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25. März 2013, 14:49 Uhr

Salafisten-Zelle in NRW

"Kleiner, verspielter, aber netter Bombenleger"

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Im Zuge der Ermittlungen gegen vier Salafisten, die Anschläge auf Kader der rechtsextremen Partei Pro NRW geplant haben sollen, werden immer mehr biografische Details bekannt. Auch auf die Frage, warum sich die Radikalen die Köpfe rasierten, haben Beamte eine mögliche Antwort.

Essen/Leverkusen - Es waren seine Bekanntschaften, die Tayfun S. in das Visier der Terrorjäger rücken ließen. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE ging der Essener Staatsschutz schon im Juli 2012 davon aus, dass der als Gewalttäter in der Kategorie "Politisch Motivierte Ausländerkriminalität" geführte Mann Kontakte zu dem nach Gaza abgeschobenen Islamisten Ali R. sowie zu Abdullah I. unterhielt. Letzterer starb schließlich als Glaubenskrieger in Afghanistan.

Inzwischen wird der 23-jährige Tayfun S. verdächtigt, zusammen mit seinen mutmaßlichen Komplizen Marco G., Enea B. und Koray D. Anschläge auf Kader der rechtsextremistischen Splitterpartei Pro NRW geplant zu haben. Die Salafisten waren unlängst in Bonn, Leverkusen und Essen festgenommen worden. Bei ihnen fanden Kriminalbeamte unter anderem 616 Gramm Ammoniumnitrat sowie eine scharfe Ceska, Kaliber 7,65 Millimeter.

Im Zuge der Ermittlungen, mittlerweile wegen Terrorverdachts von der Bundesanwaltschaft geführt, werden immer mehr Details zu dem Quartett bekannt. Vor allem der in Aachen geboren und in Wülfrath aufgewachsene 24-jährige Koray D. ließ nach Erinnerungen von Schulkameraden schon früh eine Begeisterung für Sprengstoffe Marke Eigenbau erkennen. Einmal soll er demnach Rauchpulver auf der Schultoilette angezündet haben.

Begabter, aber etwas seltsamer Einzelgänger

In der Abiturzeitung seines Gymnasiums wird der Sohn einer Lehrerin und eines Altenpflegers als begabter, aber etwas seltsamer Einzelgänger beschrieben. Aus vielen Kommentaren seiner Mitschüler spricht - jugendlich unbedarft - ein gewisser Verdacht: "Leicht terroristisch veranlagt", lautet eine Notiz über den jungen Koray D., eine andere: "Kleiner, verspielter, aber netter Bombenleger." Dann heißt es: "Wird mal Terrorist." Und später: "Größenwahnsinniger Möchtegern-Terrorist." Die Mitschüler ahnten wohl nicht, dass sie mit ihren Einschätzungen womöglich recht behalten würden.

Nach dem Abitur ging Koray D. erst einmal zur Bundeswehr nach Koblenz, ins Stabsquartier des Heeresführungskommandos. Anschließend ließ er sich bei der Stadt Duisburg zum Verwaltungsfachwirt ausbilden. Damals setzte er sich auch für einen behördlichen Gebetsraum ein, doch sein Begehren wurde abgelehnt. Er könne in der Mittagspause beten, beschieden ihn seine Vorgesetzten. Später arbeitete D. vorübergehend als Berufsberater bei der örtlichen Arge.

In seiner Freizeit schoss Koray D. seinerzeit schon gerne auf Zielscheiben aus Pappe. Bei den Snipers-Essen legte er anderthalb Jahre lang an und beantragte schließlich eine eigene Pistole, Kaliber neun Millimeter. Zugleich bewarb er sich in Bremen um die Aufnahme in den Polizeidienst, unter Hunderten Bewerbern wurde er ausgewählt, doch im letzten Moment widerrief die Behörde die Einstellungszusage. Den Beamten war doch noch aufgefallen, dass die Düsseldorfer Kollegen bereits seit längerem gegen D. ermittelten - wegen des Verdachts einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat.

Schwere Fahndungspanne

Von dem aus Oldenburg stammenden Konvertiten Marco G. wiederum ist bekannt, dass gegen ihn bereits ein Verfahren wegen schwerer räuberischer Erpressung geführt wurde. Nachbarn erinnern sich zudem, dass der hagere 25-Jährige perfekt Arabisch gesprochen habe und extrem ordnungsliebend gewesen sei. "Der hat sogar den Aufzug geputzt", so ein Hausgenosse im Bonner Stadtteil Tannenbusch.

Nach SPIEGEL-Informationen kam es bei der Durchsuchung des Apartments von Marco G. zu einer Panne der Polizei. Die Beamten übersahen im Kühlschrank gelagerte Chemikalien. Aus Sorge um die Sicherheit seiner Frau machte G. daraufhin eine Sozialarbeiterin im Gefängnis auf die Substanz aufmerksam. Bei einer zweiten Durchsuchung entdeckten die Beamten das Material schließlich und sprengten es noch vor Ort.

Mittlerweile zeigen sich einige Bezüge zu der im Dezember auf dem Bonner Hauptbahnhof abgestellten Bombe. Zum einen soll das in der Wohnung des Salafisten Marco G. gefundene Ammoniumnitrat dem in Bonn verwendeten Stoff ähnlich sein, allerdings gibt es auch Unterschiede in der Beschaffenheit. Zum anderen hat G. nach SPIEGEL-Informationen bislang kein Alibi für die Tatzeit. Ein stichhaltiger Beleg für eine Verbindung beider Taten fehlt allerdings bislang.

Warum griffen die Männer zur Schermaschine?

Und noch etwas beschäftigt die Ermittler. Auf ihre vorerst letzte Fahrt in Freiheit gingen die beiden mutmaßlichen Verschwörer G. und Enea B., 43, mit neuen Frisuren. Wie aus Sicherheitskreisen verlautete, hatten sich die Salafisten das Haupthaar bis auf zwei Millimeter heruntergeschnitten, ehe sie unweit des Hauses von Pro-NRW-Chef Markus Beisicht festgenommen wurden. Auch ihr möglicher Komplize Koray D. war entsprechend präpariert, nur Tayfun S. hatte sich der Prozedur als Einziger nicht unterzogen. Die Frage ist nun, warum die Männer zur Schermaschine griffen?

Möglicherweise stecken dahinter keine rituellen Motive, sondern kriminalistische Erwägungen. In einem abgehörten Telefonat war G. entfahren, von ihm dürfe "kein Haar" gefunden werden. Die Polizisten schlossen daraus, dass er wegen der Bonner Bombe keine DNA-Spuren hinterlassen wollte. In der Tasche vom Bahnhof war damals zwar das Haar einer hellhäutigen Person gefunden worden, doch dieses taugte nicht zu einer Genanalyse. Einem vertraulichen Bericht des Bundeskriminalamts zufolge entdeckte die Spurensicherung allerdings vier andere DNA-Spuren in der Tasche, die bislang nicht zugeordnet werden konnten.

Vielleicht meinte Marco G. aber auch eine ganz andere Genspur. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen lagert beim niedersächsischen Landeskriminalamt ein DNA-Muster von G. aus dem Jahr 2006. Die zugehörige Kriminalakten-Nummer lautet LK24149A.

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