Linke Sammlungsbewegung "Aufstehen"-Initiatoren rechnen mit Wagenknecht ab

Nach dem Rückzug von Sahra Wagenknecht aus der "Aufstehen"-Führung droht der Sammlungsbewegung das Aus. Mehrere Initiatoren erheben schwere Vorwürfe gegen die Linken-Politikerin.
Sahra Wagenknecht

Sahra Wagenknecht

Foto: Stefanie Loos/REUTERS

Ihr erklärtes Ziel war eine linke Mehrheit in Deutschland, manche argwöhnten gar, Sahra Wagenknecht arbeite an einer neuen Partei: Mit ihrer Sammlungsbewegung "Aufstehen" hatte die Linken-Fraktionschefin im vergangenen Jahr für viel Aufregung gesorgt. Rund 170.000 Menschen registrierten sich auf der Internetplattform der Gruppe.

Jetzt aber steht das Projekt wohl endgültig vor dem Aus. Nachdem es bereits ruhig geworden war um die vermeintliche Bewegung, hatte Wagenknecht am Sonntag überraschend ihren Rückzug aus der "Aufstehen"-Führung verkündet. Sie erklärte das auch mit ihren gesundheitlichen Problemen, die sie ebenso zum Verzicht auf die erneute Kandidatur als Fraktionschefin der Linkspartei bewogen.

Doch jetzt ist klar: Wagenknechts Abgang aus der Spitze der Sammlungsbewegung verlief offensichtlich alles andere als reibungslos. Frühere Weggefährten und Mitinitiatoren von "Aufstehen" gehen nun auf Distanz zu Wagenknecht - und erheben schwere Vorwürfe gegen die Politikerin.

Mitstreiter üben Kritik im Netz

Am Freitag veröffentlichen elf Mitglieder der Sammlungsbewegung eine "Erklärung zur Situation von Aufstehen" . Darunter sind die frühere Bundestagsvizepräsidentin der Grünen, Antje Vollmer, der Ex-Grünenchef Ludger Volmer, der Schriftsteller Ingo Schulze und der Bundestagsabgeordnete Marco Bülow, bis vor Kurzem noch in der SPD. Zu den Unterzeichnern zählen ebenso Sabrina Hofmann und Hendrik Auhagen, die mit Volmer und Bülow zuletzt dem provisorischen "Aufstehen"-Vorstand angehörten.

Man habe von Wagenknechts Rückzug "aus den Medien" erfahren, heißt es in dem Schreiben. So sehr man begreife, wie hart die Machtkämpfe in der Linkspartei für Wagenknecht seien, fahren die Autoren fort, "diesen Umgang mit der Bewegung, die sie selbst gegründet und auf die sie vertraut hat, halten wir für politisch nicht verantwortlich".

Doch die Verfasser des Textes üben auch grundsätzliche Kritik. Wer viele unterschiedliche Kräfte sammeln wolle, "muss aber auch sammeln können", heißt es. "Diesem Anspruch ist Aufstehen nicht gerecht geworden."

Die Ursachen dafür lägen "vor allem im Versagen der Führung der Sammlungsbewegung. Die Gründer und Initiatoren - wir inbegriffen - zeigten sich sträflich unvorbereitet auf die organisatorischen, politischen, finanziellen und personalpolitischen Probleme, die eine so sprunghaft anwachsende Bewegung gerade am Anfang zu bewältigen hat".

Krisensitzung abgesagt

Konkret bemängeln die Autoren Probleme bei der Akquise von Spenden. Zudem seien politische Beschlüsse vom Trägerverein der Bewegung ignoriert worden. Und die Auseinandersetzung mit der Agentur, die für die Webseite der Bewegung gearbeitet hatte, habe eine "monatelange Lähmung der Handlungsfähigkeit im Netz" zur Folge gehabt.

Zum Jahreswechsel seien die Probleme immer deutlicher geworden. Diese lägen "einerseits in mangelnder klarer politischer Führung und Zielsetzung, andererseits in mangelnden demokratischen Entscheidungsstrukturen und zum dritten in den dramatisch fehlenden organisatorischen Ressourcen".

Eigentlich sei für diesen Mittwoch längst eine "Krisensitzung" geplant gewesen, zu der es nach Wagenknechts überraschendem Schritt dann nicht mehr kam.

Im SPIEGEL hatte Wagenknecht zuletzt noch einmal bekräftigt, sie werde "Aufstehen" auch weiterhin unterstützen. Noch am Donnerstagabend war sie auf einer Veranstaltung der Sammlungsbewegung in Hamburg aufgetreten.

Und auch ihre bisherigen Mitstreiter wollen das Projekt offenbar noch nicht völlig aufgeben, auch wenn derzeit dafür kaum eine Perspektive in Sicht sein dürfte. An die Basis der Bewegung formulieren sie einen Aufruf: "Organisiert Euch selbstständig auf lokaler und regionaler Ebene, vernetzt Euch auf Landesebene."

kev