Sarrazins Thesen In Thilostan will keiner leben

Thilo Sarrazin schwadroniert erneut über Migranten, die Deutschland dumm machen. Doch aus seinen Pöbeleien spricht nicht nur Ressentiment. Sondern auch die Verunsicherung eines Menschen, der von der Vielfalt, die ihn umgibt, überfordert ist.
Von Yassin Musharbash
Polemiker Sarrazin: Willkommen in Thilostan!

Polemiker Sarrazin: Willkommen in Thilostan!

Foto: DDP

Willkommen in Thilostan: Wo Menschen, die "ökonomisch nicht gebraucht werden", längst "woanders nichts leisten". Wo es keine "türkischen Wärmestuben" mehr gibt. Wo "Intellekt importiert" wird, wenn man ihn braucht. Wo "nur noch die Besten" weiterkommen. Wo der Durchschnitts-Intelligenzquotient endlich wieder steigt, weil man Migranten aus "der Türkei, dem Nahen und Mittleren Osten und Afrika" das ständige Fortpflanzen ausgetrieben hat. Wo sehnige, durchtrainierte Arbeitslose im Winter beherzt ihre Pullover überziehen, anstatt zu heizen, und die anderen, die übergewichtigen in den Trainingsanzügen… tja, man weiß nicht so genau, wo die geblieben sind.

Das ist die Utopie, die sich ergibt, wenn man die Verbalausfälle des Thilo Sarrazin als Puzzleteile eines Gesellschaftsmodells begreift. Kein schönes Land, das da herauskommt. Vermutlich würde es nicht einmal Guido Westerwelle behagen. Thilostan, das ist ein Land mit intellektueller Planwirtschaft, ein mentales Nordkorea, das geistige Produkt eines offenbar noch tief im ideologischen Zeitalter verhafteten Menschen, der glaubt, man könne alles steuern: Intelligenzquotienten, Geburten, Produktivität. Alles schön einfach. Und am Ende sind alle schrecklich glücklich. Bis auf die, die nicht dazu gehören, natürlich.

Es ist leicht, Thilo Sarrazin Ressentiments gegen einzelne Bevölkerungsgruppen vorzuwerfen: Bestimmte Migranten haben offensichtlich seinen Hass ebenso auf sich gezogen wie vermeintlich faule Arbeitslose und überhaupt alle "Nichtleistungsträger". Doch das ist für Jeden offensichtlich. Es gibt aber eine weitere Ebene in Sarrazins Einlassungen, die mehr über den Berliner Ex-Senator und jetzigen Bundesbanker verrät.

Warum zum Beispiel klammert Sarrazin sich argumentativ stets an scheinbar eindeutige Zahlen: 90 Prozent aller Berliner Araber, 70 Prozent der Türken? Warum diese schwiemelige Körperlichkeit, die seine Tiraden durchzieht: Übergewichtige Hartz-IV-Empfänger, höhere Geburtenraten von Türken, zu 80 Prozent vererbte Intelligenz? Und warum diese pseudo-ethnologischen Kollektivurteile, immer schön sauber abgegrenzt: intelligente osteuropäische Juden und integrationswillige Weißrussen, Ukrainer und Vietnamesen versus schlechte Araber und Türken?

Wer mit solchen Mustern argumentiert, ist von den Problemen, für die er Kompetenz beansprucht, in Wahrheit schlicht überfordert. Thilo Sarrazin ist nichts als ein Schmalspur-Intellektueller, der mit der Vielfalt, von der er umgeben ist, nicht zurechtkommt und darum verunsichert ist. Deshalb braucht er Setzkasten-Argumente, die zu seiner Schubladen-Ideologie passen. Die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen: Das soll die Antwort auf die Herausforderungen einer multikulturellen Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts sein?

Mehr aber fällt Thilo Sarrazin nicht ein. Gemischte Ehen, die spezifischen Probleme der dritten oder vierten Zuwanderergeneration, nicht allein an Produktivität ausgerichtete Lebensentwürfe: All das ist ihm fremd.

Es ist eine Selbstdemontage sondergleichen. Sollte Sarrazin einmal Kompetenz besessen haben - in dem Sinne, dass er eine Vorstellung davon hatte, welche Probleme, auch welche Tabus, angesprochen und angefasst werden müssen: Er hat sie ein paar billigster Stammtischweisheiten halber aufgegeben. So etwas darf man einem Bundesbank-Vorstand nicht durchgehen lassen.

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