Schröders Memoiren Ein ganzer Kerl auf Abschiedstour

Platz eins bei Amazon, vorgezogener Verkaufsstart - der Hype um Schröders Memoiren erinnert an Harry Potter. Bei der Buchvorstellung lobte Luxemburgs Premier Juncker Schröder als "großen Kanzler". Die Gerd-Show geht erst richtig los: Die Lesetour führt ihn sechs Wochen quer durchs Land.


Berlin - Die Szene hat etwas von einem Klassentreffen. Otto Schily ist da, der Publizist Manfred Bissinger und der Autor Siegfried Lenz, die früheren Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye und Bela Anda. Die ganze Schröder-Truppe sitzt in den vorderen Reihen im Willy-Brandt-Haus, um ihrem Matador noch einmal zu huldigen. Vom großen Plakat neben der bronzenen Willy-Brandt-Statue blickt Gerhard Schröder herunter auf die zahllosen Kameras und Hunderte Journalisten im vollbesetzten Foyer. Er hat diesen leicht spöttischen Zug um den Mund, als wollte er sagen: Jetzt seid ihr doch wieder alle gekommen.

Nach tagelanger Vorberichterstattung werden Schröders Memoiren nun auch offiziell veröffentlicht. Der PR-Marathon läuft seit einer gefühlten Ewigkeit, Geheimnisse enthält das Buch mit Sicherheit nicht mehr. Erste Ausschnitte wurden in SPIEGEL und "Bild" abgedruckt. Die ARD sendete ein Kanzlerporträt.

Durch nickelige Interview-Äußerungen über seine Nachfolgerin Angela Merkel und die Gewerkschaften lenkte Schröder selbst reichlich Aufmerksamkeit auf sein Werk. Einzelne Buchhandlungen hatten den Verkaufsstart schließlich einen Tag vorgezogen, so dass das Buch schon gestern erhältlich war. In der Amazon-Rangliste rangierte das Schröder-Buch schon vor dem Start tagelang auf Platz eins. Ein bisschen erinnert das alles an den Zauberlehrling Harry Potter.

Es ist die passende Show zum Medienkanzler. Zwar will Schröder von dem Attribut nichts wissen. Er könne schließlich nichts dafür, wenn viel über ihn geschrieben werde, sagt er. Die Interviews und Vorabdrucke sieht er als "Entgegenkommen" an die Medien. Doch das ist die übliche Koketterie.

"Was kann ich für Sie tun?"

An diesem Tag hat Schröder noch einmal das ganz große Mikro, und er scheint es zu genießen. Pressekonferenz wie in alten Zeiten. "Was kann ich für Sie tun?", fragt er einleitend. Früher hat er in diesem Fall auch gern das kumpelige "Euch" benutzt. Erste Arme recken sich. "Herr Wonka natürlich", sagt Schröder. Dieter Wonka, Korrespondent der "Leipziger Volkszeitung", ist häufig der erste Frager. Es gehört zum Berliner Ritual.

Routiniert vermeidet Schröder Aussagen zu aktuellen Themen wie CIA-Flügen oder Angela Merkels Führungsqualitäten. Eine Antwort aber gibt er auf die Frage, warum er die "Bild"-Zeitung für seine PR-Kampagne einspanne, die er doch als Regierungschef immer bitter kritisiert hatte. "Man darf nicht sein Leben lang nachtragen", sagt er. Und vielleicht helfe es ja, "ein wirklich wichtiges Buch bekannt zu machen". Die gleiche Selbstironie schimmert durch, als er seine Heimatstadt Hannover "eine der wirklich großen Metropolen der Welt" nennt. Dort habe er auch die persönlichen Teile seines Buchs selbst geschrieben. Den Rest hat er diktiert, meist in Berlin. Stundenlang habe sein Freund Heye ihm Fragen gestellt. Seine Antworten seien auf Band aufgenommen und abgetippt worden, erzählt Schröder.

Ursprünglich sollte das Buch "Ein ganzer Kerl" heißen. Es war vermutlich weise, es schließlich "Entscheidungen - mein Leben in der Politik" zu nennen: Das klingt einfach staatsmännischer. Die Pressekonferenz ist der Auftakt einer wochenlangen Schröder-Tournee. Hamburg, Hannover, Essen, Stuttgart, München, Berlin - irgendwann kommt der Lesereisende zum Signieren sicher auch in Ihre Nähe.

Vor Schröders Buch kommt erst die Stoiber-Biografie

Bei den Sozialdemokraten löst der Schröder-Hype gemischte Gefühle aus. Zwar heißt Generalsekretär Hubertus Heil den Altkanzler in der Parteizentrale herzlich willkommen. "Als SPD freuen wir uns, lieber Gerd, dass du wieder bei uns bist", sagt Heil. Trotz "mancher Irrwege" seien die rot-grünen Regierungsjahre "sieben gute Jahre" gewesen. Schröder bleibe das Beispiel dafür, dass man manchmal für das Wohl des Landes "sich selbst und seine politische Karriere" riskieren müsse.

Doch längst nicht alle wollen bei dem Pathos-Wettbewerb mitmachen. So mancher zeigt sich betont desinteressiert. Der bayerische Landesgruppenvorsitzende Florian Pronold etwa sagt, vor Schröders Buch habe er erst noch Biografien von Fidel Castro und Edmund Stoiber auf dem Nachttisch liegen. Andere wollen sich erst gar nicht äußern: Man beteilige sich nicht an der Verkaufsstrategie.

Wie immer dürfte das Unbehagen einiger Genossen Schröders letztes Problem sein. Seine Strategie ist voll aufgegangen. Der Verlagsleiter von Hoffmann und Campe gibt bekannt, dass die Memoiren nun in acht Sprachen übersetzt werden. Auch aus Amerika gebe es schon Interesse. Die erste Auflage wurde auf 160.000 Exemplare erhöht. "Es ist ein erfolgreiches Buch, das wissen wir schon jetzt."

"Bescheidener Selbstbetrachter"

Das Buch selbst steht allerdings in keinem Verhältnis zu den hohen Erwartungen. Zu Beginn der 544 Seiten finden sich einige lesenswerte Anekdoten aus Kindheit und Jugend. Man erfährt etwa, dass der amerikanische Fernsehanwalt Perry Mason Schröder zum Jura-Studium inspirierte. Doch der biografische Teil ist recht kurz geraten. Es hätte wahrscheinlich mehr Wühlen in der Vergangenheit verlangt, als Schröder in zwölf Monaten leisten konnte. Nach knapp 50 Seiten erlebt der Leser den Hannoveraner schon im Kanzleramt. Und hier findet sich viel Bekanntes und Vorhersehbares. Schröder gibt zu, dass er mit dem Buch vor allem die Deutung seiner Regierungszeit beeinflussen wolle.

Jean-Claude Juncker ist dennoch angetan. Es sei das Buch eines "bescheidenen Selbstbetrachters", sagt der luxemburgische Ministerpräsident, den Schröder als Kommentator auserkoren hat. Schröder verschweige seine Irrtümer nicht. "Das macht nicht jeder, der Erinnerungen schreibt." Deshalb sei es auch gut, dass das Buch so schnell komme, weil sonst wohl einige Dinge weggelassen worden wären.

Rechtfertigungen, zum Teil gelungen

Mit der Wahl Junckers hat Schröder an diesem Tag einen weiteren Volltreffer gelandet. Der Luxemburger Christdemokrat stiehlt mit seinem feinen Humor selbst Schröder die Schau. Was Europa angehe, sei Schröder sicher ein "Spätberufener", frotzelt Juncker. Heute gelte Schröder als überzeugter Europäer, aber er erinnere sich noch an die Zeit, als es um die Einführung des Euro ging. "Ich war dafür, er war auf dem Weg dahin."

Man merkt, dass Juncker ein guter Freund Schröders ist. Was ihn am meisten gerührt habe, seien die Passagen über Schröders Kindheit, "dieses Aufwachsen im Lippischen, neben einem Fußballfeld, in engen Räumen, wo nicht über Philosophie geredet wurde", sagt er.

Hier und da findet Juncker auch ein kritisches Wort. Das Buch strotze nur so vor "Rechtfertigungsversuchen, gelungenen und weniger gelungenen", findet der Luxemburger. Positiv hat ihn überrascht, dass Schröder im Teil zum Irak-Krieg verzichtet, sich in die Pose des Rechthabers zu werfen. Er habe eine "Rechtfertigungslawine" erwartet, sagt Juncker. Stattdessen lasse Schröder sich von anderen bestätigen, dass er in der Irak-Frage richtig gelegen habe. Volle sechs Seiten des Buches gehen allein für den Nachdruck jenes Artikels aus der "New York Times" drauf, in dem sich die Chefredaktion für ihre falsche Berichterstattung über Massenvernichtungswaffen im Irak entschuldigt.

Schröder sei der Nachfolger Willy Brandts in allen Beziehungen, sagt Juncker. Wie dieser sei er "leichtfüßig ins Amt gesprungen". Er habe sich beeindrucken lassen wollen. Jetzt sei Schröder "weniger leichtfüßig, viel ernster und ernsthaft besorgt um die Zukunft der Welt". Juncker: "Gerd, Du warst ein großer Kanzler".



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