Schäuble Vom Hoffnungsträger zum ewigen Verlierer

Wolfgang Schäubles politische Karriere nimmt immer mehr die Züge einer Tragödie an. Vor anderthalb Jahren als CDU-Partei- und Fraktionschef über die Spendenaffäre gestürzt, ist dem 58-Jährigen nun auch die Spitzenkandidatur für seine Partei in Berlin versagt geblieben.


Berlin - Insbesondere in der Bundespartei reagierten viele betroffen - nachdem sich die Nachricht verbreitet hatte, dass nicht der erfahrene Schäuble, der immer noch als Vordenker in der CDU gilt, sondern mit Frank Steffel ein Newcomer aus dem Berliner Stadtteil Frohnau in der Gunst der Landespartei vorne lag.

Wolfgang Schäuble: eine tragische Figur?
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Wolfgang Schäuble: eine tragische Figur?

Schäuble wäre wohl bereit für die Aufgabe gewesen. Noch am Sonntag war er in Berlin und hatte ein Gespräch mit dem am Vortag als Regierenden Bürgermeister gestürzten Eberhard Diepgen und eben Fraktionschef Frank Steffel. Was im einzelnen dort besprochen wurde, drang nicht nach außen. Möglicherweise wurde Schäuble aber bedeutet, dass der Rückhalt für ihn in der Berliner Partei nicht so eindeutig ist, wie er sich ihn gewünscht hatte. Schäuble zog schließlich die Konsequenzen. Später schlug dann Diepgen, der immer noch Landeschef in Berlin ist, dem Landesvorstand Steffel vor.

Der Baden-Württemberger hatte sich in den vergangenen Tagen mit eindeutigen Äußerungen zurückgehalten. Wann immer Schäuble auf eine Spitzenkandidatur in Berlin angesprochen wurde, ließ der 58-Jährige, der seit dem Attentat im Oktober 1990 im Rollstuhl sitzt, keine Tendenz erkennen. "Erst folgt der Ruf und dann das Echo", sagte er. Aber immerhin: Er dementierte auch nichts, was im politischen Geschäft auf ein gesteigertes Interesse schließen lässt.

Am Samstag hatte es noch so ausgesehen, dass es Schäuble wird. Auffällig war, dass sich Parteichefin Angela Merkel zu Wort meldete und Schäuble, der sie 1998 zur Generalsekretärin gemacht hatte, ihre Unterstützung zusicherte, falls er denn antreten würde. Natürlich fügte sie hinzu: "Der CDU-Landesverband Berlin muss die Kür seines Spitzenkandidaten selbst schaffen. Ich sehe meine Aufgabe darin, in einer schwierigen Situation Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten." Ein Signal war das schon. Und auch Volker Rühe sprach sich für Schäuble aus: "Die Wahl in Berlin ist eine nationale Herausforderung. Wolfgang Schäuble wäre die richtige Antwort."

Kein Zweifel, die Bundesspitze hätte Schäuble gern als Spitzenkandidaten gesehen. Die Entwicklung wird Merkel sicher nicht freuen. Ein Wahlkampf Schäuble gegen PDS-Star Gregor Gysi hätte die Schlagzeilen gefüllt. Hier der Vater des Einigungsvertrags, dort der Politstar aus dem Osten. Zwischen den beiden Polen hätte auch der neue Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) zerrieben werden können - auch zum Nutzen der CDU. Mit Schäuble hätte die Bundespartei den starken Worten, die sie nach dem Koalitionsbruch fand, Taten folgen lassen, indem sie einen ihrer besten Köpfe nach Berlin geschickt hätte. Und dies kurz, nachdem in der Bundestagsfraktion gefordert wurde, Schäuble wieder mehr in den Mittelpunkt zu stellen.

Aber Schäuble wäre ein Kandidat mit Vor- und Nachteilen gewesen. Der Nachteil: Seine Verstrickung in die CDU-Spendenaffäre und das laufende Ermittlungsverfahren in Berlin wegen des Verdachts der Falschaussage im Untersuchungsausschuss. Dort hatten er und die ehemalige CDU-Schatzmeisterin Brigitte Baumeister unterschiedliche Versionen über die Übergabe-Modalitäten der 100.000-Mark-Spende des Waffenhändlers Karlheinz Schreiber abgegeben. Möglicherweise war das der Hauptgrund, der die Berliner Parteifreunde vor einem Votum für Schäuble zurückschreckte.

Zur Spendenaffäre hat Schäuble ein Buch geschrieben - mit dem Titel "Mitten im Leben", dem Slogan, den die Bundes-CDU in der Zeit seines Parteivorsitzes gewählt hatte. Lange hatte man den Eindruck, er habe den Sturz nur schwer akzeptieren können. Ohne Namen zu nennen hatte er in dem Band geschrieben, es sei ein "intrigantes Spiel" gegen ihn im Gange gewesen. Das war es in Berlin in den vergangenen Tagen sicher nicht, da von Seiten der Landespartei immer darauf verwiesen wurde, die Entscheidung zwischen Schäuble und Steffel sei offen. Doch nun steht in Augen vieler Parteifreunde Schäuble wieder als Verlierer da.

Ulrich Scharlack, dpa



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