Wagenknecht über Tortenwurf "Natürlich ist es nicht angenehm"
Sahra Wagenknecht bei einer Talkshow
Foto: imagoEs war mehr als eine Schrecksekunde: Auf dem Parteitag der Linken in Magdeburg attackierten Aktivisten Fraktionschefin Sahra Wagenknecht mit einer Torte. Hintergrund sind ihre umstrittenen Äußerungen zu Kapazitätsgrenzen bei der Aufnahme von Flüchtlingen.
Eine hässliche Attacke, keine Frage. Für Wagenknecht brachte sie aber auch eine positive Wendung: Kritische Töne an ihrem Kurs waren danach kaum mehr zu hören. "Ich hätte Tausend Mal lieber sachliche Kritik gehört", sagt die 46-Jährige im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Eine Botschaft hat sie dagegen für Gregor Gysi.
SPIEGEL ONLINE: Frau Wagenknecht, Sie wurden in der Partei immer wieder heftig kritisiert. In Magdeburg hört man nach dem Tortenangriff auf Sie dagegen nur solidarische Worte. So übel die Attacke auch war, sind Sie froh, dass die Diskussion um Ihre Äußerungen zur Flüchtlingspolitik vorerst verstummt ist?
Wagenknecht: Das ist ja wohl ein schlechter Scherz. Natürlich ist es überhaupt nicht angenehm, jetzt überall im Internet und in den Zeitungen diese demütigenden Fotos zu sehen. Ich hätte tausend Mal lieber sachliche Kritik gehört und darüber diskutiert. Im Übrigen werden die Differenzen aber auch regelmäßig in den Medien überschätzt.
Im Video: Wagenknecht reagiert auf Tortenattacke
SPIEGEL ONLINE: Kritik gab es vor dem Parteitag von Gregor Gysi, Ihrem Vorgänger als Fraktionschef: Die Linke erwecke den Eindruck im Bund nicht in die Regierung zu wollen. Die Partei hält er für "saft- und kraftlos" .
Wagenknecht: Wer diesen Parteitag erlebt hat, der hat auch gespürt, dass diese Anwürfe ohne Substanz sind. Im Grunde ist das wenig anständig gegenüber den vielen Tausend Parteimitgliedern, die an Ständen, im Gespräch mit Nachbarn, mit Arbeitskollegen ohne jeden finanziellen Vorteil für die Linke werben und jetzt so eine Pauschalkritik einstecken müssen. Hilfreich war das nicht.
SPIEGEL ONLINE: Was steckt dahinter?
Wagenknecht: Ich will jetzt nicht in die Tiefen der Psychologie einsteigen. Richtig ist, dass wir bei den letzten Landtagswahlen schlecht abgeschnitten haben. Ich glaube aber nicht, dass die x-te Offerte an SPD und Grüne verlorene Wähler zurückgewinnt. Wenn unbedingter Regierungswille das Erfolgsrezept wäre, hätten wir eigentlich in Sachsen-Anhalt sehr gut abschneiden müssen.
SPIEGEL ONLINE: Die einen wollen mehr Protest, die anderen mehr Pragmatismus. Wer setzt sich durch?
Wagenknecht: Der Tenor auf dem Parteitag war eindeutig, dass wir unsere Eigenständigkeit und unser soziales Profil in den Mittelpunkt stellen müssen - in Abgrenzung zur neoliberalen Politik, die die gesellschaftliche Mitte zerstört und die soziale Ungleichheit immer weiter vergrößert und die leider von allen anderen Parteien in diesem Land in den letzten Jahren durchgesetzt wurde.
SPIEGEL ONLINE: Die Devise lautet also: Wir gegen alle?
Wagenknecht: Darum geht es nicht. Wir würden uns doch freuen, wenn wir nicht allein stehen würden. Ich fände es hervorragend, wenn sich die SPD etwa am Beispiel von Bernie Sanders in den USA orientieren würde. Dann wäre zum Beispiel die von Gregor Gysi angestoßene Debatte über einen gemeinsamen Kanzlerkandidaten mit SPD und Grünen nicht absurd, sondern dann wäre das eine charmante Idee. Aber die Realität ist leider eine andere.
SPIEGEL ONLINE: Ein rot-rot-grüner Bewerber für das Amt des Bundespräsidenten käme für Sie aber infrage. Wie passt das zusammen?
Wagenknecht: Natürlich ist die Personenauswahl bei einem gemeinsamen Bundespräsidenten deutlich größer .
SPIEGEL ONLINE: An wen denken Sie?
Wagenknecht: Ich werde jetzt sicher niemandem das Leben schwer machen, indem ich ihn oder sie vorschlage. Aber ich könnte mir durchaus Persönlichkeiten aus dem Umfeld der SPD vorstellen, die wir ohne Probleme mitwählen könnten. Der Kanzlerkandidat kommt dagegen zwangsläufig aus dem aktuellen Führungspersonal. Solange die SPD aber eine Politik verkörpert, die Renten kürzt, prekäre Jobs fördert und Vermögensteuern ablehnt, würde die Linke völlig unglaubwürdig, wenn sie einen Kandidaten mit einem solchen Profil unterstützen würde.
SPIEGEL ONLINE: Ließe sich die SPD tatsächlich auf einen gemeinsamen Präsidentschaftskandidaten ein, wäre das doch das Ende der Koalition. Wollen Sie die Sozialdemokraten provozieren?
Wagenknecht: Das stimmt doch gar nicht, es gibt bei dieser Wahl traditionell keine Koalitionsdisziplin. Es wäre ein Zeichen von Mut und ein gutes Signal, wenn sich die SPD, die jetzt seit Jahren in der Großen Koalition versauert, wenigstens bei dieser Gelegenheit mal von der CDU absetzt.