Salomons Urteil "Deutlich einen über den Durst getrunken"

Jeden dritten Wähler haben die Grünen bei den Landtagswahlen in Baden-Württemberg verloren. Grünen-Spitzenkandidat Dieter Salomon schiebt das Desaster auf die starke Konkurrenz. Umweltminister Trittin will er - vorerst - nicht dafür verantwortlich machen.

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Stuttgart - Kein Mucks dringt aus der geschlossenen Doppeltür des Fraktionssaals der Baden-Württemberger Grünen, als um 18.10 Uhr die erste Hochrechnung über die Fernsehsender flimmert. CDU 45 Prozent, SPD 33 Zähler, da kann der grüne Balken nicht hoch ausfallen.

Ist Trittin das Thema? Dieter Salomon im Gespräch mit Rezzo Schlauch
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Ist Trittin das Thema? Dieter Salomon im Gespräch mit Rezzo Schlauch

Gut sieben Prozent lautet das Ergebnis der ersten Hochrechnung. Vier Prozent weniger als vor vier Jahren, ein Drittel der Stimme verloren. Während sich ein Stockwerk höher die Parteihelfer um die SPD-Spitzenkandidatin Ute Vogt scharen, flackert auf dem Fraktionsflur der Grünen nur eine kaputte Deckenlampe.

Hinter der geschlossen Tür suchen die versammelten Parteistrategen nach einer Sprachregelung. Die Bundesprominenz ist ins Ländle gekommen, um die Wahl zu analysieren: Parteichef Fritz Kuhn ist da, auch Fraktionschef Rezzo Schlauch und der Innenexperte Cem Özedemir. Baden-Württemberg - das ist ihre Heimat, das Ländle ist das Stammland der Ökopartei.

Irgendwann öffnet sich die Tür und heraus tritt Spitzenkandidat Dieter Salomon. Der groß gewachsene Mitdreißiger mit den graumelierten Haaren und der Intellektuellenbrille. Als "idealen Schwiegersohn" titulierte ihn die Presse. Salomon hält das Handy ans heißrot telefonierte Ohr, die Enttäuschung steht ihm ins Gesicht.

Er hat es nicht leicht gehabt. Musste kämpfen gegen die kecke SPD-Wuschellocke Vogt. Erste Ursachenforschung: Die Sozialdemokratin habe im Wettstreit mit dem alternden Ministerpräsidenten Erwin Teufel die Wähler polarisiert, deutelt Salomon. Dadurch hätten "alle kleinen Parteien Federn lassen müssen".

Bei der letzten Landtagswahl hätten die Grünen von der schwachen SPD profitiert. "Da haben wir deutlich einen über den Durst getrunken", sagt Salomon - ein Satz den er an diesem Abend noch öfter sagen wird.

Und Trittin? Kein Wort über die üble Skinhead-Entgleisung? "Ich weiß nicht, ob seine Äußerungen uns Stimmen gekostet haben", windet sich Salomon. Ja, die Debatte um den richtigen Nationalstolz habe die CDU-Wähler mobilisiert.

"Mehr kann ich nicht dazu sagen", winkt Salomon ab. Nur noch soviel: Am Montag werde der Parteirat über den Bundesumweltminister sprechen. Am Schluss noch ein vielsagender Satz: "Wenn die Grünen es in Rheinland-Pfalz nicht in den Landtag schaffen, wird das noch mal eine völlig neue Situation geben".

Rezzo Schlauch und Fritz Kuhn bleiben im Kamera sicheren Fraktionssaal zurück.

Forschen Schrittes trabt Salomon durch den unterirdischen Tunnel, der das Fraktionsgebäude mit dem Landtag verbindet - aufgehalten nur durch einen einsamen Hörfunkreporter. Ein erstes Interview im zugigen Gang.

Als Salomon das Foyer des Landtags betritt, erkennen ihn die Kamerateams zunächst nicht. Sie stürzen sich lieber auf die bekanten Nasen von Teufel und Vogt.

Viel zu früh erreicht Salomon das ZDF-Wahlstudio. Nur Republikaner-Chef Schlierer ist schon vor ihm da. Salomon versucht ihn zu ignorieren: Kein Händeschütteln, nur ein flüchtiger Blick.

Der geschlagene Grüne nimmt die Brille ab und wischt sich den Schweiß vom Gesicht. Seine beiden Wahlziele hat er voll verfehlt: die schwarz-gelbe Regierung zu stürzen und ein zweistelliges Ergebnis einzufahren.

Zweistellig wollte auch die FDP werden, nun liegt sie mit den Grünen gleich auf. Und so ist es wohl auch zu erklären, dass Salomon lächelt, als Liberalenchef Walter Döring das ZDF-Studio betritt.

Sie schütteln sich die Hände, kräftig. Flüstern sich etwas zu, umarmen sich gar fast. So herzlich sind sich die beiden im ganzen Wahlkampf nicht begegnet. Dann gehen die beiden für einen Moment an das große Panoramafenster mit Blick auf die Landeshauptstadt - zwei Verlierer unter sich.



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