Terrorprozess Salafisten hinter Panzerglas

"Wir handelten im Namen Allahs": In Düsseldorf stehen vier Islamisten vor Gericht, die unter anderem einen Bombenanschlag in Bonn versucht haben sollen. Ihre Verteidiger setzen auf Konfrontation.

Von , Düsseldorf


"Allahu akbar", ruft Marco G. und reckt die geballte rechte Faust in das Neonlicht des Gerichtssaals, "Gott ist groß". Der Salafist, 27, und mutmaßliche Terrorist, der unter anderem einen Bombenanschlag auf den Bonner Hauptbahnhof geplant haben soll, marschiert zur Anklagebank, wie er früher durch die Straßen Oldenburgs gestiefelt ist: breitbeinig und aggressiv. Damals nahm G. noch Drogen, überfiel Supermärkte und musste mit 19 Jahren zum ersten Mal ins Gefängnis. Jetzt sitzt er vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht, im Staatsschutzbunker, hinter Panzerglas.

Neben ihm nimmt an diesem Montagmittag sein mutmaßlicher Komplize Koray D., 25, Platz. Er wollte nach Abitur, Wehrdienst und einer Ausbildung bei der Stadt Duisburg zur Polizei gehen, wurde jedoch abgelehnt. Links davon Tayfun S., 24, ein schmaler, blässlicher Mann. Er schmiss Berufskolleg und Zivildienst und verehrt Osama Bin Laden. Und schließlich, ganz außen, der Kosovare Enea B., 44, ein ehemaliger Angehöriger einer Polizei-Spezialeinheit. Der breite, bärtige Mann brüllt ebenfalls zur Begrüßung in den Raum: "Allahu akbar!"

Das also sind die vier Islamisten, die laut Anklage vor anderthalb Jahren ein Blutbad in Nordrhein-Westfalen anrichten wollten. Die Bundesanwaltschaft wirft G. vor, im Dezember 2012 eine Bombe im Bonner Hauptbahnhof abgestellt zu haben, der Sprengsatz detonierte jedoch nicht. Zusammen mit seinen Komplizen soll er zudem ein im März 2013 vereiteltes Attentat auf den Vorsitzenden der rechtsextremen Partei Pro NRW vorbereitet haben. Die Anklage beschuldigt die vier Männer der Bildung einer terroristischen Vereinigung und Verabredung zum Mord.

Fotostrecke

8  Bilder
Salafisten-Zelle in NRW: Tod den Ungläubigen
Schon bevor der Prozess vor dem 5. Strafsenat des Düsseldorfer Oberlandesgerichts starten kann, greifen die Verteidiger des Hauptangeklagten G. die Bundesanwaltschaft scharf an: "Ich halte die Qualität der Anklage für äußerst gering", so Rechtsanwalt Peter Krieger. "Das war eine Bombenattrappe, keine Bombe. Die Behauptung, man sei an einem Blutbad vorbeigeschrammt, ist falsch." Verteidiger Mutlu Günal argumentiert, der Inhalt der Tasche "hätte niemals in die Luft gehen können".

In der blauen Sporttasche, die am Mittag des 10. Dezember 2012 Uhr an Gleis 1 des Bonner Hauptbahnhofs abgestellt wurde, befand sich eine Konstruktion aus Drähten, einem Wecker, einer Gaskartusche, Batterien und einem mit Ammoniumnitrat gefüllten Metallrohr. Doch einen Zünder fanden Kriminaltechniker auch trotz intensiver Suche nicht.

Die Ermittler gehen dennoch davon aus, dass die Bombe funktionstüchtig war, der Zünder bloß bei der Entschärfung zerstört wurde. Der Sprengsatz Marke Eigenbau sei nur nicht explodiert, weil er entweder fehlerhaft konstruiert gewesen sei oder aber Jugendliche, die gegen die Tasche getreten hatten, den Zündmechanismus beschädigt hätten, heißt es in der Anklageschrift. Jedenfalls habe Marco G. als Vergeltung dafür, dass Pro NRW im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf Mohammed-Karikaturen habe zeigen dürfen, ein Attentat an einem öffentlichen Ort mit zahlreichen Todesopfern verüben wollen.

Anträge, Beanstandungen, Widersprüche

Kaum hat der Vorsitzende Richter Frank Schreiber die Verhandlung eröffnet, zeigt die Verteidigung, worauf sich der Senat nun in den nächsten 55 Verhandlungstagen einstellen muss. Es hagelt Anträge, Beanstandungen, Widersprüche, das Gericht antwortet wiederum mit Anordnungen, Beschlüssen, Begründungen.

Zur Frage, ob die noch nicht vereidigten Dolmetscher dem Angeklagten B. womöglich schon die Diskussionen übersetzen könnten, entspinnt sich zum Beispiel folgender Dialog zwischen dem Vorsitzenden und dem Verteidiger Carsten Rubarth:

"Ihr Mandant hat keine Kopfhörer auf. Offenbar will er die Dienste der Übersetzer bislang gar nicht in Anspruch nehmen."

"Vielleicht sollte jemand ihm überhaupt erst einmal erklären, wie die Kopfhörer funktionieren. Ich gehe gerne einmal hinüber…"

"Sie können davon ausgehen, das Ihrem Mandanten das bereits erklärt worden ist."

Es sind zermürbende, stundenlange Gefechte, die Wortklaubereien können wohl nur Juristen wertschätzen. "Ich begrüße es, dass wir in dieser ruhigen Atmosphäre über diese strittigen Fragen reden können", sagt irgendwann der Vorsitzende, der sich nicht aus der Ruhe bringen lassen will.

Die vier Angeklagten hocken gelangweilt auf ihren Stühlen. Sie weigern sich ohnehin, für das weltliche Gericht aufzustehen. Marco G. und Enea B. haben sich zudem schwarze Bänder um den Kopf gebunden, die sie auch im Saal nicht ablegen. "Das ist protokolliert", sagt Schreiber in ihre Richtung. B. lässt mitteilen, er wolle mit dem Gericht nicht kommunizieren. Das provozierende Verhalten der Angeklagten könnte sich später nachteilig für sie bei der Strafzumessung auswirken. 150 Zeugen will der Senat hören, die Prozessakten umfassen 360 Ordner. Das Verfahren könnte bis zu zwei Jahre dauern. Bislang schweigen die Angeklagten vor Gericht.

Nach seiner Festnahme bei der Polizei hatte Marco G. indes gesagt: "Sie wissen doch schon alles. Sie haben unsere Gruppe abgehört, Telefon, Auto, alles. Wir handelten im Namen Allahs."

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.