Schuldenkrise Helmut Kohl rechnet mit Merkels Europapolitik ab

"Die macht mir mein Europa kaputt." Mit diesen harschen Worten soll Helmut Kohl die Krisenpolitik der Kanzlerin kritisiert haben. Nach SPIEGEL-Informationen hält der Altkanzler Merkels Euro-Strategie für "sehr gefährlich". Er ist nicht der einzige Parteifreund, der auf Distanz zur CDU-Chefin geht. 
Altkanzler Kohl, Kanzlerin Merkel (bei einer Feier 2010): Harsche Kritik

Altkanzler Kohl, Kanzlerin Merkel (bei einer Feier 2010): Harsche Kritik

Foto: Michael Sohn/ AP

Hamburg - Als Managerin der Euro-Krise konnte Angela Merkel bisher nur wenige überzeugen. Der Bundesbank-Chef kann keine Strategie der Regierung erkennen, europäische Politikerkollegen wie der niederländische Finanzminister Jan Kees de Jager fordern von der Kanzlerin mehr Führung - und nun kommt auch noch Kritik vom Altkanzler: Helmut Kohl hat für Merkels Linie offenbar gar nichts übrig.

Nach Informationen des SPIEGEL hat Kohl die Europapolitik der CDU-Chefin scharf kritisiert. Ein Weggefährte, der den Altkanzler in letzter Zeit besucht hat, berichtet, Kohl halte Merkels Europapolitik für "sehr gefährlich". Kohl habe gesagt: "Die macht mir mein Europa kaputt", zitiert ein Vertrauter den Altkanzler.

Auch andere prominente CDU-Politiker warnen Merkel angesichts der Euro-Krise davor, das europafreundliche Erbe der Partei zu verspielen. "Europa ist ein politisches Projekt. Es ist zu wichtig, um es den Rating-Agenturen zu überlassen", sagt der hessische Ministerpräsident und stellvertretende CDU-Chef Volker Bouffier.

"Die Regierung muss jetzt in die Offensive gehen"

Ebenso vermisst der Wirtschaftsflügel der Partei eine klare Linie in der Europapolitik. "Das Letzte, was sich eine Exportnation Deutschland leisten kann, ist eine europaskeptische Bevölkerung", sagt der Chef des CDU-Wirtschaftsrats, Kurt Lauk. "Die Regierung muss jetzt in die Offensive gehen."

Vor einigen Wochen musste sich die Kanzlerin sogar den Vorwurf des Euro-Populismus gefallen lassen. Sie hatte für Schlagzeilen gesorgt, weil sie die Renten- und Urlaubsregelungen in den Schuldenstaaten kritisiert hatte - und den Südeuropäern damit vorwarf, zu wenig zu arbeiten.

Zu anderen, wichtigen Fragen schwieg die Kanzlerin - womöglich aus Sorge, dass ein falsch intonierter Satz an den Märkten zu neuer Unruhe führen könnte. Allerdings macht diese Strategie viele Experten ratlos: Was beabsichtigt die Kanzlerin tatsächlich? Einige fürchten bereits, mit dem Euro könnte das Projekt Europa als Ganzes scheitern. Schließlich sind fast überall auf dem Kontinent rechtspopulistische Parteien auf dem Vormarsch.

Merkel, die neue Thatcher?

Europäische Kommentatoren sehen vor allem Berlin in der Pflicht, etwas gegen die Schwindsucht des Euro zu unternehmen. Mancher Kritiker vergleicht die Kanzlerin bereits mit Margaret Thatcher - weil die frühere britische Premierministerin einen dezidiert europaskeptischen Kurs gefahren hatte.

Merkels Ruf als Blockiererin hat sich jüngst gefestigt, weil sie sich zunächst gegen einen Sondergipfel zur Griechenland-Krise sperrte. Sie wollte erst zu einem Gipfel kommen, wenn dabei ein zweites Hilfspaket für Griechenland beschlossen werden könne. Nun wurde tatsächlich ein Treffen einberufen. Die Staats- und Regierungschef der Euro-Zone wollen am Donnerstag zusammenkommen, um eine Lösung in der Schuldenkrise zu finden.

Zuletzt hatte Finanzminister Wolfgang Schäuble (ebenfalls CDU) vor einem Euro-Kollaps gewarnt. "Diese von Griechenland ausgelöste Vertrauenskrise gefährdet inzwischen den Euro als Ganzes", sagte er. In der Unionsfraktion fordern nun einige Abgeordnete - wie auch Wirtschaftsexperten - ein entschlossenes Vorgehen der europäischen Regierungen, indem Griechenland eine Umschuldung gewährt wird.

Anm. der Red.: Helmut Kohl hat inzwischen gegenüber der "Bild"-Zeitung behauptet, die ihm im SPIEGEL zugeschriebenen Äußerungen seien frei erfunden. Der SPIEGEL bleibt jedoch bei seiner Darstellung.

mmq
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