Schwarz-grüne Pläne Riskanter Flirt der verwandten Seelen

Die Grünen verbieten! Die CDU bekriegen! So ging das zwischen den beiden Parteien jahrzehntelang - nun liebäugeln sie mit einer Koalition und fürchten sich doch. Denn was tut die Union, wenn ihr ein wichtiges Feindbild abhanden kommt - und was die Grünen, wenn die Wähler fliehen?

Von Franz Walter


Der Anfang der Geschichte ist der gleiche wie immer, wenn eine neue Formation das alte Establishment schreckt. Als die Grünen 1983 in den Bundestag einrückten, da sinnierte man in der Spitze der CDU/CSU sogleich über die Möglichkeit, die Öko-Partei zu verbieten, sie zumindest als potentielle Feinde der freiheitlich-demokratischen Grundordnung vom Verfassungsschutz streng beobachten zu lassen.

Grüne im Bundestag (1983): Die CDU wollte sie am liebsten verbieten
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Grüne im Bundestag (1983): Die CDU wollte sie am liebsten verbieten

So ging es also zunächst nicht gut los, mit Schwarz und Grün. Die erste prominente Figur, die sich die Dinge auch anders vorstellen konnte, war 1984 der grüne Landtagsabgeordnete in Baden-Württemberg Rezzo Schlauch. Er hielt, wie er seinerzeit überraschend kundtat, ein politisches Miteinander von Grünen und Union für prinzipiell denkbar. 24 Jahre ist das nun her. Bezeichnenderweise kam auch der erste CDU-Ministerpräsident, der die Kontaktsperre gegenüber den Postmaterialisten aufhob, aus diesem Bundesland. Lothar Späth gestand 1988 fröhlich ein, dass die Grünen "die Interessantesten für mich sind".

Seither sind 20 Jahre ins Land gegangen. Doch zu einer schwarz-grünen Koalition ist es trotz aller zyklisch auftretenden Spekulation darüber nicht gekommen. Denn schließlich dekretierten die Granden der CSU wie der damalige Ministerpräsident Stoiber: "Schwarz-Grün ist kein Thema, eher fallen Weihnachten und Ostern auf einen Tag." Und auch Ronald Pofalla erteilte noch 2003 jedem schwarz-grünen Techtelmechtel eine unmissverständliche Absage. Seit dem 24. Februar 2008 aber findet er Schwarz-Grün prima; und er ermuntert seine Parteifreunde in Hamburg, eine solche Farbenkombination zu versuchen. Ein Wortbruch ist das selbstverständlich nicht.

Natürlich hatte es nicht nur taktische oder arithmetische, sondern auch politisch substantielle Gründe, dass trotz eines Vierteljahrhunderts Schwarz-Grün-Geraunes es auf der Länder- oder Bundesebene nie zu einer realen schwarz-grünen Regierungskooperation kam. Noch immer ordnen sich Sympathisanten der Grünen auf der Links-Rechts-Achse eher links, diejenigen der Union hingegen am weitesten rechts ein – und der Abstand zwischen den beiden Lagern hat sich seit zehn Jahren kaum reduziert.

Grünwähler sind die entschiedensten Befürworter einer Bürgerversicherung, des expliziten Gegenmodells zur christdemokratischen Gesundheitsprämie. In der Definition der Rolle von jungen Müttern mögen die Unterschiede geringer geworden sein, sie sind aber immer noch die größten zwischen zwei politischen Lager im Parteienspektrum überhaupt.

Drastisch fallen die gegensätzlichen Bewertungen in der Türkeifrage auf. Allein die Wähler der Grünen votieren mehrheitlich für einen Türkei-Beitritt in die EU, der CDU-Anhang lehnt eben das zu 90 Prozent ab. Frieden und Schutz vor terroristischen Aktionen durch militärische Einsätze zur sichern, stößt im CDU-Umfeld auf die größte Zustimmung, im Unterstützerkreis der Grünen hingen auf riesige Ablehnung. Dass Einwanderung eine ökonomische und kulturelle Bereicherung für die Nation bedeuten können, leuchtet etlichen Grünenwählern ein, denen, die der CDU/CSU zuneigen, aber keineswegs.

Andererseits ist offenkundig, dass die Grünen nicht mehr die alternativen Freaks der achtziger Jahre sind, die Christdemokraten wiederum kaum noch aus deutschnationalen Stahlhelmern bestehen. Sukzessive Annäherungen in Klassenlage, Lebensstil und politischer Orientierung sind unübersehbar. Erst war die Außen- und Sicherheitspolitik der große Zankapfel zwischen den Christdemokraten hier und der Partei aus der Friedensbewegung dort. Doch seit dem militärischen Interventionismus unter Außenminister Fischer ist dies kein strittiges Thema mehr. Auch zweifelt niemand mehr daran, dass Grüne den Markt dem Staat prinzipiell vorziehen.

Selbst in den Wertefragen, aus denen sich einst die emotionalen Affekte im Disput der innerbürgerlichen Generationen speisten, bemerkt man seit einiger Zeit interessante Koinzidenzen. Studien nicht zuletzt der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung ergaben, dass Anhänger der Grünen Moral- und Ethikgebote wichtiger sind als denen der FDP. Auch Grüne haben mittlerweile überwiegend ein positives Kirchenbild. Und jeweils zwei Drittel der Sympathisanten von Union und Grünen unterschreiben die Aussage, dass Gott in jedem menschlichen Leben wirksam und erfahrbar ist. In den Wählerlagern der anderen Parteien sind die Distanzen zur Religiosität weit größer.



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Seite 1
freqnasty, 26.02.2008
1.
das hängt wohl vom jeweiligen CDU-landesverband ab. in hamburg ist so etwas evtl vorstellbar, in bayern in 100 jahren nicht.
BillBrook 26.02.2008
2.
Zitat von freqnastydas hängt wohl vom jeweiligen CDU-landesverband ab. in hamburg ist so etwas evtl vorstellbar, in bayern in 100 jahren nicht.
Stimmt, da es die CDU dort nicht gibt. Aber im Ernst, abgesehen davon, dass die CSU auf absehbare Zeit keinen koalitionspartner brauchen wird, könnte ich es mir auch dort vorstellen. Die CSU ist im Zweifel flexibler als man glaubt.
Rasmuss 26.02.2008
3.
ich glaube die Parteien fügen sich beide durch diese Farbenlehre schweren Schaden zu. Man sollte die Mitglieder befragen, mehrheitlich wird es da nur Ablehnung geben außer es sind wohlhabende Großstadturbaner mit einer sentimentalität für grüne Herzensthemen.. Wo liegen die Gemeinsamkeiten? Gibt es sie überhaupt? Das Thema der CDU ist Wirtschaft. Grüne Themen sind Umwelt, Bildung, Familie, Energie, Nachhhaltigkeit. Oder sehe ich zu sehr schwarzgrün.. ;) Aber sollen sie nur machen, SG geht vielleicht 2 Jahre gut danach gibt es Neuwahlen, die werden dann die GAL vergeigen so mit 5,5 % und die CDU mit 37%. Dann gibt es nur noch eine Option Rot/Rot/Grün.
Klo, 26.02.2008
4.
Zitat von freqnastydas hängt wohl vom jeweiligen CDU-landesverband ab. in hamburg ist so etwas evtl vorstellbar, in bayern in 100 jahren nicht.
Das ist aus heutiger Sicht sicher richtig. Aber warten wir mal ab, bis die Bayern es nötig haben. Dann werden die Karten nämlich neu gemischt. Man darf sich schon heute auf den Tag freuen, an dem die CSU mal einen Koalitionspartner sucht.
perpendicle, 26.02.2008
5.
meine Visionen habe ich ja bereits gestern beschrieben. Diese verbindung ist aber nun wirklich etwas, was man nur als so etwas wie Mittel der Machterhaltung um jeden Preis beider Parteien bezeichnen kann, nachdem sich nun ja auch in Hamburg 5 Parteien ergeben haben und damit auch die Chancen jeder einzelnen Partei schwinden eine absolute Mehrheit zu bekommen. Wenigstens hat die CSU hier in München nunmehr ihr Wahlplakat entfernt, auf dem sie " mehr geschlossene Einrichtungen für gewaltbereite Jugendliche(!) verspricht. Derselbe Kandidat wirbt jetzt- nach alter CSU Manier wieder für die "starke Wirtschaft sichere Arbeitsplätze" .Das eine ist- so weit ich es zu beurteilen vermag nicht mehr- das andere immer noch nicht und schon gar nicht bundesweit vorhanden.
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