Sarrazin in der Enge Wie sich der Provokateur verrannt hat

Thilo Sarrazin ist seine eigene Debatte außer Kontrolle geraten. Plötzlich muss er die Sätze über Juden-Gene bedauern, eine zitierte Forscherin geht auf Distanz, Zweifel an seinen Thesen wachsen - und ein "Arschloch"-Wortwechsel mit Michel Friedman wird bekannt.
Sarrazin bei Plasberg: Wie stichhaltig sind seine Argumente?

Sarrazin bei Plasberg: Wie stichhaltig sind seine Argumente?

Foto: INA FASSBENDER/ REUTERS

Berlin - Die Bundesbank will ihn loswerden. Die SPD auch. Die Politik errichtet ein Bollwerk gegen den Provokateur. Das ganze Land debattiert über sein Buch.

Und Thilo Sarrazin?

Hofft auf Rückhalt im Volk. Seine Migrationsthesen verfangen, das ist sein Kalkül - immer wieder führt er an, die Wissenschaft stütze seine Argumente.

Doch der Wind dreht. Zentrale Aussagen werden hinterfragt. Der Provokateur verliert die Kontrolle über seine eigene Debatte. Er muss sich inzwischen von seiner umstrittensten These distanzieren - dem Spruch über die Juden-Gene, und auch andere Behauptungen kann er nur schwerlich verteidigen. Ein Überblick.

  • Kontrollverlust

Im Anschluss an seine Buchvorstellung zu Wochenbeginn gab Sarrazin Michel Friedman ein Interview, das in der "BZ" gedruckt werden sollte. In "Bild" schildert der jüdische Publizist die Situation. "Die Stimmung während des Gesprächs war furchtbar", sagt Friedman. Das Interview drehte sich demnach um Sarrazins These zu einem angeblichen Gen, das alle Juden haben - dies hatte er in der "Welt" behauptet ("Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen, Basken haben bestimmte Gene, die sie von anderen unterscheiden").

Friedman: "Sarrazin reagierte zunehmend unwirsch auf mein Nachhaken. Er wollte sich den kritischen Fragen nicht stellen. Am Ende brach Sarrazins Presseagent das Interview entnervt ab." Dann soll Sarrazin gesagt haben: "Herr Friedman, heute waren sie ein Arschloch." Das Interview sei dann nicht gedruckt worden, weil Sarrazin kritische Passagen gestrichen haben wollte.

Sarrazins Version der Geschichte wurde nicht bekannt. Klar ist aber, dass er die Kontrolle über seine Botschaft, seine Debatte verloren hat und nun wegen ganz anderer Dinge in den Publikumsmedien steht.

Am Mittwochabend war er dann mit Friedman schon wieder in einer Talkshow, bei Frank Plasberg in der ARD - und Sarrazin geriet erneut heftig mit dem Publizisten aneinander.

  • Rückzieher bei der Juden-These

In genau dieser Sendung erlebten die Zuschauer dann auch eine erstaunliche Wendung zum Thema Juden und Gene. Mit seiner Formulierung zu diesem Thema hatte Sarrazin viele in der SPD und anderen Parteien zum endgültigen Bruch mit ihm getrieben. "Nah an der Rassenhygiene" sei die Argumentation, befand SPD-Chef Sigmar Gabriel.

Die Äußerung zu den Juden war ein Fehler - und so sieht es inzwischen auch Sarrazin selbst, erfuhr Plasbergs Publikum. "Das war erst mal ein Riesenunfug, was ich auch extrem bedauere", sagte der Bundesbanker, sprach dann von "Blackout" und "Dummheit" (kompletter Wortlaut siehe Kasten) und verkündete: "Ich bin definitiv nicht der Ansicht, dass es eine genetische Identität gibt."

Im Worlaut: Sarrazins Rückzieher

Es klang wie eine Rücknahme seiner umstrittenen Äußerungen - doch beeilte sich Sarrazin zu versichern, dass er inhaltlich nichts zu korrigieren habe. Er sei von der "Welt" auf Glatteis geführt worden. Und: "Ich habe aber nichts Falsches gesagt." Natürlich gebe es "genetische Ähnlichkeiten. Mir fiel zuerst das Beispiel der Juden ein, weil ich dazu kurz vorher einen Aufsatz gelesen hatte. Ich hätte sagen sollen: Ostfriesen oder Isländer, dann wär's kein Thema gewesen." Fazit Sarrazin: "Es war eine inhaltliche Dummheit, keine inhaltliche Falschheit."

Dass derlei lavierende Aussagen reichen, um die SPD vom Ausschlussverfahren abzubringen, darf bezweifelt werden. "Das ist, wie die rechte Hand zum Schwur zu heben und die Finger der anderen Hand hinter dem Rücken zu kreuzen", sagt Neuköllns Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD), der nie ein Feind von Sarrazzin war.

  • Falsch verstandene Forscherin

Auch bei der anderen polarisierenden These, die Sarrazin so sehr in die Kritik gebracht hat, hat er sich offensichtlich verhoben. Es geht um die Aussage, Intelligenz sei bis zu 80 Prozent erblich, viele Ausländer in Deutschland kämen aus bildungsfernen Schichten - und weil die Geburtenraten von Ausländern so hoch seien, verdumme Deutschland.

Schon viele Wissenschaftler haben diese Argumentation auseinandergenommen. In der "FAZ" von diesem Donnerstag aber ist nun ein Interview mit der Zürcher Psychologin Elsbeth Stern zu lesen, auf die sich Sarrazin selbst stützt. Sie lehnt die Vereinnahmung durch Sarrazin strikt ab und wirft ihm indirekt Missbrauch ihrer Arbeiten vor: "Herr Sarrazin beruft sich auf Aussagen, die, aus dem Kontext gerissen und nicht korrekt wiedergegeben, zu Missverständnissen führen", sagt sie. "Er redet von 50 bis 80 Prozent Erblichkeit bei der Intelligenz. Das macht aber wissenschaftlich keinen Sinn." Man müsse von "Erblichkeit von Intelligenzunterschieden" sprechen. "Dazu müsste man verstanden haben, dass der Intelligenzquotient keine absolute Größe ist", sagt die Wissenschaftlerin. Das ganze Interview  liest sich wie eine Abrechnung.

In der "Zeit" griff die Intelligenzforscherin selbst zur Feder, um Sarrazin zu widersprechen. "Mit seinem mehrfach wiederholten Satz 'Intelligenz ist zu 50 bis 80 Prozent erblich' zeigt Thilo Sarrazin, dass er Grundlegendes über Erblichkeit und Intelligenz nicht verstanden hat. Deshalb muss man auch viele seiner Folgerungen infrage stellen", schreibt sie. Das sitzt.

  • Faktenzweifel

Generell werden immer neue Zweifel an Sarrazins Argumentationsmethoden laut. Sein Buch wimmelt nur so von Zahlen - sie sollen vor allem seine zentrale These belegen, dass Deutschland sich durch Überfremdung abschaffe. Aber sind die Zahlen richtig?

Plasbergs Redaktion nahm sich eine Schätzung aus Sarrazins Buch vor, der zufolge der Anteil der Migranten an der deutschen Bevölkerung langfristig dramatisch wachsen wird. Sarrazin geht dabei davon aus, dass Geburten- und Zuwanderungsraten über 120 Jahre konstant bleiben. In 120 Jahren würden dann 71,5 Prozent der Menschen in Deutschland aus der Türkei, anderen Staaten des Nahen und Mittleren Ostens oder Afrika stammen, behauptet er und beruft sich auf Zahlen des Statistischen Bundesamtes.

Eben jenes Statistische Bundesamt lieferte der Redaktion dagegen eine andere Rechnung. Die Beamten legten Sarrazins Annahmen einer konstanten Geburten- und Zuwanderungsrate einfach auf die vergangenen 120 Jahre um. Auf der Basis von 1890 gerechnet, müssten heute rund 253 Millionen Menschen in Deutschland leben - etwa dreimal so viele wie tatsächlich. "Mehr als fragwürdig" seien die langfristigen Prognosen des Bundesbankers, schlussfolgerten die Bundesstatistiker, denn es seien nun mal zwei Weltkriege, die Pille und einige andere Faktoren dazwischengekommen. Die Botschaft: Solch langfristige Vorhersagen sind unmöglich bis unredlich. Sarrazin hatte dem in der Sendung inhaltlich wenig entgegenzusetzen und verwies darauf, er habe den Charakter der Schätzung im Text ja kenntlich gemacht.

Am Ende blieb die Frage im Raum, ob und wie weit sich Sarrazin die Fakten hingerückt hat, damit sie seine Argumentation stützen. Kritiker weisen darauf hin, dass man die Geschichte der Migration und Integration in Deutschland womöglich auch andersrum schreiben könnte. Dass immer mehr türkische Einwanderer nach Deutschland kommen, ist zum Beispiel schlicht falsch.

Der neueste Migrationsbericht der Bundesregierung notiert: 2008 gab es in der Bundesrepublik 28.742 Zuzüge von Türken - und 34.843 Fortzüge.