Schröders Bastion Hassel "Die CDU, die gibt's hier nicht"

Im Ruhrgebiet kann sich der Kanzler noch auf stabile Mehrheiten verlassen. Im Gelsenkirchener Stadtteil Hassel erreichte die SPD bei der vergangenen Bundestagswahl mehr als 70 Prozent. Ein Besuch im Pott, in dem die Sozialdemokratie die Konstante im Wandel ist.

Von , Gelsenkirchen


Alte und sanierte Zechenwohnung in Hassel: "Keine Papageiensiedlung"
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Alte und sanierte Zechenwohnung in Hassel: "Keine Papageiensiedlung"

Gelsenkirchen - Der höchste Schornstein Deutschlands muss weg. Auf dem Gelände des ehemaligen Kohlenkraftwerks im Gelsenkirchener Stadtteil Hassel ragt er in die Höhe, endlose 302 Meter. Der Strukturwandel in Nordrhein-Westfalen, hier ist er eine Abrissbirne. Das Kraftwerk ist stillgelegt, bis 2006 soll es platt gemacht werden.

Dann wird sich auch die SPD in Hassel überlegen müssen, ihr Logo den Zeitläuften anzupassen. Die Kühltürme des Kraftwerks, der alte Schlot - jahrzehntealte Symbole des Stadtteils, die den Genossen zur Identifikation mit der Heimat dienten, werden eingestampft. Beruhigend zu wissen, dass sich eines im Pott offensichtlich nie ändert: die eigene Stärke.

Stets über 55 Prozent lag die SPD in Gelsenkirchen bei den Bundestagswahlen der vergangenen 40 Jahre. Hassel ist immer noch ein bisschen roter als der Rest der Stadt. 2002 holte Direktkandidat Joachim Poß in Hassel-Nord 73,5 Prozent, in einigen Stimmbezirken mehr als 80. Dass es bei der Landtagswahl in diesem Jahr etwas weniger war, das schmeckt Oswin Dillmann, 48, Chef des Ortsvereins von Hassel-Nord, überhaupt nicht: "Ich bin nicht stolz auf 64 Prozent, ich bin stolz auf 84."

Seit 2000 ist Dillmann Chef der rund 400 Parteimitglieder in Hassel-Nord mit seinen knapp 7000 Einwohnern. Sein Vater ist im Vorstand der örtlichen CDU, die vor drei Jahren auf 14,7 Prozent kam. Dillmann sagt: "Die CDU, die gibt's hier nicht." Dillmann wohnt in der nördlichsten Wohnstraße Gelsenkirchens, in einem alten Steigerhaus, frisch saniert. Vor der Tür zum Wintergarten spielen die Eichhörnchen. Hassel ist grün, eine Gartenstadt. Alte Zechenhäuser prägen das Bild, der graue Anstrich verblasst, fast jedes mit einem großzügigen Gartengrundstück.

Die Miete war im Schacht früher in drei Tagen verdient. Jetzt gehört fast ganz Hassel der Wohnungsbaugesellschaft Viterra, die die Häuser den Mietern nun zum Kauf anbietet, für nur 60.000 Euro. Für Menschen, die oft genug am Rande des Existenzminimums leben, immer noch zu viel. Es gibt wenige Käufer, die ihr neues Eigentum frisch renoviert haben. Nach einer Gestaltungsordnung, "damit es später nicht wie in einer Papageiensiedlung aussieht", sagt Dillmann.

Immer seltener fahren Busse mit Kumpeln durch Hassel

Ortsvereins-Chef Dillmann: "Die CDU gibt's hier nicht"
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Ortsvereins-Chef Dillmann: "Die CDU gibt's hier nicht"

15 Jahre hat er unter Tage gearbeitet, als Elektriker. Heute sitzt Dillmann im Büro, immer noch auf der Zeche, der letzten in Gelsenkirchen. 2009 soll das Bergwerk Lippe dichtmachen. Schon jetzt fahren immer seltener die Busse mit kohlenstaubverschmierten Kumpeln durch Hassel. "Wenn Lippe zumacht, gehen wieder 70 Ausbildungsplätze verloren." Die Arbeitslosenquote in Gelsenkirchen liegt heute bei 26 Prozent, traurige Spitze unter deutschen Großstädten.

Hinter Dillmanns Haus ist die Stadt zu Ende, es kommt nur noch das Wasserschloss Lüttinghof. Dort hat Charly Neumann ein Restaurant aufgemacht. Neumann, ewiges Maskottchen von Schalke 04, hatte gerade Geburtstag. 74 ist er geworden, doch statt Geschenken gibt's Ärger mit der Stadt. "Hör mal", sagt Neumann zu Dillmann, "die wollen mir die Bude zumachen."

An der Bude, einem Holzhäuschen auf dem Schlosshof, stärken sich Radler und Wanderer mit Bier und Butterbrot. Neumann hat keine Genehmigung dafür beantragt; in Deutschland braucht man aber Genehmigungen, besonders im Landschaftsschutzgebiet. "Ich sprech mal mit 'Budde'", sagt Dillmann und zwinkert Neumann aus seinem jungenhaften Gesicht zu, so wie er es oft macht, wenn er signalisieren will: "Wir verstehen uns." 20 Minuten später steht Hans-Joachim "Budde" Burdenski im Raum, Aufsichtsrat bei Schalke - und Leiter des Liegenschaftsamtes. Neumann hat ihn sofort angerufen. Dillmann kümmert sich, er wird in der nächsten Woche mit Neumann aufs Amt kommen und die nötigen Anträge stellen.

"Es wird sich ehrlich gekümmert"

Stillgelegtes Kohlenkraftwerk: Strukturwandel mit der Abrissbirne
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Stillgelegtes Kohlenkraftwerk: Strukturwandel mit der Abrissbirne

"Die SPD", sagt Dillmann, "das ist Sozialstation." Ortsvereinschef, Stadtverordneter, Regionalrat - er ist "einer, der sich den Arsch aufreißt", wie es sein Vize Thomas Klasmann, 48, ausdrückt. Klasmann, Vorsteher des Bezirks Gelsenkirchen-Nord, trägt einen Gelsenkirchen-Sticker am Revers, die Silhouette der Stadt als Krawattennadel. Er habe sich in der letzten Zeit oft gefragt, was die Genossen eigentlich in der SPD halte, sagt Klasmann. Von "Distanz zur Bundespolitik" spricht er dann, die aber doch "nicht so direkt Distanz" sei. Man lasse die Menschen nicht mit der Agenda 2010 allein, erkläre ihnen "die bitteren Pillen" und helfe, wenn sie betroffen sind. "Es wird sich ehrlich und individuell gekümmert." Die Menschen sind in der SPD Hassel, weniger in der SPD der Schröders und Münteferings. Die Hasseler kommen fast alle aus dem Bergbau und sie kämpfen fast alle mit dem Zechensterben. Der Strukturwandel ist der Kitt, der die SPD zusammenhält.

Mittwochs und freitags ist Markt in Hassel-Nord auf dem Platz vor dem ehrwürdigen "Zechengasthaus". Traditionelle Marktstände sind in der Minderheit. Es gibt Klamotten: Kinderjeans mit aufgestickter Diddl-Maus für fünf Euro, farbige Damenslips für zwei. Das Bild prägen Frauen mit Kopftüchern, vor und hinter den Standtischen. Nach ein paar Stunden ist der Platz wieder tot. Ein Schlecker-Markt, ein Getränkehandel, die Polizei - nicht viel, was die Menschen hier hinziehen könnte. Ein paar Meter weiter auf der Polsumer Straße gibt es drei oder vier Spielhöllen, alle von Türken betrieben.

Gelsenkirchen hat in den vergangenen 30 Jahren fast 20 Prozent seiner Einwohner verloren. Rund 270.000 sind es heute. Der Ausländeranteil liegt in Hassel bei rund 18 Prozent. In der örtlichen Hauptschule gibt es Schulklassen, in denen zwei Drittel der Schüler türkischstämmig sind. "Was früher ein Integrationsproblem war, ist heute in Hass umgeschlagen", sagt Dillmann.

Ganze Straßenzüge werden ausschließlich von türkischen Familien bewohnt, Folge der Ansiedlungspolitik zu Zeiten des Bergbaus. Die, die dort leben, sähen keinen Bedarf, sich zu integrieren. Dillmann erzählt von türkischen Jugendlichen, die "mit ihrem Macho-Gehabe" alte Frauen verschreckten, von Mädchen, die von einem auf den anderen Tag nicht mehr in der Schule erscheinen, weil sie zwangsverheiratet worden seien. Die Ausländerfeindlichkeit ist latent, selbst innerhalb der SPD. Auf einen Verteilerkasten am Marktplatz hat jemand versucht, ein Hakenkreuz zu schmieren. Die Haken zeigen in die falsche Richtung.

"Ich habe mein Parteibuch nie missbraucht"

Parteisenior Kurt Malkowski: "Solche Leute wie dich brauchen wir"
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Parteisenior Kurt Malkowski: "Solche Leute wie dich brauchen wir"

"Das ist nicht mehr mein Hassel", sagt Kurt Malkowski, 84. Er sagt es auch wegen der vielen Ausländer. Malkowski ist seit 75 Jahren Mitglied in der SPD, Falken-Jahre angerechnet. Stolz zeigt er sein Parteibuch: Gerhard Schröder und Franz Müntefering haben darin unterschrieben. "Ich habe es nie für persönliche Zwecke missbraucht." Das hat er Müntefering einmal gesagt. "Kurt, solche Leute wie dich brauchen wir", hat der geantwortet. Wenn der Wahlkampf richtig losgeht, wird Parteisoldat Malkowski in vorderster Front um jede Stimme werben. Unermüdlich verteilt der Alte dann Kugelschreiber und Feuerzeuge an Unentschlossene und verlangt von ihnen die Zusage, SPD zu wählen.

Früher, sagt Dillmann, da hätte man sich einmal ans Einkaufszentrum gestellt, und die Leute wären gekommen. Heute kommen die Leute nicht mehr so selbstverständlich, also kommt die SPD zu den Leuten. Wanderinfostand heißt das. Auch in Hassel bleibt es immer an denselben hängen. Nur, von denselben gibt es hier immer noch mehr als anderswo. Gewissenhaft bereiten sie sich vor: Der Vorstand macht gerade einen Workshop, damit die Genossen den Wählern den Unterschied zwischen Bürgerversicherung und Kopfpauschale erklären können.

Der höchste Schornstein Deutschlands: Der Schlot muss weg
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Der höchste Schornstein Deutschlands: Der Schlot muss weg

Auch Parteivize Klasmann hat die Viterra angeboten, dass er sein unrenoviertes Zechenhaus kaufen kann. Er wird wohl ablehnen. Auch weil da noch der riesige Schornstein ist. Eine Sprengung ist heutzutage zentimetergenau möglich, der Schlot wird nicht auf Klasmanns Haus fallen, auch wenn es in Reichweite steht. Aber niemand weiß, was die Erschütterungen von 250.000 Tonnen einstürzendem Stahlbeton den altersschwachen Häusern anhaben können. Strukturwandel, das bedeutet in Gelsenkirchen vor allem eines: Unsicherheit.



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