Mögliche Merkel-Herausforderer Einer muss ran

Nach seinem Erfolg in Hamburg traut man Olaf Scholz alles zu - auch die SPD-Kanzlerkandidatur in zweieinhalb Jahren. Bisher galt Parteichef und Vizekanzler Sigmar Gabriel als gesetzt. Die beiden Sozialdemokraten im Vergleich.

SPD-Politiker Scholz, Gabriel: Wer wird 2017 Kanzlerkandidat?
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SPD-Politiker Scholz, Gabriel: Wer wird 2017 Kanzlerkandidat?

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Berlin - Es geht wieder los - das unter Sozialdemokraten und Journalisten besonders beliebte Spiel "Wer-wird-SPD-Kanzlerkandidat?". Nach dem Erfolg bei der Hamburg-Wahl ist Olaf Scholz nach Meinung seiner Fans endgültig im Rennen und könnte damit Parteichef und Vizekanzler Sigmar Gabriel die Kandidatur bei der Bundestagswahl 2017 streitig machen.

Auch wenn SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi entsprechende Spekulationen am Montag als "absurd" zurückwies - die Debatte läuft. Dagegen hilft auch nicht, dass Scholz in der Hansestadt noch am Wahlabend darauf hinwies, er habe "hier als Bürgermeister kandidiert und das will ich auch sein und nicht was anderes". Solche Sätze sind in der Politik wenig wert, wenn höhere Ämter locken.

Falls tatsächlich beide wollten, wäre auch eine Urwahl unter den SPD-Mitgliedern möglich. Wer wäre der bessere Kandidat, um in zweieinhalb Jahren für die SPD anzutreten, wahrscheinlich erneut gegen Amtsinhaberin Angela Merkel?

SPIEGEL ONLINE macht den Kanzlerkandidaten-Check

  • Temperament

Es gibt wohl keine Kategorie, in der Sigmar Gabriel, 55, und Olaf Scholz, 56, so weit voneinander entfernt sind, wie in dieser: Der Hanseat Scholz ist ein äußerst kontrollierter Mann. Selbst intern sind keine Ausbrüche von ihm bekannt, deutliche Worte, ja - aber mehr nicht. Auch mit positiven Gefühlen hält er sich zurück, sein leises, glucksendes Lachen gilt als höchster emotionaler Ausdruck. Dadurch wirkt Scholz jederzeit seriös, aber auch etwas dröge. So wie hier bei der Konfrontation mit Femen-Aktivistinnen bei einem Auftritt in Hamburg:

Gabriel dagegen gilt als Choleriker. Wenn ihm etwas missfällt, geht er innerhalb von Sekunden an die Decke - vor Journalisten, Bürgern oder Parteifreunden. Ob Kameras und Mikrofone dabei sind, ist dem SPD-Chef dann ziemlich egal. Gabriel kann aber auch unglaublich charmant sein, dann wickelt er die Menschen um den Finger. Selbst die Kanzlerin soll ihm in früheren groß-koalitionären Zeiten schon erlegen sein. Gabriel ist mitreißend wie kaum ein anderer deutscher Politiker, wenn er will. Und er ist unglaublich spontan, wie das Video von diesem Aufeinandertreffen mit Greenpeace-Aktivisten zeigt:

Dennoch bleibt die Frage: Hat ein solch emotionaler Achterbahnfahrer das Format, um Kanzler sein?

  • Teamfähigkeit

Politiker sind Einzelkämpfer. Aber um ganz nach oben zu kommen, braucht man andere, knüpft Netzwerke, spricht sich ab. Olaf Scholz hat das früh begriffen, er gilt als Teamplayer. So machte Scholz in der SPD weiter Karriere, obwohl seine Zeit als Generalsekretär keine glückliche gewesen war. Es gibt kaum Spitzensozialdemokraten, die schlecht über ihn sprechen.

Anders bei Sigmar Gabriel: Insbesondere wegen des Umgangs mit seinen Generalsekretärinnen halten viele Genossen den SPD-Vorsitzenden nicht für teamfähig. Erst musste Andrea Nahles die Alleingänge ihres damaligen Chefs ertragen beziehungsweise ausbügeln, der aktuellen Generalsekretärin Fahimi ergeht es nicht viel besser. Dem Kabinett eines Kanzlers Gabriel anzugehören - es gäbe wohl angenehmere Aussichten aus Sicht vieler Sozialdemokraten.

Parteivorsitzender Gabriel, Generalsekretärin Fahimi: Kein einfacher Chef
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Parteivorsitzender Gabriel, Generalsekretärin Fahimi: Kein einfacher Chef


  • Politische Erfahrung

Um es ins Kanzleramt zu schaffen, ist politische Erfahrung so wichtig wie kaum etwas anderes. Olaf Scholz hat sein Leben lang Politik gemacht: Bei den Jusos, im Bundestag, als Minister und schließlich als Hamburger Regierungschef. Mehr politische Erfahrung hat kaum ein aktiver Sozialdemokrat - Sigmar Gabriel dürfte zu den wenigen gehören, die Scholz in dieser Hinsicht überlegen sind. Schon mit 40 Jahren war Gabriel niedersächsischer Ministerpräsident, später Bundesminister, inzwischen ist er Vizekanzler. Seit 2009 führt Gabriel die SPD an. Sein oft ironischer Blick auf den politischen Betrieb rührt wohl auch daher, dass er ihn so gut kennt wie kaum einer.

  • Homestory-Potential

Olaf Scholz und Sigmar Gabriel sind beide nicht die Sorte Politiker, die bei "Gala" oder "Bunte" die Seiten füllen. Aber während der SPD-Chef in den vergangenen Jahren das Türchen zu seinem Privatleben mit Zahnarztgattin und Töchterchen dann doch ab und an einen Spalt geöffnet hat, bleibt das Privatleben von Scholz verborgen. Viel Zeit wird er dafür ohnehin nicht haben, seine Ehefrau Britta Ernst ist Bildungsministerin der Landesregierung von Schleswig-Holstein.

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Dabei scheint selbst Angela Merkel im vergangenen Wahlkampf erkannt zu haben, wie wichtig es ist, ein bisschen Privates preiszugeben: Mal erzählte sie davon, dass ihr Mann sich immer über zu wenig Streusel auf dem Kuchen beschwere, oder es tauchten plötzlich Familienfotos vom Italien-Urlaub auf.

  • Erfolgschancen

Wer die SPD 2017 in den Bundestagswahlkampf führt, ist eigentlich ohnehin eher zu bemitleiden - falls Merkel erneut antritt, was als wahrscheinlich gilt: Die Beliebtheitswerte der CDU-Chefin sind stabil hoch, ihre Partei liegt seit zweieinhalb Jahren bei Werten um die 40 Prozent, während es die SPD einfach nicht aus dem 25-Prozent-Tal heraus schafft. Dass sich dies ändert, ist nicht unmöglich, aber schwer vorstellbar.

Ob Olaf Scholz sich unter diesen Umständen die Kanzlerkandidatur wirklich antun will? Zumal er sich, als eine Art männlicher Angela Merkel, im Wahlkampf eher noch schwerer tun würde als Sigmar Gabriel. Der könnte als kämpferischer Kanzlerkandidat die sozialdemokratischen Wähler wohl noch am ehesten mobilisieren. Hier nochmal ein satirischer Blick auf Gabriel:

Gut möglich, dass Scholz deshalb in Hamburg bleibt. Fürs erste: 2021 wäre er 63 - also im besten Kanzleralter.

insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
ambergris 16.02.2015
1.
Die wichtigsten Faktoren in diesem Vergleich fehlen: Wen will die SPD? Wer hat den besten Weg zur Macht? Gabriel hatte mal den Vorteil, aber er verliert ihn, je mehr er sich für TTIP ins Zeug legt. Wie will er da eine Koalition mit den Grünen und Linken bauen? Also eher Große Koalition? Aber da scheint es Gabriel etwas an Format zu fehlen um eine wirkliche Alternative zu Merkel zu sein. Seine Wahlen hat er in der Regel verloren. Olaf Scholz hat die Wahlen eher gewonnen und scheint in der Regierung eine gute Figur zu machen, was bei Gabriel nicht immer der Fall war. Andererseits stimmt es, Scholz bietet kaum Kontrast zu Merkel. Also, Scholz als Nachfolger von Merkel wenn sie keine Lust mehr hat? Große Koalition forever? Hannelore Kraft galt mal als Alternative, bis sie den Rückzieher nach der Wahl gemacht hat. Genau so wie die SPD den Rückzieher vor der Rot-rot-grünen Koalition gemacht hat. Die SPD weiß halt im Moment nicht, was sie will. Und so läuft alles darauf hinaus dass Gabriel sowohl als nächster Kandidat, als auch als nächster Verlierer da stehen wird.
warkeinnickmehrfrei 16.02.2015
2. Selektive Wahrnehmung
Spannend, dass das eigentliche Ergebnis dieser Wahl in den Mainstreammedien gar nicht vorkommt: Die Wahlbeteiligung/Menge der Nichtwähler Stell dir vor, es ist Wahl und keiner geht hin. Davon, dass sie das "Volk" vertreten, können die Hamburger Politiker nun wirklich nicht mehr reden.....
rosaberg 16.02.2015
3. es ist völlig egal
wer von den Beiden 2017 antreten wird. Die SPD wird, wenn sie so weitermacht wie bisher wahrscheinlich unter 25% enden und das reicht wohl nicht für eine Kanzlerschaft, von den Personen ganz abgesehen.
kimba_2014 16.02.2015
4.
Ist Olaf Scholz jetzt wirklich so charasmatisch wie ihn die Medien darstellen oder war sein CDU Herausforderer einfach nur noch viel uncharismatischer? PS: Ich denke nicht, dass Deutschland mit Scholz als BK schlechter dran wäre als jetzt unter Merkel. Der Unterschied CDU/SPD ist doch nur noch Illusion.
megamekerer 16.02.2015
5. Keiner von beiden
Es gibt außer Frau Fahimi, keine andere in SPD ales Ersatz für Merkel, aber wie wir es von damals gegen Kohl kennen wird SPD alle seine beste Männer an der Front schicken und keiner gewinnt. Es war so schade, dass Lafontaine nicht damals bei der Vereinigung Kanzler geworden ist. Mit Lafontaine hatten wir diese Probleme heute nicht.
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