Janne Knödler

Antisemitische, homophobe, sexistische Tweets Die Empörung kommt zu spät

Janne Knödler
Ein Kommentar von Janne Knödler
Antisemitismus verjährt nicht. Die Sprecherin der Grünen Jugend hat ihre Lektion offenbar gelernt. Die Gesellschaft noch nicht.
Grüne-Jugend-Sprecherin Heinrich: »Maximal dumm und unangebracht.«

Grüne-Jugend-Sprecherin Heinrich: »Maximal dumm und unangebracht.«

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Bodo Schackow / dpa

Sarah-Lee Heinrich ist gerade mal zwanzig Jahre alt. Die frisch gekürte Sprecherin der Grünen Jugend hat in ihrer recht kurzen politischen Laufbahn schon viel erlebt. Einen wütenden Shitstorm auf Twitter zum Beispiel. Seit gestern trendet ihr Name als Hashtag, #sarahleeheinrich. Vorgeworfen werden ihr die Inhalte alter Tweets.

Es sind nicht irgendwelche alten Tweets. Heinrichs Einlassungen und Kommentare sind zum Teil offen antisemitisch, homophob, sexistisch. 2015 hielt es der Teenager offenbar für klug oder lustig, folgenden Satz zu posten: »Wörter, die ich zu oft benutze: – Same – Heil«. In einem anderen Tweet benutzte sie den Ausdruck »Tunten« als Beleidigung, mal schrieb sie, zweimal, in Großbuchstaben: »Fotze«. Damals war sie, laut eigener Aussage, »13, 14 Jahre alt.«  

»Jugendsünden«, sagen manche, die sie verteidigen. Andere finden: »Das hört man auf jedem Schulhof.« Wer auf Twitter die Suchbegriffe »Als ich 14 war…« eingibt, findet heraus, was anscheinend alles normal ist in diesem Alter. Da erzählen Menschen unter anderem davon, dass in der Klasse Hakenkreuze auf die Schultische gemalt wurden, dass »schwul« als Schimpfwort benutzt wurde .

Klar, Teenager wollen ihre Peers beeindrucken, und oft ist es egal, wer dabei verletzt wird. Antisemitisch aber sind Teenager vor allem dann, wenn die Gesellschaft sie lässt. Aussagen wie denen von Sarah-Lee Heinrich muss widersprochen werden – analog auf dem Schulhof genauso wie in der digitalen Welt auf Twitter. Dass die Sprecherin der Grünen Jugend ihre Äußerungen als Jugendliche scheinbar normal fand, fällt deshalb vor allem auf unsere Gesellschaft zurück.

Antisemitismus, Homophobie, Rassismus, alles irgendwie normal in Deutschland, und noch normaler unter 14-Jährigen. In genau dieser Normalität liegt der Skandal, der niemanden überraschen kann, der jemals Menschen zugehört hat, die nicht zur weißen, christlichen Mehrheitsgesellschaft gehören. Wer in der letzten Woche Nachrichten gelesen hat, erfuhr zum Beispiel vom jüdischen Musiker Gil Ofarim, der, so erzählt er es, nicht in sein Hotel einchecken durfte, weil er einen Davidstern an seiner Kette trägt. Seinen Aussagen folgten Empörung und Protest. Gut so.

Shitstürme sind eine Ablenkung vom eigentlichen Problem

Es ist schwer zu rekonstruieren, ob jemand Heinrichs Äußerungen, die sie als Teenager in die weite Welt des Internets geblasen hat, auf Twitter widersprochen hat. Oder auf dem Schulhof. Es hätte jemand tun müssen.

Im Moment sind aber vor allem jene Stimmen am lautesten, die sonst antisemitische, rassistische oder sexistische Äußerungen bis aufs Blut verteidigen. Die, die so gern gegen die »Cancel Culture« wettern. Freundlich unterstützt wird die Kampagne gegen Heinrich, inklusive rassistischer Beleidigungen und Morddrohungen, von einem Algorithmus, der zwar keine Gefühle hat, aber Wut und Empörung liebt.

Shitstürme sind kein Widerspruch, sondern eine Ablenkung vom eigentlichen Problem. Wenn Teenager auch heute noch in einer Welt aufwachsen, in der es normal ist, Menschen auszugrenzen, zu beschimpfen, ganze Menschengruppen zu diskreditieren, dann dürfen sie sich auf dieser »Normalität« nicht ausruhen können. Sie müssen es anders lernen. Ziel beim Widerspruch ist es unter anderem, Anstöße zu geben, Dinge zu ent-lernen.

Glücklich ist, wer diese wichtigen Lektionen mit 14 Jahren lernt. Pech hat man, wenn man Widerstand gegen Antisemitismus erst als Erwachsener lernt. Schrecklich wäre es, wenn man es nie lernt. Fortschritt und Lernprozesse aber werden erschwert in einer Gesellschaft, in der vor allem junge Leute motiviert werden, all ihre Gedanken online festzuhalten. Wie können sie wachsen, wenn das alte Ich permanent online ist, für Nutzer sichtbar, retweetbar und verurteilbar?

Äußerungen einer 14-Jährigen sagen oft wenig über die Person aus, die sie mal werden wird. Und viel über die Welt, in der sie aufwächst.

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