Scherfs Rückzug Der weiche Riese verlässt das Rathaus

Die Rückzugsankündigung von Bürgermeister Scherf hat Bremen einen Schock versetzt. Die SPD stellt sich auf einen wochenlangen Nachfolgekampf ein, bei dem Bildungssenator Lemke die besten Chancen hätte. Die CDU bangt um die Fortsetzung der Großen Koalition an der Weser.

Von , Bremen


Bremen - Den Fehler von Kurt Biedenkopf wollte Henning Scherf nicht machen. Der CDU-Politiker hatte seinen Rückzug als Ministerpräsident Sachsens lange hinausgezögert und war schließlich aus dem Amt gejagt worden. "Davor hatte ich Angst", sagt Scherf. Der Bremer Bürgermeister ist deshalb "erleichtert", dass er am gestrigen Mittwochabend eine "schrille Nummer" hinter sich brachte: Auf dem SPD-Landesparteitag im Stadtteil Vegesack teilte der bald 67-Jährige den verdutzten Delegierten mit, dass er so schnell wie möglich einem Jüngeren Platz machen wolle. Aus der Suche nach einem Nachfolger werde er sich heraushalten.

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Scherfs plötzliche Rückzugsankündigung kommt zu einem überraschenden Zeitpunkt. Denn seit dem vertrackten Ausgang der Bundestagswahl wurde auch der beliebte Regierungschef für eine wichtige bundespolitische Aufgabe in Berlin ins Spiel gebracht. Denn mit einer Großen Koalition kennt Scherf sich aus: Seit zehn Jahren führt er in dem Stadtstaat ein Bündnis aus SPD und CDU.

Doch mit Berlin habe er nichts im Sinn, versichert Scherf, von Genossen und Mitbürgern oft nur liebevoll "Henning" genannt, glaubhaft. "Ich möchte nicht mit den Füßen zuerst aus dem Rathaus getragen werden", sagt er. "Ich habe ein Menschenrecht auf ein Leben nach der Arbeit."

Tag eins nach Henning

Am Tag eins nach Henning weint der Himmel in Bremen. "Dass Henning aufhört, ist für uns genauso schlimm wie damals, als Werder-Trainer Otto Rehhagel zu Bayern München wechselte", sagt eine Taxifahrerin. Denn obwohl Bremen mit Hans Koschnick oder Wilhelm Kaisen nach dem Krieg bereits mehrere bedeutende und beliebte Bürgermeister hatte, scheint der 2,04 Meter lange Scherf doch alle zu übertreffen: Ohne Leibwächter lässt er sich immer wieder auf Wochenmärkten oder Festen sehen und drückt und knuddelt dabei seine manchmal verdutzten Mitbürger.

Böhrnsen: Gilt als seriös und in der Partei beliebt
AP

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So viel demonstrative und herzliche Volksnähe brachte ihm von Leuten, die es nicht so gut mit Scherf meinen, den Titel "Oma-Knutscher" oder "Umarmer" ein. "Politiker sollten so sein wie Henning Scherf", überschrieb jedoch der damalige SPD-Generalsekretär Olaf Scholz einen Artikel in der "Welt" über den "weichen Riesen", der seit 27 Jahren in einer Bremer Regierung mitwirkt.

Immer wieder wurde seit dieser Zeit über den "König von Bremen" und seine schräge Vita geschrieben: Dass er früher ein Vorzeige-Linker war, der in Nicaragua einmal zehn Tage lang Kaffeebohnen pflückte. Dass er mit seiner Frau Luise und "gleichgesinnten" Freunden in der Rembertistraße in einer Art "WG für Alte" wohnt und sich meistens statt mit dem Dienstwagen auf dem Fahrrad durch die Hansestadt bewegt.

Liebenswerte Eigenarten, die jedoch Parteifreunden in letzter Zeit zunehmend auf den Nerv gingen. Denn auch nach zehn Jahren Großer Koalition hat Bremen noch immer ein schlechtes Image: Die Schulden des kleinsten Bundeslandes stiegen von acht auf zwölf Milliarden Euro, die Arbeitslosigkeit ist überdurchschnittlich hoch, und bei der Pisa-Studie liegen Bremens Schüler auf dem letzten Platz. Wenn man Scherf hingegen über sein "schönes Bremen" reden hört, meint man, er berichtet über eine andere Stadt. Von der Jury sei man zum Beispiel nur deshalb nicht zur Kulturhauptstadt ernannt worden, weil Bremen so gut dastehe und eine solche Werbung gar nicht nötig habe.

Sozialsenatorin Röpke: Seit drei Jahren im Amt
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Auch gilt Scherfs Hang zum Aktenstudium als begrenzt. Und als sein Prestige-Objekt "Space Park" endgültig floppte, hielt sich der Bürgermeister auf einem Segelboot in der Arktis auf, als die schlechte Nachricht publik gemacht wurde.

Scherf gab seinen Rückzug inmitten der Legislaturperiode bekannt. "Von mir aus kann das sehr schnell gehen", gab er seinen Genossen für die Suche nach einem Nachfolger mit auf den Weg. Ganz oben auf der Liste stehen dafür drei Namen: der SPD-Fraktionschef Jens Böhrnsen, die Sozialsenatorin Karin Röpke sowie Bildungssenator Willi Lemke, der als jahrelanger Manager des Fußballklubs Werder Bremen als einziger auch bundesweit bekannt ist. Noch hat keiner von ihnen offiziell den Hut in den Ring geworfen. Morgen werde es erste Beratungen über die Nachfolge geben, sagte SPD-Landeschef Carsten Sieling SPIEGEL ONLINE.

Die Grünen stehen schon in den Startlöchern

Je länger die Suche nach einem Scherf-Nachfolger dauert, desto besser dürften die Chancen jedoch für Lemke werden. Denn der als seriös geltende ehemalige Richter Böhrnsen gilt zwar als Favorit der Fraktion. Doch bei mehreren Bewerbern ist eine Mitgliederbefragung in den Ortsverein geplant. Möglicherweise wird dann in einer Urwahl über den neuen Bremer Bürgermeister entschieden. Und dabei dürfte der wegen seiner Werder-Vergangenheit bei vielen Bremern populäre Lemke die besseren Karten haben.

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Die Christdemokraten machten sich am Tag eins nach Henning bereits Sorgen über den Fortbestand der Großen Koalition. Bis 2007 gilt der Vertrag zwischen Roten und Schwarzen an der Weser. Auch vom Nachfolger Scherfs werde mit einem klaren Bekenntnis zur Großen Koalition gerechnet, sagte Landeschef Bernd Neumann. "Wir erwarten eine schnelle Nachfolgeentscheidung möglichst bis zur nächsten Bürgerschaftssitzung, um angesichts der dramatischen finanziellen Lage die unverzichtbaren Entscheidungen zum Haushalt unter Mitverantwortung des neuen Regierungschefs zu treffen."

Zwar sicherte Sieling der Union heute zu, der Koalitionsvertrag werde eingehalten. Doch so massiv wie Scherf kämpfte niemand in der SPD für das Bündnis der beiden großen Parteien. Sowohl von Böhrnsen als auch von Röpke versprechen sich manche Genossen nun bessere Aussichten auf eine rot-grüne Koalition. Ein Ende von Rot-Schwarz würde sie angesichts der katastrophalen Haushaltssituation begrüßen, sagte Grünen-Fraktionschefin Karoline Linnert SPIEGEL ONLINE. Denn die letzten Jahre habe Bremen nur in "Agonie" verbracht. "Wir würden gerne mitregieren und sind vorbereitet", stellte Linnert klar. In der Bürgerschaft hätte Rot-Grün schon jetzt eine Mehrheit.



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