der deutsche Wald ist krank. Die Stürme und die Dürren schwächten die Bäume, die so zum gefundenen Fressen für den Borkenkäfer wurden.

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Die rot-rot-grüne Landesregierung in Thüringen befürchtet, dass 40.000 Hektar Waldfläche verloren gehen - in Sachsen könnten es sogar 100.000 Hektar sein, wie der dortige CDU-Landesumweltminister Thomas Schmidt schätzt. Beide Bundesländer haben etwa 500.000 Hektar Wald. (Lesen Sie hier, warum sich der deutsche Wald in einem schlechten Zustand befindet.)

Betroffen sind vor allem die Fichtenbestände, aber auch die Buchen sterben reihenweise ab. Der Holzpreis sinkt, weil der Markt mit Holz überschwemmt wird. Die Waldwirtschaft kann also nicht einmal das Geld auftreiben, um das Schadholz wegzuschaffen.

Das drohende Waldsterben wird immer sichtbarer und avanciert so wenige Wochen vor den Landtagswahlen in Thüringen und in Sachsen zum großen Wahlkampfthema. Auch in Brandenburg, wo ebenfalls gewählt wird, gibt es Schäden. Bisher spielt das Thema aber dort im Wahlkampf kaum eine Rolle.

Streit im Thüringer Kabinett

In Thüringen dagegen wird vor der Wahl am 27. Oktober heftig gestritten, wie das Bundesland mit der Forstzerstörung umgehen soll. CDU und AfD werfen Rot-Rot-Grün vor, das Problem verschlafen zu haben - und haben damit zumindest teilweise Recht. Denn im Haushalt für das Jahr 2020, der erst im Juni mit Koalitionsmehrheit im Landtag verabschiedet wurde, steht kaum Geld für das bereit, was auf Thüringen zukommt, trotz aller Warnungen von Fachpolitikern und Forstexperten.

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Die zuständigen Minister überbieten sich nun mit Vorschlägen. Forstministerin Birgit Keller (Linke) will freiwillige Helfer für den Waldumbau rekrutieren. Innenminister Georg Maier (SPD) schlägt Millionenhilfen für die Kommunen vor. Und Umweltministerin Anja Siegesmund (Grüne) präsentiere gleich einen Zehnpunkteplan. Damit wird der alte, bislang intern geführte Streit darüber wiederbelebt, ob tatsächlich fünf Prozent der Thüringer Wälder nicht mehr bewirtschaftet werden sollen. SPD und Linke gifteten öffentlich gegen Siegesmund, die sich empört wehrte.


Im Video: Hitze und Dürre - droht ein neues Waldsterben?


Ministerpräsident Ramelow unterbrach vergangene Woche eigens seinen Urlaub im Privatwald, um das Durcheinander zu ordnen. Jetzt gibt es einen gemeinsamen Aktionsplan, in dem 200 Millionen neue Bäume und üppige Summen versprochen werden.

CDU-Spitzenkandidat Mike Mohring forderte derweil, dass die Bundeswehr im Wald einmarschiert, um das Schadholz abzutransportieren. Für diese Woche hat Mohring eine Pflanzaktion angekündigt: Mit einem halben Dutzend Landtagsabgeordneter will er 200 Bäume bei Remptendorf pflanzen. Das Revier liegt unweit von Ramelows Waldhütte.

Kretschmer und das "grüne Gold"

Auch Mohrings CDU-Parteikollege, Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, hat den Wald als Wahlkampfthema entdeckt. Als einziger Landeschef fuhr er vor wenigen Wochen persönlich zur Moritzburg bei Dresden. Hier trafen sich die Unionsforstminister der Länder mit Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) und verabschiedeten die "Moritzburger Erklärung". Darin fordern sie 800 Millionen Euro, um den deutschen Wald den Klimaveränderungen anzupassen.

Michael Kretschmer im Wald: Wie lässt sich das "grüne Gold" retten?
Robert Michael / DPA

Michael Kretschmer im Wald: Wie lässt sich das "grüne Gold" retten?

Kretschmer rief die Rettung des "grünen Goldes" aus und machte Druck auf die Bundesregierung. Zwischendurch hieß es, der Bund wolle sogar 1,5 Milliarden Euro zur Verfügung stellen, inzwischen spricht Ministerin Klöckner von 500 Millionen Euro. Die Länder wissen also noch nicht, wie viel Geld sie erhalten werden, um ihre Wälder zu retten.

In der Nähe von Chemnitz trafen sich vergangenen Freitag gut 20 Experten im Hotel Schloss Rabenstein zur Sachsenwaldkonferenz. Sie schauten sich bei einer Exkursion den sächsischen Oberwald an, wo sich der Schaden begutachten lässt. Die Äste der Fichten hängen lasch herunter, die Farbe der Nadeln wirkt blass, die Lichtungen mehren sich. In Sachsen summiert sich das Schadholz auf 5,2 Millionen Kubikmeter - so viel wie noch nie.

Nationaler Waldgipfel erst Ende September

Die Konferenz entwarf einen Masterplan für das Bundesland, dabei war auch CDU-Landesumweltminister Schmidt. Einige Maßnahmen des Entwurfs sollen bereits an diesem Montag in einer neu geschaffenen Koordinierungsstelle der Landesregierung angeschoben werden. In dem vierseitigen Papier plädieren die Teilnehmer für eine Holznutzung zugunsten des Klimaschutzes, für mehr Waldbrandschutz, mehr Forschung und eine nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder.

Vor den Wahlen bleiben den Landesregierungen nur wenige Wochen Zeit. Tatsächlich wird erst im Oktober mit konkreten Plänen gerechnet, nachdem am 25. September in Berlin der nationale Waldgipfel von Landwirtschaftsministerin Klöckner stattgefunden haben wird.



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insgesamt 48 Beiträge
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docker 19.08.2019
1. Der Forst
Man kann schon bei Fontane nachlesen, welche falsche Richtung die Forstwirtschaft Deutschland nahm (und nimmt). Die Fichte in Massen anzupflanzen hat nur den einen Grund : Möglichst viel Holz in möglichst kurzer Zeit zu schlagen. Manche nennen es Geldgier. Jetzt zu jammern , um Subventionen abzugreifen ist nur eine weitere Facette derselben.
Maxe W. 19.08.2019
2. "drohendes Waldsterben": Katastrophe Hurra.
In jeder Jahreszeit gehen Bäume ein, nicht nur im Sommer. Die Borkenkäferplage ist den selbsternannten Naturschützern zuzuschreiben, die die Bekämpfung des Schädlings mit allen Mitteln verhindern. Den ganzen Naturpark Bayerischer Wald haben die so ruiniert. Wunderbare Riesenfichten. Heute sieht das dort aus wie nach einem Kometeneinschlag.
Darwins Affe 19.08.2019
3. Verzweiflungstat
Aus lauter Verzweiflung über die Umfragewerte der Grünen laufen jetzt die Konservativen und Neo-Kommunisten dem Waldsterben nach. Ob`s potentielle Grünen- bzw. AfD-Wähler beeindruckt, scheint recht fraglich. Im Zweifelsfall wählt man doch eher das (pro und contra) Original.
Wolfgang H. 19.08.2019
4. Bei den Bäumen ist es so wie bei Lebewesen,
wenn das Immunsystem geschwächt ist, sei es durch Trockenheit oder Windschaden, sind sie anfällig gegenüber Schädlingen. Da hilft nur Antibiotika. Den Borkenkäfer kann man nur chemisch entgegenwirken. Aber lieber 150 mrd zum Fenster rauswerfen als für 5 mil Pestizide gezielt einzusetzen. Fragt mal Förster oder Leute aus der Forstwirtschaft. Nein hier entscheidet die Politik wieder besseren Wissens.
freddygrant 19.08.2019
5. Natürlich kann man ...
... das Waldsterben zum Wahlkampfthema machen. Nur sollte der Wähler diesen Parteien und Kandidaten - samt Regierung - auch vertrauen können. Ramelow ist doch jetzt schon einige Jahre der Chef in Thüringen. Was hat er als Waldbesitzer da auf den Weg gebracht? Hat er seine Revierförster überhaupt mal befragt wie es in seinem Wald aktuell ausschaut?
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