Schröder bei Stoiber "Wann kommt unsereiner schon zu einem warmen Essen"

Sie waren politische Gegner, sie kämpften um die Macht in Berlin, jetzt freunden sie sich an: Ex-Kanzler Schröder zu Besuch bei Bayerns Noch-Ministerpräsident Stoiber in Wolfratshausen. Bei einer zünftigen Brotzeit sprachen sich die beiden aus – doch danach musste Schröder bei der örtlichen SPD als Bierzeltredner ran.

Wolfratshausen – Samstagsidyll in der Gartenstraße. Der Nachbar zur Linken macht ein paar Sägearbeiten draußen vor der Garage, im Reihenhaus gegenüber hoffen sie darauf, dass die Regenfront noch abzieht. Und zwei Jungs werden – als sie sich mit selbst geschnitzten Hölzern duellieren wollen – von der Mutter zur Ordnung gerufen: "Wenn ihr kämpfen wollt, holt euch gefälligst Eure Plastikschwerter." Das ist Wolfratshausen. Und mittendrin in diesem Idyll wohnen die Stoibers.

Bei ihnen ist heute großer Besuch angesagt. SPD-Altkanzler Gerhard Schröder will um halb zwei zur Brotzeit vorbeikommen. Edmund Stoiber hat ihn eingeladen, als er erfuhr, dass die Wolfratshausener SPD ihr 100-jähriges Jubiläum an diesem Tag mit Gastredner Schröder feiern werde.

"Ich bin 100.000 Volt, wenn Sie mich berühren"

Und deshalb ist jetzt ein bisschen Auftrieb in der Gartenstraße. Sechs Kamerateams stehen in Position, die Fotografen kabbeln sich um die besten Plätze, ein Bediensteter der Münchner Staatskanzlei stellt sich vor mit den Worten: "Ich bin 100.000 Volt, wenn Sie mich berühren" – und mimt ziemlich glaubhaft eine Absperrung. Schröder kommt dann um 13.16 Uhr früher als geplant im schweren S-Klasse-Mercedes herangebraust. "Hallo, was macht denn ihr alle bei einem so harmlosen Mittagessen?" ruft Schröder den Journalisten zu, unter provozierendem Nichtgebrauch des bajuwarischen terminus technicus "Brotzeit".

Was er erwarte? Na, "hoffentlich ein warmes Essen, ordentlich gekocht". Aber da ist er bei Stoibers Frau Karin bestens bedient: Leberkäs, selbst gemachte Fleischpflanzerl und Schweinswürstl hat sie vorbereitet, Weißwürste auch noch, und Kartoffelsalat und Wurstsalat und Krautsalat. Er sei ja nun Pensionär, sagt Schröder noch, bevor Stoiber ihm die Haustür öffnet, "wann kommt unsereiner schon zu einem warmen Essen". So locker und flapsig wird Edmund Stoiber nie reden können. Auch nicht, wenn er in Kürze als bayerischer Ministerpräsident in Pension geht. Locker versucht er sich heute zu geben, in Jeans und ohne Krawatte. Es gebe ja "eine Menge zu bereden – wie es war und wie es weitergeht", sagt er. Dann verschwinden beide im Haus.

Gemeinsame Erinnerungen

Sie essen und reden. Reden aber mehr, als dass sie essen. Es geht um ihre erste Begegnung im Jahr 1979 – der eine noch Juso-Chef, der andere schon CSU-Generalsekretär. Wie sie sich damals gestritten und danach doch miteinander beim Bier gesessen haben. Es geht um ihre gemeinsame Ministerpräsidentenzeit. Dann natürlich der Kampf um die Kanzlerschaft 2002, den Stoiber nur äußerst knapp gegen Schröder verlor. Vielleicht haben Sie auch über das legendäre Frühstück von Wolfratshausen gesprochen, als die CDU-Vorsitzende Angela Merkel sich im Januar 2002 bei Stoibers daheim ankündigte und dem Herrn des Hauses die Kanzlerkandidatur der Union antrug. Wessen Besuch er schöner fand, Schröders oder Merkels, wird Stoiber später gefragt. "Alles hat seinen Reiz", entgegnet der Ober-Bayer trocken.

Nach eineinhalb Stunden klingelt dann Bayerns Oppositionsführer an der Tür. "Wer is'n der Mann?", fragt ein Zehnjähriger auf der Straße. Das ist Franz Maget, SPD-Fraktionschef im Landtag. Seine SPD liegt seit Jahren bei konstant 20 Prozent minus X in den Umfragen. Er ist gekommen, um Schröder abzuholen. Wegen des Auftritts im SPD-Festzelt.

Maget klingelt – aber nichts tut sich. Er klingelt ein zweites Mal. Dann bequemt sich Stoibers Sohn Dominic an die Tür: "Ja, Servus Herr Maget", sagt der 28-Jährige. "Was ist denn mit der Klingel, ich hab mehrmals versucht…", entgegnet Maget. Und ein Journalist ruft in Anspielung auf Schröders einstige Abenteuer vorm Bonner Kanzleramt: "Sie hätten rütteln müssen, Herr Maget, rütteln und 'Ich will hier rein' brüllen".

Schröder: "Lasst uns doch stolz sein!"

Aber Bayerns SPD rüttelt traditionell nicht. Und die Bundes-SPD derzeit auch nicht. Das ist es, was Gerhard Schröder später am Nachmittag im Festzelt der Wolfratshausener SPD so auf die Palme bringt: "Lasst uns doch stolz sein!", ruft er den rund tausend Genossen an den Biertischen zu. Schröder will seine sieben Kanzlerjahre gewürdigt sehen, erinnert an das Nein zum Irak-Krieg, an die Öko-Wende in der Energiepolitik, an die Integrationspolitik, die Familienpolitik und den Krippenausbau. Heute würde sich die Union als Berliner Regierungspartner in diesen Politikfeldern profilieren: "Sie schmücken sich mit Federn, die ihnen wahrlich nicht gehören."

Stoiber versucht Schröder mit Gazprom zu ärgern

Schröder kriegt einen ganz roten Kopf: "Leute, was ist da passiert? Warum lasst Ihr zu, dass die anderen so tun, als hätten sie es erfunden?" Ob man denn nicht auch in einer Koalition mal sagen könne: "Herzlichen Glückwunsch, Ihr übernehmt unser Konzept." Schröder brüllt jetzt: "Das kann man doch mal sagen!" Dies hört sich nach Kritik am Führungsstil des SPD-Vorsitzenden Kurt Beck an. Aber Schröder widerspricht: "Macht mir dem Parteivorsitzenden Kurt Beck nicht noch mehr Schwierigkeiten, als er ohnehin schon hat." Der Mann quäle sich, strenge sich an. Schröder sagt das alles sehr leise jetzt. Im Oktober sei Bundesparteitag in Hamburg, da solle man bitte mal dran denken: "Wir haben nicht mehr so viele Leute, also schießt mir nicht auf den Klavierspieler, es kann sein, dahinter gibt es keinen mehr."

"Die Stoibers – das war Bundesliga"

Und Edmund Stoiber? Natürlich kommt der auch vor in Schröders halbstündiger Rede. "Viele wollen wissen, was da so geredet wird", errät Schröder die Gedanken der Genossen. Aber er werde nichts sagen. Nur soviel: "Die Stoibers, und damit meine ich auch seine Frau Karin, das war für die Politik schon Bundesliga – was jetzt kommt, die Seehubers, das ist bestenfalls Kreisklasse." Sie sollten "keine Steine in den Rücken eines Pensionärs werfen", rät Schröder seinen Parteifreunden, "denn wir Pensionäre halten zusammen". Rentnersolidarität in der Politik, Harmonie zwischen Stoiber und Schröder.

Das mit den CSU-Vorsitz-Kandidaten Erwin Huber und Horst Seehofer hat Schröder zuvor auch Stoiber schon so ähnlich gesagt. Draußen, beim Abschied in der Gartenstraße ist das gewesen. Stoiber hat darauf den Oberkörper zurück gebogen und ein gedehntes "Naa-haa" in die Luft gerufen. So, wie er das immer macht, wenn ihm etwas ein bisschen peinlich ist. So, wie das Menschen machen, die sagen: Hey, das ist jetzt aber zu viel der Ehre – und sich im Stillen freuen übers Kompliment.

Auch Stoiber sucht Schröder auf freundliche Art zu piesacken. Dessen Engagement beim Ostsee-Pipelinebau des russischen Gaskonzerns Gasprom bietet sich da natürlich an. Stoiber hatte bereits vor Wochen verkündet, in seinen neuen Jobs werde es ihm nicht ums Pekuniäre gehen. Und als Schröder ihm heute zu seiner Berufung zum ehrenamtlichen EU-Bürokratie-Chefbekämpfer gratuliert, da entgegnet Stoiber: "Das ist ein Null-Dollar-Job." Darauf der Ex-Kanzler: "Das ist der Unterschied zwischen uns beiden, ich kann es mir nicht leisten, für umsonst zu arbeiten."

Und weil an diesem Samstag in der Bundesliga ausgerechnet Schalke gegen Bayern München spielt, schiebt Stoiber, der Bayern-Fan, noch ein Späßchen über den von Gasprom gesponserten Ruhrpott-Klub hinterher: "Herr Schröder, deshalb sind Sie für Schalke." Als Schröder längst im SPD-Festzelt sitzt, die Journalistenmeute abgezogen und die Nachbarskinder ihren Kampf mit den Plastikschwertern ausgekämpft haben, da öffnet Stoiber die Tür und strebt seinem Dienstwagen zu.

Wo es denn hingehe, fragt ein zurückgebliebener Journalist. "Zum Fußball", sagt Stoiber, er schaffe gerade noch die zweite Halbzeit Bayern-Schalke in der Münchner Allianz-Arena. Was er denn tippe? Edmund Stoiber grinst: "Bayern gewinnt." Das Spiel geht dann schließlich 1:1 aus. Ganz im Sinne der neuen Harmonie zwischen den Pensionären Stoiber und Schröder.

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