Linke-Parteivize im Interview Wagenknecht schließt Doppelspitze mit Lafontaine aus

Sie gilt als eine Hoffnungsträgerin der Linken und stemmt sich gegen die seit Monaten währende Krise ihrer Partei: Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt Sahra Wagenknecht, warum die Linke ihrer Meinung nach nicht am Ende ist - und spricht über ihr Leben mit Oskar Lafontaine.

dapd

Von und


Berlin/Hamburg - Sahra Wagenknecht sieht die Linke kurz vor den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen in einer ausgesprochen schwierigen Situation. "Wir müssen wirklich kämpfen, um wieder in die Landtage einzuziehen", sagte die stellvertretende Parteichefin SPIEGEL ONLINE. Umfragen zufolge droht der Partei in beiden Fällen der Sturz unter die Fünfprozenthürde.

Indirekt warf Wagenknecht auch dem amtierenden Parteichef Klaus Ernst und seiner im April zurückgetretenen Co-Chefin Gesine Lötzsch vor, die Positionen der Linken in der Vergangenheit nicht ausreichend deutlich gemacht zu haben. Die Partei brauche künftig Leute an der Spitze, "die angriffslustig, pointiert und mit Biss unsere Positionen vertreten", sagte Wagenknecht. Die Linke habe sich in den vergangenen zwei Jahren Debatten geleistet, die das Profil der Partei "eher unkenntlich gemacht" hätten.

Wagenknecht, die in der Linken als mögliche neue Parteichefin gehandelt wird, selbst aber zu ihren Plänen schweigt, schloss aus, dass sie gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Oskar Lafontaine die Partei führen könnte: "Das wird es nicht geben."

Lesen Sie hier das ganze Interview mit der Linken-Politikerin:

SPIEGEL ONLINE: Frau Wagenknecht, in der Linken wird darüber gerätselt, ob Sie nach dem überraschenden Rücktritt von Parteichefin Lötzsch zur Übernahme eines Spitzenpostens bereit sind. Warum äußern Sie sich nicht?

Wagenknecht: Weil ich finde, dass wir jetzt unsere gesamte Kraft auf die Wahlkämpfe in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen konzentrieren sollten, statt endlose Personaldebatten zu führen. Wir müssen wirklich kämpfen, um wieder in die Landtage einzuziehen. Das ist jetzt einfach das Wichtigste.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind 42 Jahre alt, das wäre doch eine echte Verjüngungskur für die Parteispitze.

Wagenknecht: Wenn ich andere dafür kritisiere, dass sie dauernd Personalfragen debattieren, werde ich nicht das Gleiche tun. Das Alter ist auch nicht die entscheidende Frage. Wir brauchen Menschen an der Spitze, die angriffslustig, pointiert und mit Biss unsere Positionen vertreten. Wir haben uns in den vergangenen zwei Jahren viele Debatten geleistet, die nicht dazu beigetragen haben, unser Profil zu schärfen, sondern es eher unkenntlich gemacht haben.

SPIEGEL ONLINE: Soziale Gerechtigkeit ist der Schlager jedes Linken-Wahlkampfes. In NRW erklärten in einer Umfrage jetzt ganze drei Prozent der Befragten, sie würden vor allem Ihrer Partei zutrauen, für soziale Gerechtigkeit zu sorgen. Wie passt das zusammen?

Wagenknecht: Es gibt generell den Trend, dass die Leute den Parteien nicht mehr viel zutrauen.

SPIEGEL ONLINE: Die Vergleichswerte für die übrigen Parteien waren aber deutlich besser…

Wagenknecht: Dass die Menschen uns noch nicht zutrauen, die Gesellschaft gerechter zu machen, hat ja auch mit realen Machtverhältnissen zu tun. Viele sehen nicht, dass auch eine starke Opposition die Gesellschaft verändert und dass es einen erheblichen Unterschied macht, ob etwa Frau Kraft im NRW-Landtag durch eine linke Fraktion unter Druck gesetzt wird oder die Hartz-IV- und Bankenrettungs-Parteien wieder unter sich sind. Dann wird die Politik bei sozialen Kürzungen viel rücksichtloser sein.

SPIEGEL ONLINE: In Schleswig-Holstein und NRW droht der Linken der Abschied aus den Landtagen. Ist die Linke auf dem Weg zur Regionalpartei?

Wagenknecht: Nein, definitiv nicht - und wir haben in beiden Ländern auch noch unsere Chance.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Parteifreund Bodo Ramelow sagt, dass sich in Düsseldorf entscheide, ob die Linke ein politisches Schwergewicht oder eine vorübergehende gesamtdeutsche Erscheinung ist. Das hört sich aber schon nach Niedergangsszenario an.

Wagenknecht: Das ist Unsinn. Es gibt im Parteienspektrum dringenden Bedarf für eine Partei wie Die Linke, die immerhin die einzige ist, die die Wirtschafts- und Finanzordnung in Frage stellt, statt sich den Reichen und Mächtigen anzubiedern. Es gibt in der politischen Landschaft ein ständiges Auf und Ab von Parteien. Augenblickliche Stimmungen sind keine Jahrhunderttrends.

SPIEGEL ONLINE: Aber den Absturz der Linken können Sie schwerlich in Abrede stellen - nur ein paar Daten: Im vergangenen Jahr hat die Partei den Einzug in die Landtage von Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg verpasst, es gab eine empfindliche Niederlage und den Verlust der Regierungsbeteiligung in Berlin.

Wagenknecht: Wir hatten bis 2009 einen unglaublichen Aufschwung, sind in viele Landesparlamente eingezogen und mit fast zwölf Prozent in den Bundestag. Danach kam eine Phase, in der es nicht so gut lief, das stimmt. Jetzt geht es darum, diesen Abwärtstrend zu stoppen und wieder umzukehren.

SPIEGEL ONLINE: Müsste sich die Linke nicht stärker öffnen in Richtung SPD und Grüne?

Wagenknecht: Was heißt öffnen? Wir haben der SPD bei sämtlichen Landtagswahlen angeboten, in Koalitionen mit uns soziale Politik zu machen. In Mecklenburg-Vorpommern, im Saarland, in Thüringen waren die Mehrheiten dazu da, auch in NRW. Es ist nicht unsere Verantwortung, dass die SPD lieber mit der CDU ins Koalitionsbett kriecht und mit ihr Sozial- und Personalabbau beschließt.

SPIEGEL ONLINE: Das klingt so, als würden Sie die SPD täglich umarmen. Die Signale der Linken im Bund sind doch ganz anders: Dort stellen Sie der SPD für eine mögliche Zusammenarbeit Bedingungen, auf die die Sozialdemokraten unmöglich eingehen können - etwa ein Nein zu Hartz IV.

Wagenknecht: Warum kann sie darauf nicht eingehen? Hartz IV ist eine einzige Katastrophe: Millionen Kinder wachsen dadurch in demütigender Armut auf, auch für die immer größere Zahl an Hungerlohnjobs ist das Hartz-IV-System mitverantwortlich. Als die SPD Hartz IV einführte, hat sie allen sozialdemokratischen Traditionen und ihren eigenen Wählern ins Gesicht geschlagen. Gleichzeitig wurden damals gigantische Geschenke an Vermögende verteilt, der Spitzensteuersatz gesenkt und Unternehmen massiv entlastet. Solange die SPD an diesem Kurs festhält, ist soziale Politik mit ihr natürlich nicht möglich.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst waren in der Linken über Jahre bei führenden Genossen eher geduldet als geliebt, unter anderem wegen ihrer Mitgliedschaft in der orthodoxen Kommunistischen Plattform. Inzwischen gelten Sie als eine Hoffnungsträgerin. Wer hat sich gewandelt: Sie oder die Partei?

Wagenknecht: Natürlich habe auch ich mich entwickelt. Ich habe heute manche Positionen nicht mehr, die ich mit Anfang 20 hatte. Aber auch die Linke ist eben eine neue Partei. Unser Programm ist viel kapitalismuskritischer als alle Programme der PDS.

SPIEGEL ONLINE: Was hat sich denn bei Ihnen geändert? Sind Sie heute weniger Marxistin als früher?

Wagenknecht: Das wäre dumm, Marx ist eine wichtige analytische Hilfe, um die Realität zu verstehen. Systemkritik ist heute wichtiger denn je. Aber wie sieht die Alternative zum bestehenden System aus? So etwas hat man nicht mit 20 Jahren im Bauch. Was ich heute in meinen Büchern zur Eigentumsordnung, zur Rolle von Markt und Staat formuliere, hätte ich früher so noch nicht geschrieben. Auch weil ich damals überhaupt noch nicht die nötigen wirtschaftstheoretischen Kenntnisse hatte.

SPIEGEL ONLINE: Dann sind wir gespannt, was Sie als 60-Jährige sagen. Treten Sie dann vielleicht in die SPD ein?

Wagenknecht: Ich werde garantiert nie Mitglied einer Agenda-Partei wie der heutigen SPD. Damit würde ich ja meine gesamten Überzeugungen in Frage stellen. Ich bin überzeugt, dass der Kapitalismus keine Lösung ist und wir eine neue Wirtschaftsordnung brauchen. Das ist eine Konstante, die ich mit 18 ebenso vertreten habe wie heute. Und ich bleibe optimistisch: Wenn ich 60 bin, ist der Kapitalismus vielleicht tatsächlich schon Geschichte.

SPIEGEL ONLINE: Sie leben seit einer Weile an der Seite von Oskar Lafontaine. Man kennt Sie beide als profilierte Politiker. Ist das Privatleben für Sie schwieriger geworden, weil Ihnen neugierig aufgelauert wird?

Wagenknecht: Das Private ist privat, das wird leider nicht immer respektiert. Dies ist mir wichtig: Für die Öffentlichkeit bin ich weiter die Politikerin Sahra Wagenknecht und nicht die Lebensgefährtin von Oskar Lafontaine. Wenn wir bei gemeinsamen politischen Auftritten größeres mediales Interesse haben, ist das ja in Ordnung. Weniger schön sind Handy-Schnappschüsse von gemeinsamen Urlaubsreisen, die dann in der "Bunten" veröffentlicht werden.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es überhaupt Tage zwischen Ihnen beiden, an denen es nicht um Politik geht, an denen mal nicht das Stichwort Die Linke fällt?

Wagenknecht: Derzeit kommt das natürlich nicht so häufig vor. Aber selbstverständlich dreht sich nicht unser ganzes Leben nur um die Politik, das wäre ja traurig.

SPIEGEL ONLINE: Kommt es auch schon mal zu politischem Streit zwischen Ihnen, etwa weil Sie unterschiedliche Positionen vertreten?

Wagenknecht: Es ist nicht so, dass wir grundverschiedene Positionen dazu haben, wohin sich die Linke entwickeln sollte.

SPIEGEL ONLINE: Absolute Einigkeit auch in Detailfragen?

Wagenknecht: Das wäre ja langweilig.

SPIEGEL ONLINE: Wer gibt denn dann nach?

Wagenknecht: Es muss doch keiner nachgeben. Jeder vertritt seine Meinung.

SPIEGEL ONLINE: Ein neues Führungsduo Wagenknecht und Lafontaine - wäre das etwas?

Wagenknecht: Das wird es nicht geben.

insgesamt 175 Beiträge
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Seite 1
pepito_sbazzeguti 04.05.2012
1. Schade
Schade, mit diesem Gespann könnte die Linke wenigstens noch etwas Aufmerksamkeit erhalten - und wenn es auch nur in "Gala" oder "Bunte" wäre.
zeitmax 04.05.2012
2. Die Frau hats eben
und das wird sich uns noch zeigen - hoffentlich!
waldemar.l. 04.05.2012
3. Sie will,...
---Zitat--- Die Politikerin will den Abwärtstrend ihrer Partei stoppen. ---Zitatende--- ...oder doch beschleunigen, bei all dem was die von sich gegeben hat.
stephan87 04.05.2012
4.
Na so was. Dem typischen Linkswähler würde so eine Doppelspitze bestehend aus einem Pärchen doch sicher gefallen. Im guten alten Kommunismus ist das doch so. Also das man aufgrund von familiären Banden und weniger aufgrund von Leistung an die Spitze kommt.
Berlinjoey 04.05.2012
5. Weitere Presseorgane
Zitat von pepito_sbazzegutiSchade, mit diesem Gespann könnte die Linke wenigstens noch etwas Aufmerksamkeit erhalten - und wenn es auch nur in "Gala" oder "Bunte" wäre.
Seien Sie nicht so pessimistisch. Ich bin sicher, auch das "Neue Deutschland" und die "Bäckerblume" würden gern eine Homestory schreiben.
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