Prozess gegen Salafist Sven Lau Lob vom großen Bruder

Prominenter Zeuge im Prozess gegen Islamistenprediger Sven Lau: Pierre Vogel, Star der deutschen Salafistenszene, sprach über Pilgerfahrten nach Mekka - und die Ängste seiner Glaubensbrüder.
Pierre Vogel und Sven Lau (rechts) auf einer Kundgebung in Hamburg (Archiv)

Pierre Vogel und Sven Lau (rechts) auf einer Kundgebung in Hamburg (Archiv)

Foto: Markus Scholz/ dpa

Es war im September vergangenen Jahres, einen Tag vor Prozessbeginn, als Pierre Vogel per YouTube-Video und im dunklen Kaftan seine Anhänger einschwor: Solidarität für "Abu Adam", den wegen Unterstützung einer Terrormiliz angeklagten Sven Lau, "unseren geliebten Bruder".

Sven Lau steht im Verdacht, im Sommer 2013 Glaubensbrüder aus Deutschland für die Terrororganisation "Dschaisch al-Muhadschirin wa l-Ansar" (Jamwa) rekrutiert zu haben. Jamwa schloss sich später in Teilen dem "Islamischen Staat" an. Lau soll sie in Syrien besucht, ihnen Nachtsichtgeräte und Geld besorgt haben.

Im Video motivierte Pierre Vogel Gleichgesinnte, den anzurufen, "der die Herzen der Menschen beeinflussen kann, nämlich: Allah". Sie sollten zu ihm beten, im letzten Drittel der Nacht. Wer dies nicht schaffte: dann eben im ersten Drittel der Nacht. Hauptsache beten, bloß nicht zum Prozess kommen.

Das könne Sven Lau am wenigsten gebrauchen: Scharen von Glaubensbrüdern, die in den Gerichtssaal strömen. Schon gar nicht die, "die ganz offen mit Terrorgruppen sympathisieren", warnte Vogel. Das könne sich "so auswirken, dass der Richter den Eindruck bekommt, dieser Sven Lau ist tatsächlich ein Terrorist".

Die Masse gehorchte. Mehr als 40 Verhandlungstage lang fuhren meist nur drei bärtige Gestalten in einem Auto mit Mönchengladbacher Kennzeichen über den schmalen, asphaltierten Kapellweg zum Hochsicherheitstrakt des Oberlandesgerichts Düsseldorf (OLG).

Anders an diesem Dienstag, dem 45. Verhandlungstag. In der letzten Reihe von Saal 2 sitzen immerhin mehr als ein Dutzend junger Männer, die Sven Lau zuwinken, als er hereingeführt wird.

Salafistenprediger Lau

Salafistenprediger Lau

Foto: Federico Gambarini/ dpa

Einziger geladener Zeuge: Pierre Vogel, genannt "Abu Hamza". Seinetwegen sind die jungen Männer gekommen, ihn wollten sie nicht verpassen. Vogel trägt eine weite Jeans, Rauschebart und Brille. Er arbeite bei einer Hilfsorganisation und bekomme seit Januar "Stütze vom Staat", sagt der 38-Jährige. Er gilt in der Salafistenszene als einflussreicher Prediger. Gemeinsame Auftritte von ihm und Lau während Pilgerreisen sollen Highlights gewesen sein.

Vogel erscheint in Begleitung eines Rechtsanwalts. Bereitwillig gibt er Auskunft darüber, wie er Sven Lau im Jahr 2003 kennenlernte, ihm immer wieder in Moscheen in Mönchengladbach, Köln und Elsdorf begegnete. Lau bat ihn mehrfach, das Freitagsgebet zu halten; die beiden freundeten sich an.

"Ich glaube, dass er ein sehr guter Mensch ist", sagt Vogel vor Gericht. Ein Satz, der bereits zu Beginn seines 53-Minuten-Auftritts überdeutlich belegt, dass Vogel ein Zeuge der Verteidigung ist. Später legt Vogel nach: "Ich bin überzeugt davon, dass Sven Lau unschuldig ist." Sven Lau, hinter Sicherheitsglas, blickt seinen Freund fest an.

Berichte über strapaziöse Pilgerreisen

Insgesamt habe er 18 Pilgerreisen unternommen, berichtet Vogel. Drei Mal habe Lau ihn dabei begleitet. "Das ist ein ziemlich anstrengender Job", sagt Vogel - eine Umra für Muslime in Deutschland bedeute "andauernd Vorträge, Verantwortung für die Pilger". Einmal seien es mehr als hundert Pilger auf einmal gewesen, alle mit ihren eigenen "Wehwehchen". Er sei vor Erschöpfung fast im Stehen eingeschlafen, sagt Vogel.

An Ismail I., Kronzeuge im Prozess gegen Sven Lau, kann sich Vogel kurioserweise kaum erinnern. "Er war ein ganz normaler Pilger." Warum sprach er dann so oft mit Lau über diesen Ismail I., wie es Telefonüberwachungsprotokolle belegten, will der Senatsvorsitzende wissen. "Ich habe immer Angst, dass uns jemand zu Unrecht belastet", sagt Vogel. Er und seine Glaubensbrüder gingen grundsätzlich davon aus, dass über sie "Lügen verbreitet" werden würden. Dazu die permanente Gefahr, dass sich V-Männer in die Szene wanzen.

Am 3. Mai wird Vogel noch einmal geladen

Vor Gericht geht es an diesem Dienstag auch um Konrad S., einen deutschen Konvertiten, der sich 2012 dem IS anschloss und inzwischen eine Art Anführer sein soll. Vogel beteuert vor Gericht, weder er noch Lau hätten Konrad S. den Weg dazu bereitet: Man sei lediglich gemeinsam mit ihm nach Ägypten geflogen, ein Tschetschene habe Konrad S. später überredet, in Syrien zu kämpfen.

Lau sei es "hauptsächlich" darum gegangen, in Syrien humanitäre Hilfe zu leisten, aufzuzeigen, wie schlecht es den Menschen dort gehe, wie sehr sie unter dem dortigen Regime leiden.

Am 3. Mai will der Staatsschutzsenat Pierre Vogel noch einmal laden, um ihn zum Konvertiten Sven Lau zu befragen. Ein Polizeibeamter hatte in der bisherigen Hauptverhandlung über abgehörte Telefongespräche berichtet, die er als Beweis wertete für ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen den beiden: Vogel sei eine Art großer Bruder für Lau. In der Art, sich selbst zu beweihräuchern, hätte Lau seinem angeblichen Vorbild jedoch in nichts nachgestanden.