Scheinheilige Trauer um Zivis Es lebe billig

Das Ende des Zivildienstes kommt so sicher wie das Amen in der Kirche. Das wissen auch die jammernden Wohlfahrtsverbände seit Jahren. Doch statt einen vernünftigen Ersatz für den Ersatzdienst zu organisieren, suchen sie lieber nach anderen Billiglösungen.


Zivildienst im Krankenhaus: Patientenferne Leistung
DDP

Zivildienst im Krankenhaus: Patientenferne Leistung

Berlin - Die Reaktionen sind mittlerweile so vorhersehbar wie die Wortmeldungen von Arbeitgebern und Gewerkschaften bei Tarifverhandlungen. Im Windschatten der Wehrpflichtdebatte, die alle paar Monate wieder hochkocht, wird wieder über die Zukunft des Zivildienstes diskutiert - mit Horrormeldungen aus den Wohlfahrtsverbänden.

Wer ersetzt die Zivildienstleistenden, wenn es mit der Wehrpflicht in Deutschland und damit auch mit dem Ersatzdienst vorbei ist? Immerhin geht es um rund 90.000 Arbeitskräfte - Anfang Januar waren beim Bundesamt für den Zivildienst 92.674 Zivis registriert.

Am stärksten betroffen ist der Pflegebereich. Rund 80 Prozent der Zivis arbeiten im Krankenhaus oder Altenheim, betreuen Schwerstbehinderte oder fahren Mittagessen aus. Die von Familienministerin Renate Schmidt eingesetzte Kommission "Impulse für die Zivilgesellschaft - Perspektiven für Freiwilligendienste und Zivildienst in Deutschland" wird am Donnerstag ihre Ideen präsentieren, wie die Lücke zu schließen sei.

"Soziale Strukturen brechen weg"

Schmidt hat bereits klargemacht, dass ein Übergangszeitraum ein absolutes Muss ist: "Wir können die Wehrpflicht nicht über Nacht aussetzen. Sonst brechen manche soziale Strukturen einfach zusammen." Doch dass dieser Wandel über Nacht kommt, stimmt eben nicht. Bei den meisten Hilfsorganisationen sinkt wegen der verkürzten Dienstzeiten bereits seit Jahren die Zahl der Zivis. "Um ein Jahr abzudecken, braucht man zwei Zivildienstleistende", sagt Bert Hinterkeuser von der Arbeiterwohlfahrt. Die Planung sei schwierig. Und in der pflegeintensiven Betreuung von Schwerstbehinderten werden Zivis aus diesem Grund immer weniger eingesetzt. Doch weder die Politik noch die Dienst-Träger haben bisher die Zeit bis zum absehbaren Ende genutzt, um sich ernsthaft vorzubereiten.

Viele reagieren immer noch nach dem alten Reiz-Reaktionsschema. "Wir müssen uns klar darüber sein, dass ein Wegfall des Zivildienstes die Kosten erhöht und die Dienstleistungen für hilfebedürftige Menschen beeinträchtigt", sagte Malteser-Geschäftsführer Karl zu Löwenstein. Eine Chance biete die ehrenamtliche Arbeit, falls die Grenze für steuerfreie Aufwandsentschädigungen deutlich heraufgesetzt werde.

Also Ehrenamtliche statt Zivis: Träger und Politik hätten es gerne weiter billig. Als unwahrscheinlich gilt, dass Schmidt eine Art verpflichtendes Bürgerjahr einführt - das wäre kaum mit dem Grundgesetz vereinbar. Einige Verbände haben bereits auf die Verkürzung der Zivildienstzeit mit der Schaffung so genannter Minijobs reagiert. Bei Essen auf Rädern ist es für die Träger ja egal, wer am Steuer sitzt: die staatlich subventionierte Ich-AG oder der staatlich bezahlte Zivi.

"Patientenferne Leistungen"

Das Problem des Zivildienstes ist ein anderes: Es mangelt an Ehrlichkeit. Bei der Deutschen Krankenhausgesellschaft macht man sich über ein Ende des Zivildienstes noch keine konkreten Gedanken. Wie Holger Mages von dem Dachverband sagt, sind die Zivildienstleistenden jedoch "enorm wichtig". "Sie sind letztlich für das Pflegepersonal eine große Entlastung hinsichtlich patientenferner Leistungen." Sie bringen die Patienten im Rollstuhl zum Röntgen, sie teilen das Essen aus und nehmen sich Zeit für ein Schwätzchen am Krankenbett - so die kuschelige offizielle Darstellung der "patientenfernen Leistungen".

Zur Wahrheit über den Zivildienst gehört auch, dass die Träger schon immer für den billigen Zivildienst gekämpft haben - nicht aber für die Zivis. Die jungen Männer werden zu Arbeiten herangezogen, für die sie nicht ausgebildet sind und für die niemand die Verantwortung übernimmt. Der "patientenferne" Alltag sieht oft genug so aus: Sie setzen Spritzen, schieben alleine Nachtwachen, geben härteste Psychopharmaka oder Schmerzmittel aus, deren Namen sie nicht mal aussprechen können, und werden auch mit ihrer psychischen Belastung allein gelassen. Aber darüber spricht bei den Trägern keiner - denn das ist schlicht illegal.

Zivis sind die nützlichen Deppen einer Nation, die die Augen verschließt vor ihrem "sozialen Problem": Sie delegiert die Verantwortung für Alte, Kranke, Hilfsbedürftige. Der Wegfall des Zivildienstes kann den Arbeitsmarkt nach Auffassung der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer "beleben". Bis zu 60.000 neue Arbeitsplätze könnten geschaffen werden, schätzt Geschäftsführer Peter Tobiassen. Aber wer wird das bezahlen? Pflege ist ein Boom-Markt, in dem sich auch viele windige Unternehmer tummeln, die Angehörige, Pflegeversicherung und Staat mit Sauber-Satt-Bettenburgen abzocken.

Charakterbildung für junge Menschen

Der Zivildienst ist nicht zu retten, weil er ein Derivat des Wehrdienstes ist. Träger und Politik würden aber gerne die Strukturen des Zivi-Dienstes retten, weil es dadurch für sie billiger wird. Dafür bemühen sie gerne auch die "andere Seite" des Zivildienstes: die Charakterbildung. Das Engagement und die Ausbeutung soll als "Lerndienst" erhalten bleiben, damit junge Leute die Erfahrung machen können, was es bedeutet, Kranken oder Behinderten zu helfen.

Das ist ein richtiger Aspekt, aber die Debatte über den Zivildienst würde ihren Beigeschmack verlieren, wenn Politik und Wohlfahrtsträger die Gelegenheit nutzen würden für eine schonungslose Bestandsaufnahme im Pflege(not)standort Deutschland. Dazu gehören eine Reform der Pflegeversicherung ebenso wie eine (finanzielle) Aufwertung sozialer Berufe, Planungssicherheit, Qualitäts- und Abrechnungskontrollen und ein Bonussystem (Studienplätze, Rentenbeiträge oder ähnliches) für jene, die sich freiwillig engagieren, während andere schon an ihrer Karriere basteln. Sonst kommt nach dem Ende des Ersatzdienstes ein böses Erwachen und doch nur wieder das, wie sich Zivis heute schon nennen: Zuvieldienstleistende.

Der Autor hat von 1989 bis 1991 Zivildienst geleistet



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