Zur Ausgabe
Artikel 17 / 68
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Alexander Neubacher

»Safe Spaces« an Hochschulen und Theatern Gleichdenk im Gesinnungsbunker

Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Das Filterblasenprinzip erreicht deutsche Universitäten, Bühnen, Buchläden: Niemand soll befürchten müssen, mit einer Gegenmeinung konfrontiert zu werden.
aus DER SPIEGEL 27/2021
Leben nach der Facebook-Methode: Wer mir nicht passt, wird geblockt.

Leben nach der Facebook-Methode: Wer mir nicht passt, wird geblockt.

Foto: Peter Steffen/ picture alliance / dpa

Vor einigen Monaten hat in Berlin-Neukölln eine neue, besonders streng kuratierte Buchhandlung eröffnet. Sie bietet ausschließlich Werke an, die von Frauen oder sogenannten queeren Menschen geschrieben wurden. Also kein Böll, kein Kafka, kein Grass. Nicht einmal Richard David Precht. Auch bei Frauen wird hart aussortiert. Autorinnen, die in der queerfeministischen Szene als trans-feindlich gelten, fliegen raus. »Alice Schwarzer und J. K. Rowling haben wir zum Beispiel nicht da«, sagte die Buchhändlerin in einem Interview mit der »Welt«. Ihr Laden soll ein »Safer Space« sein, ein Ort, an dem ihre Kundschaft ganz sicher sein kann, dass kein böses Buch den Puls treibt.

Die Idee, einstige Debattenorte wie Universitäten, Theater und eben auch Buchhandlungen in Schutzbunker für Gleichdenkende zu verwandeln, kommt aus den USA und gehört zu den fragwürdigen Errungenschaften einer Bewegung, die von sich behauptet, für mehr Diversität einzutreten. In Wahrheit haben Safe-Space-Aktivisten das Filterblasenprinzip der sozialen Medien aufs echte Leben übertragen: Wer genauso denkt wie ich, bekommt ein Herzchen; wer nicht, wird geblockt. So ist man sexuell fluide, bleibt intellektuell aber im Lockdown.

Mit ein paar Jahren Verzögerung ist die Bewegung in Deutschland angekommen. Eine Vorlesungsreihe der Universität Kiel zum Thema Diskriminierung gipfelte laut Uni-Pressestelle in einer »Safer Space« genannten Abschlussrunde für »Black, Indigenous und People of Color (BIPoC)«. Die bittere Ironie, ausgerechnet beim Kampf gegen Alltagsrassismus auf Hautschattierung und Herkunft abzustellen, fiel den Veranstaltern offenbar nicht auf.

Ähnlich am Schauspielhaus in Düsseldorf. Schwarze Theaterleute fordern derzeit von der Politik, ihnen eine selbstverwaltete Bühne zur Verfügung zu stellen, einen »Safe Space für schwarze Körper«, dazu Subventionen von 600.000 bis 800.000 Euro jährlich für mindestens vier Jahre. Abgesehen davon, dass das ein ziemlich durchsichtiges Manöver zur persönlichen Einkommensmaximierung ist: Wer glaubt, durch eine Art Township-Bühne den in Deutschland existierenden Rassismus zu bekämpfen, der wird, so fürchte ich, eine Enttäuschung erleben.

Safe Spaces sind Sterbezimmer für die offene Gesellschaft.

Und ist nicht auch die politische Debatte von Debattenverdruss geprägt? Die Grünen wollen Boris Palmer loswerden, die Linken Sahra Wagenknecht, die Ungarn sollen raus aus der EU, und auf Twitter trendet jeden Tag ein neuer Aufruf zur Diskursvergrämung, von #BildBoykott bis #HaltDieFresseLauterbach.

Womöglich liegt es auch an Corona. Wer monatelang daheim zwischen Topfpflanzen hockt, entwickelt eine gewisse Überempfindlichkeit. Ich halte das für gefährlich. Für die offene Gesellschaft sind Safe Spaces keine Refugien, sondern Sterbezimmer.

Zur Ausgabe
Artikel 17 / 68
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.