Sachsens Ministerpräsident Tillich Der Geschmeidige

Ministerpräsident Stanislaw Tillich absolviert in Sachsen seinen ersten Wahlkampf als Spitzenkandidat. Er macht das mit großer Energie, geht offensiv auf Menschen zu, lächelt viel und findet alles "subber". Aber mitunter stößt der CDU-Politiker an seine Grenzen.

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Rochlitz/Chemitz - Herr Roeder muss erst einmal durchschnaufen. In Pantoffeln steht er in seiner Wohnungstür, aus der kurz zuvor der Ministerpräsident spaziert ist, und schüttelt den leicht geröteten Kopf. "Das glaubt mir doch kein Mensch", sagt Roeder.

Im Wahlkampf vielleicht schon. Da kann es durchaus passieren, wie an diesem Augusttag im sächsischen Städtchen Rochlitz, dass der Landesvater spontan zum Geburtstag vorbeischaut.

Wahlkämpfer Stanislaw Tillich (CDU): "Sind Sie jede Woche hier?"
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Wahlkämpfer Stanislaw Tillich (CDU): "Sind Sie jede Woche hier?"

Stanislaw Tillich - mit der Bürgermeisterin, dem CDU-Landtagsabgeordneten und einigen Journalisten unterwegs zum Marktplatz - trifft vor dem mehrgeschossigen Wohnhaus in der Gärtnerstraße auf ein paar nicht mehr ganz junge Männer mit Blumensträußen in den Händen. Sie wollten einem verdienten Feuerwehrkameraden zum 70. gratulieren, erfährt Tillich. "Da komme ich mit", sagt er - und sitzt wenig später am Geburtstagstisch von Herrn Roeder. "Ich hoffe, die Überraschung ist gelungen", sagt der Ministerpräsident und beißt in ein Schinkenbrötchen.

Das wäre sie wohl selbst dann, wenn es sich bei Roeder um einen eingefleischten Reformsozialisten handelte. Tillich legt diesen Überraschungsgeburtstagsbesuch so locker hin, als schaute er bei Nachbarn in seinem sorbischen Heimatdorf Panschwitz-Kuckau vorbei.

Stanislaw Tillich, 50, wird im Wahlkampf mit dem Slogan "Der Sachse" beworben. So ist es auf dem mit Folien beklebten Bus zu lesen, in dem der Ministerpräsident bis zur Landtagswahl am 30. August durch den Freistaat tourt. Und so ist es auf den großen und kleinen CDU-Plakaten zu lesen, an denen man in diesen Tagen zwischen Erzgebirge und Vogtland vorbeifährt. Dazu ein Foto, das Tillich ohne Krawatte zeigt.

Über den Sachsen Tillich freut sich seine Partei deshalb in so großen Buchstaben, weil sie mit ihm nach den West-Importen Kurt Biedenkopf und Georg Milbradt zum ersten Mal einen im Freistaat geborenen Ministerpräsidenten hat. Aber vor allem soll der Sachse Tillich einer sein, mit dem alle im Land können. Tillich, schlank und sportlich ergraut, ist ein gutaussehender Mann, weshalb er vom Typ "mittelalte Frau mit Einkaufsnetz" angehimmelt wird. Aber genauso gut kommt der Ministerpräsident mit Polizisten auf dem Rochlitzer Marktplatz ins Gespräch.

Weil der voller Elan um Stimmen werbende Tillich noch kein absoluter Wahlkampfprofi ist, kommt es allerdings auch zu kleinen Szenen der Unbeholfenheit: "Sie sind Rentnerin?", fragt er eine alte Dame. Die Antwort: "Ja, ich werde 82." Bei seinem Rundgang über den Rochlitzer Markt sagt er zur Verkäuferin der Fischräucherei Mienow: "Sind Sie jede Woche hier?"

Egal, der Wahlkampf mache ihm Spaß, sagt Tillich, während er im Bus eine Autogrammkarte nach der anderen unterschreibt. "Ich spreche die Leute gerne an."

Seinem Vorgänger Milbradt hätte man diesen Satz nicht geglaubt, die Wochen vor der Landtagswahl 2004 müssen für alle Beteiligten eine Pein gewesen sein. Milbradt hatte viele Qualitäten, auf Menschen zuzugehen, gehörte nicht dazu.

Auch deshalb ist die sächsische CDU so froh, dass sie den Übergang von Milbradt zu Tillich - der diesen auch als Parteichef beerbte - schon vor einem guten Jahr über die Bühne bekommen hat.Selbst die neueste Umfrage, die Sachsens CDU erstmals seit vielen Monaten knapp unter 40 Prozent sieht, scheint weder Tillich noch seiner Partei Sorge zu bereiten. Von einem Selbstläufer könne eben keine Rede sein, sagt der Spitzenkandidat, das hätten auch viele in der CDU noch nicht begriffen. "Dafür ist diese Umfrage gut."

Dass Tillich weiterhin Ministerpräsident sein wird, daran zweifelt ohnehin niemand im Freistaat. Die Frage ist nur: in welcher Konstellation? Die Zeiten der CDU-Alleinregierung sind seit Biedenkopfs katastrophalem Abgang vorüber. Nachfolger Milbradt führte seine Partei vor fünf Jahren in eine Koalition mit der schwachbrüstigen SPD, die Tillich nun am liebsten durch die FDP ersetzen würde. Noch reichen die Zahlen für Schwarz-Gelb. Zur Not wäre Tillich aber auch geschmeidig genug für ein anderes Bündnis, beispielsweise mit den Grünen.

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