Provokationskurs Sahra Croft

Sahra Wagenknecht will die AfD im Wahlkampf mit ihren eigenen Waffen schlagen. Ob das der Linkspartei Stimmen bringt, ist ungewiss. Das Risiko dagegen ist groß.

Sahra Wagenknecht im Bundestag
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Sahra Wagenknecht im Bundestag

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2017 war erst wenige Tage alt, da wusste sich Parteichef Riexinger nur mit einem öffentlichen Ordnungsruf zu helfen: Die Spitzenkandidaten hätten sich "an die Programmatik und die Kernaussagen, die die Linke betreffen, zu halten", mahnte er. Es war klar, wem die Zurechtweisung galt: Sahra Wagenknecht - wieder einmal.

Sollte irgendjemand bei den Linken ernsthaft auf einen harmonischen Start ins Superwahljahr gehofft haben - er wurde schnell enttäuscht. Wagenknecht, die Fraktionsvorsitzende, hatte im "Stern" Kanzlerin Angela Merkel eine "Mitverantwortung" für die Terror-Toten von Berlin gegeben. Applaus kam von der AfD, die Medien aber berichteten aufgeregt, bei den Linken hieß es, Wagenknecht erzähle "Scheiße".

Provokation gelungen.

Dabei soll vom kommenden Wochenende eigentlich ein positives Signal ausgehen. Die Spitzen von Partei und Fraktion treffen sich zum "Politischen Jahresauftakt" in Berlin. Gemeinsam wollen sie am Samstag den Programmentwurf vorstellen, der unter der Führung von Riexinger und seiner Co-Vorsitzenden Katja Kipping erarbeitet wurde. Darin soll explizit zu Offenheit und Toleranz aufgerufen werden.

Die Schlagzeilen aber bestimmen nicht Kipping und Riexinger. Die Schlagzeilen bestimmt Wagenknecht - mit einem anderen Kurs.

Wagenknecht grenzt sich vom "Establishment" ab

Die 47-Jährige hat sich längst entschieden. Sie will den vielleicht größten Konkurrenten der Linken, die AfD, schlagen - und zwar mit den eigenen Waffen. Wagenknecht will den Rechtspopulisten die Protestwähler abjagen. Wie das geht, testet sie seit Monaten aus. Sie befeuert Vorbehalte gegen Flüchtlinge, tritt plötzlich für eine scharfe Sicherheitspolitik ein, grenzt sich ab vom "Establishment". In schöner Regelmäßigkeit treibt sie damit den Blutdruck vieler Linker nach oben.

  • Im Dezember 2015 stellt Wagenknecht entgegen der Parteilinie fest, Kontingente für Flüchtlinge seien eine "Verbesserung".
  • Im Januar 2016 sagt Wagenknecht zu den Silvesterübergriffen von Köln: "Wer Gastrecht missbraucht, der hat Gastrecht dann eben auch verwirkt".
  • Im Juni setzt sie die Terroranschläge von Ansbach und Würzburg in direkten Bezug zu der "großen Zahl von Flüchtlingen und Zuwanderern".
  • Im September schreibt sie auf Ihrer Webseite: "Wir lassen uns nicht länger für dumm verkaufen von Mainstream-Medien und führenden Politikern." Der Satz ist mittlerweile gelöscht.
  • Im November attestiert sie Donald Trump mehr wirtschaftspolitische Kompetenz als der Bundesregierung.
  • Jetzt die Reaktion auf den Terroranschlag am Berliner Breitscheidplatz. AfD-Mann Marcus Pretzell lobte Wagenknecht dafür: "Eine kluge Frau". Er selbst hatte bereits vor der Linken-Politikerin über "Merkels Tote" getwittert.

Wagenknecht macht längst keinen Hehl mehr daraus, um wen sie wirbt. Im Deutschlandfunk sagte sie kürzlich, sie wolle "viele von denen erreichen, die zurzeit aus Frust, aus Verärgerung über die bisherige Politik darüber nachdenken, die AfD zu wählen".

Strategie kopiert

Wagenknecht mit der AfD gleichzusetzen, wie es manche in der Partei tun, wäre selbstverständlich zu einfach. Natürlich ist sie nicht rechts - sie will die Rechten schwächen. Aber um welchen Preis? Wagenknecht hat das Problem erkannt, dass Linke und AfD beide um Enttäuschte und Abgehängte werben. Ihr Rezept: Sie kopiert mit ihren Provokationen die Kommunikationsstrategie der AfD.

Mit Blick auf die kommenden Monate birgt das große Risiken - für die Linkspartei, aber auch für die politische Stimmung im Land:

  • Wagenknecht stellt die Systemfrage: Wenn sie sich gegen den "Mainstream" wendet, bedient sie indirekt Klischees, die AfD-Leute seit Monaten ins Land posaunen: Die Eliten stecken alle unter einer Decke, die Demokratie funktioniert nicht.
  • Wagenknecht arbeitet teilweise mit Unwahrheiten: Nach dem Anschlag von Berlin gab sie Merkel eine Mitschuld - unter anderem aufgrund der "unkontrollierten Grenzöffnung". Abgesehen davon, dass es keine Grenzöffnung, sondern allenfalls keine Grenzschließung gab: Der Attentäter Anis Amri war bereits im Juli 2015 nach Deutschland gelangt, lange vor Merkels viel kritisierter Geste - der Einreiseerlaubnis für Flüchtlinge aus Ungarn.
  • Wagenknecht stellt die Partei vor einen kaum lösbaren Konflikt: Ohne ihren Star kann die Linke nicht. Die Partei ist ihrem Selbstverständnis nach aber internationalistisch und solidarisch und bekennt sich zu unbegrenzter Humanität. Sie tritt traditionell gegen Asylschranken ein. Wenn Wagenknecht Merkels "Wir schaffen das" kritisiert, sehen viele darin einen Angriff auf die Willkommenskultur - und damit auf linke Grundwerte an sich.

Sollte Wagenknecht als Linke den rauen Ton der AfD, das pauschale Misstrauen gegenüber allem und jeden auch in anderen als den rechten Hardliner-Kreisen salonfähig machen, könnte das der Stimmung im Land schaden. Möglicherweise gelingt es ihr tatsächlich, auf diese Weise Wähler hinzuzugewinnen. Noch deutet jedoch nichts darauf hin: In den Umfragen verharrt die Linke bei etwa neun Prozent. Dagegen heißt es aus dem Umfeld der Parteizentrale, dass entsetzte Mitglieder bereits mit ihrem Austritt drohen.

In der Partei wissen sie nicht so richtig, wie sie mit all dem umgehen sollen. Im Vorstand, so ist zu hören, will man nun auf das Lager von Co-Fraktionschef Dietmar Bartsch Druck ausüben. Immer wieder gibt es Klagen, der Realo leiste zu wenig Widerstand gegen Wagenknecht. Das soll sich jetzt ändern. Es klingt nach einem ziemlich hilflosen Versuch.

Zuletzt verteidigte Sevim Dagdelen, Wagenknechts enge Vertraute im Linksaußenlager, ihre Parteifreundin. Es sei selbstverständlich, dass die Linke auf Stimmenmaximierung setze. "Eine Wahl ist kein Gesinnungstest."

Da ist der Fundi-Flügel ganz pragmatisch.

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insgesamt 208 Beiträge
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Seite 1
strauch 13.01.2017
1.
Ach Leute immer der gleiche Quatsch. Die Leute nach Rechts stellen die unbeliebt Sachen sagen. Hier gibts dazu mal eine Analyse: http://www.nachdenkseiten.de/?p=36545 Hört euch die Reden von Wagenknecht mal in voller Länge und ungekürzt an, dann verstehen vielleicht auch manche die Frau. Das hat mit AfD nichts zu tun. Kurz gefasst schreiben auch Monitor Redakteure etwas ähnliches: https://www.facebook.com/monitor.wdr/posts/1275032652535672 Man muss es nur mal verstehen wollen! Aber hier will man Frau Wagenknecht nur loswerden.
jetzttexteich 13.01.2017
2. Frau Wagenknecht ist....
aber auch die einzig realistisch denkende Person bei den Linken!!! Sie hat einen sehr guten Lehrmeister! Wenn sich die Linken nun von ihr abwenden, machen sie den gleichen Fehler den seinerzeit die SPD mit dem Festhalten an Schröder anstelle von Lafontaine gemacht hat. Wo die SPD nun steht sieht man ja!!!
dudeldumm 13.01.2017
3. Sahra Croft - seriously?
Ganz ehrlich, findet ihr nicht, dass ihr es mit den Headlines manchmal etwas übertreibt?
i.dietz 13.01.2017
4. Ich schätze
Frau Wagenknecht wirklich sehr ! Leider kann ich ihre Partei nicht wählen !
blitzunddonner 13.01.2017
5. sahra hat doch recht. links sein, heißt doch nicht seine linke flanke frei zu machen.
sahra hat doch recht. links sein, heißt doch nicht seine linke flanke frei zu machen. ob man links ist, zeigt sich daran, ob man den widerspruch von lohnarbeit und kapital bereit ist, abzumildern. an abschaffung denkt doch sowieso keiner. der andere identitätspunkt ist doch das verhältnis zu faschistischen systemen. da muss klartext gesprochen werden. und das schlimmste faschistische ekelvirus z.z. ist doch der is. dass die linke dann bei putin nicht richtig hinschaut, dass ist ein berechtigter kritikpunkt an der linken. ansonsten heißt es kampf dem terror, zusammen mit allen parteien, zumindest denen, die auch den rechten terror im visier haben. 900 angezündete asylheime 2016 gehen doch irgendwie im nachrichtenregen unter.
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