Schröders Sommerreise Rehaugen und hohler Braten

Am Montag macht der Kanzler Station in Halle. Zeit für den gebeutelten Plattenbau-Stadtteil Silberhöhe hat er nicht. Ebenso wenig für die Anwohner auf dem Gelände der früheren sowjetischen Garnison.

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Hausmeister Zeug: "Als die Fenster noch drin waren, sah das aus wie ein normales Haus"
Leonard/ SPIEGEL ONLINE

Hausmeister Zeug: "Als die Fenster noch drin waren, sah das aus wie ein normales Haus"

"Dann sehen wir uns den hohlen Braten mal an", sagt Steffen Zeug. Er deutet auf den elfgeschossigen Plattenbau, der in der Willi-Bredel-Straße 45, ganz im Süden von Halle, der größten Stadt Sachsen-Anhalts, steht. Was der Hausmeister der Wohnungsgesellschaft "Frohe Zukunft" mit "hohlem Braten" meint, wird sofort klar. Denn das Haus, von dem er spricht, ist ein Geisterhaus, gänzlich unbewohnt. Die beiden unteren Etagen sind verrammelt, der Hauseingang durch eine Blechtür gesichert. Alle anderen Fenster fehlen, stattdessen klaffen dunkle Öffnungen in den Betonplatten. Vor dem Block steht – geradezu symbolhaft – ein Sackgassen-Schild.

"Als die Fenster noch drin waren, sah das aus, wie ein normales Haus", sagt der Hausmeister. Wahrscheinlich meint er so ein Haus, wie es gegenüber steht. Ein Haus, das noch nicht ganz "leergezogen" wurde, wie es in der Vermietersprache trocken heißt. So wie der Block mit der Hausnummer 7, wo von 48 Klingelschildern immerhin noch neun beschriftet sind. Doch auch dieser Block soll bald fallen.

Symbolisch: Das Sackgassenschild vor dem todgeweihten Plattenbau
Leonard/ SPIEGEL ONLINE

Symbolisch: Das Sackgassenschild vor dem todgeweihten Plattenbau

Hausmeister Zeug schaut in dem bereits jetzt ausgewaideten Plattenbau nach dem Rechten, der seinem Abriss – oder "Rückbau" - entgegensieht. In dem todgeweihten Haus zieht der Wind, Reste von herausgerissener Isolation liegen im dunklen Hausflur herum. In einem Raum sind Heizkörper gestapelt, nebenan steht ein Klobecken. Hier und da lehnt eine ausgehängte Tür an der kahlen Wand. Auf den Betonplatten sind kryptische Zahlenfolgen wie "164/124 707/7" zu lesen, die einst den Bauleuten Auskunft darüber gaben, wo welche Platte eingebaut werden musste. Das war 1984. Damals war das Wohnen auf der Silberhöhe ein Glücksumstand: Saubere Wohnungen, warmes Wasser, Fernwärme.

Jede dritte Wohnung steht leer

Heute stehen hier mindestens 3400 von 15.000 Wohnungen leer. Zum einen verliert die Stadt Halle durch Wegzug ins Umland oder in den Westen der Republik massiv Einwohner, zum anderen hat besonders die Silberhöhe mit einem schlechten Image zu kämpfen.

Zwar kann die Saalestadt als exemplarisch für die Probleme des Ostens mit den Plattenbauten gelten, etwas besonderes ist die Situation in Halle indessen nicht. Insgesamt stehen rund eine Million Wohnungen in den neuen Ländern leer, rund 350.000 davon sollen in den nächsten zehn Jahren abgerissen werden. Ende Juni einigten sich die Bauminister der Länder mit dem Bund auf ein dafür geplantes Förderpaket von 1,3 Milliarden Mark. Wichtig, so sagte es Sachsen-Anhalts Bauminister Jürgen Heyer (SPD) damals, sei es, den "Stadtumbau", und nicht nur den "Rückbau" zu fördern. Schließlich sei der Leerstand nicht nur eine Plage, sondern auch eine Chance, das Leben in der Stadt attraktiver zu machen.

Plattenbauabriss: In einigen Wochen soll alles verschwunden sein, später soll hier ein Sportplatz entstehen
Leonard/ SPIEGEL ONLINE

Plattenbauabriss: In einigen Wochen soll alles verschwunden sein, später soll hier ein Sportplatz entstehen

Doch zunächst einmal rollen die Bagger. Am 31. Mai schlug zum ersten Mal die Abrissbirne im halleschen Süden ein. Im elften Stock eines Plattenbaus am Rohrweg. Heute ist von einem der beiden Blocks nur noch eine Betonwanne und ein Schuttberg übrig, vom anderen stehen noch drei Geschosse. Die Betonplatten an der Vorderfront sind nach vorn gekippt, Versorgungsleitungen ragen ein Stück weit aus dem Trümmerhaufen und knicken dann nach unten ab.

In wenigen Wochen sollen alle Betonteile verschwunden sein, bis dahin schiebt sich noch scheppernd der Bagger durch das Gelände und hebt mit einem lauten metallischen Quietschen die Trümmerteile auf. "Mir wäre das nichts, hier zu wohnen", sagt der junge Fahrer. Er lebe lieber auf dem Dorf, sagt er und rumpelt weiter.

Die Wohnungsgesellschaft "Frohe Zukunft" ist die erste Wohnungsgenossenschaft in Halle, die mit dem Abriss begonnen hat. "Die anderen zögern noch und warten auf Fördergelder", sagt Pressesprecherin Claudia Fehse. Denn obwohl die Eckpunkte des Hilfsprogramms feststehen, floss bislang noch keine Mark aus den Töpfen des Bundes. Für die meisten Wohnungsverwalter Grund genug, sich zurückzuhalten. "Schön, wenn Sie hierbleiben", wirbt denn auch eine andere Gesellschaft mit einem riesigen Transparent verzweifelt für die Silberhöhe. Doch immer weniger wollen in dem Stadtteil mit dem schlechten Image bleiben.

Mietschulden in sechsstelliger Höhe

Sozialarbeiter de Boor: Die Hilfe für Mietschuldner wird von kommunalen Unternehmen gefördert
Leonard/ SPIEGEL ONLINE

Sozialarbeiter de Boor: Die Hilfe für Mietschuldner wird von kommunalen Unternehmen gefördert

Zurück bleiben oft sozial Benachteiligte, weiß Michael de Boor. Er arbeitet zusammen mit vier Kollegen für den Sozialen Beratungsdienst Silberhöhe (SBS), der im Erdgeschoss eines unsanierten Plattenbaus in der Kreuzer Straße untergebracht ist. Die Sozialarbeiter besuchen Mietschuldner und versuchen sie dabei zu unterstützen, die Finanzprobleme in den Griff zu bekommen. Die Kosten für das Projekt teilen sich der lokale Energieversorger und die städtische Wohnungsgesellschaft HWG. Säumige Zahler gibt es hier mehr als genug. "Allein im letzten Halbjahr haben wir 400 Personen mit insgesamt 500.000 Mark Mietschulden beraten", sagt de Boor. Etwa ein Drittel der Forderungen sei mittlerweile beglichen worden. Die Träger des Projekts tun somit nicht nur etwas fürs Renommee, sondern auch für ihre Bilanz.

Obwohl der Stadtteil seit dem Ende der DDR wesentlich grüner wurde, ist die Stimmung auf der Silberhöhe schlecht. "Möglicherweise braucht die öffentliche Wahrnehmung einen Problemstadtteil", sagt de Boor und klingt dabei etwas resigniert. Zwar gebe es hier eine im Stadtvergleich niedrige Zahl von Straftaten, trotzdem bemängelten die Bewohner fehlende "Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit."

Lesen Sie im zweiten Teil, warum der Kanzler keine Rehaugen zu sehen bekommen wird.



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