Schwarze in Deutschland feiern Obama-Sieg "Botox-Spritze für die Seele"

Der Wahlsieg von Barack Obama wird weltweit als Beginn einer neuen Ära gefeiert: Der erste Afroamerikaner zieht ins Weiße Haus ein. Viele Schwarze in Deutschland hoffen auf eine Signalwirkung - und darauf, dass unterschwellige Vorurteile endlich verschwinden.

Von , Frankfurt am Main


Frankfurt am Main - Irgendwie haben er und seine Freunde es verpasst, eine große Party zu organisieren. Schade eigentlich, findet Tinsae Ghebreselasie jetzt, aber ausgelassen ist er trotzdem. "Die Wahl war wie der erste Kuss", sagt der Besitzer der Beauty Zone in Frankfurt über den Sieg von Barack Obama, der als erster schwarzer Präsident ins Weiße Haus einziehen wird. "Man kann noch nicht so richtig damit umgehen, wusste ja gar nicht, ob es überhaupt passiert, hoffte nur und bangte", sagt er dann.

Tinsae Ghebreselasie: "Die Wahl war wie der erste Kuss"
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Tinsae Ghebreselasie: "Die Wahl war wie der erste Kuss"

Aber egal, Hauptsache, es ist passiert. Ein bisschen nach Party sieht es aus in dem Laden für Ethnoprodukte, über den Regalen mit Pomade, Shampoo und Cremes hängen ein paar Girlanden von der Decke - und die Stimmung ist ausgelassen. "We won, we won", singt Ghebreselasies Frau gerade einem Freund durchs Telefon zu. Ghebreselasie hat ein blaues Obama-Basecap aufgesetzt. Dabei kommen die beiden gar nicht aus den USA, sondern aus Eritrea und eigentlich sei sowieso Deutschland seine Heimat, sagt Ghebreselasie. Der 53-Jährige hat hier die vergangenen 25 Jahre verbracht.

Doch der erste Schwarze im Weißen Haus - das ist für den sonst so leisen Mann mit dem bleistiftschmalen Oberlippenbart und der randlosen Brille nichts weniger als der Aufbruch in eine neue Zeit. "Mir geht es noch nicht einmal so sehr um den Sieg", sagt er. "Sondern um den Weg."

"Die beste Wahl, die ich je erlebt habe"

Philip Owie sieht das genauso. Der 41-Jährige steht ein paar Straßen weiter im afrikanischen Restaurant Kenkey House hinter dem Tresen, seine Augen sind klein und rot unterlaufen, er hat die ganze Nacht durchgemacht. Trotzdem strahlt er. "Das ist die beste Wahl, die ich je erlebt habe", sagt er. "Weil der Wahlkampf so friedlich war."

Tatsächlich scheinen bei dieser US-Wahl viele Klischees nicht mehr aufzugehen. So gaben etwa die meisten Latinos ihre Stimme Obama, dabei galt die Feindschaft zwischen Hispanics und Schwarzen in den USA vielen als unüberwindbar. "Sehen Sie?", sagt Owie: "Friedlich."

Dass die drängenden politischen Probleme der USA und die ökonomischen Turbulenzen in der Welt die Ressentiments nur kurz übertüncht haben könnten, will er gar nicht hören. "Das war eine tolle Wahl", sagt er nur noch einmal und schaut sofort wieder rüber zu dem riesigen Flachbildfernseher an der gelbgetünchten Wand. Der ist auf CNN geschaltet, die Lautstärke ist ohrenbetäubend. Was er denn konkret von Obama erwarte? "Das muss man jetzt erst einmal abwarten", sagt Owie kurz. Es hört sich so an, als komme es darauf eigentlich gar nicht so sehr an. Es reicht Owie, dass Obama jetzt da ist. Ein schwarzer US-Präsident mit überwältigendem Charisma als wichtigster Mann der Welt, dauernd im Fernsehen.

Das ist es auch, worauf sich Abena C. Addoquaye am meisten freut. Die Besitzerin des Kenkey House kam vor mehr als 20 Jahren aus Ghana nach Deutschland. Am Vorabend saß ein Gast bei ihr am Tresen, ein Stammkunde. Sie sprachen natürlich über die US-Wahl und den Triumph von Obama. In den USA sei das ja in Ordnung, habe der Gast gesagt: In Deutschland sollte es sowas aber nicht geben. "Viele sind doch hier geboren, haben einen deutschen Pass, alles", sagt Addoquaye empört - aber auch das habe den Mann nicht überzeugt. Sie hofft, dass solche Ereignisse jetzt wenigstens ein bisschen seltener werden.

Reihenweise Absagen bei Bewerbungen

Addoquaye hat vier Kinder, das jüngste ist zwei, das älteste 20. "Sie haben es immer noch schwer", sagt die Restaurantchefin. Die älteste Tochter etwa habe in der Schule dauernd zu hören bekommen: "Das kannst du nicht." Einen Ausbildungsplatz fand sie nicht - trotz guter Abiturnoten. "Bei der Polizei: eine Absage. In Rathäusern: eine Absage", so sei es unentwegt gegangen.

Pech oder Lehrstellenmangel? "Haben Sie hier schon einmal einen Schwarzen bei der Polizei gesehen?", fragt Barkeeper Owie empört. "Ich meine nicht beim Putzen", fügt er hinzu, beugt den Rücken und fegt mit einem imaginären Besen heftig über den Boden. "Sondern in Uniform."

Beauty-Shop-Besitzer Ghebreselasie will die Bedeutung der Obama-Wahl nicht so sehr über dessen Hautfarbe definieren. Weil Obama selbst es nämlich auch nicht getan habe - genau das gefällt dem Frankfurter Einzelhändler an dem Neuen im Weißen Haus. "Er gehört zu einer neuen Garde in der Emanzipation." Die alte Generation der Bürgerrechtler sei sehr in der Geschichte verhaftet, der Geschichte der Sklaverei, der Diskriminierung, findet Ghebreselasie. Der junge Obama sei dagegen ein "befreiter Kopf". "Er kam und sagte, es gibt Fragen und ich habe Antworten. Sei es in der Sozialpolitik, sei es in der Gesundheitspolitik." Und ihm und den meisten Wählern sei es schlicht egal gewesen, welche Hautfarbe er habe. "Es ist nicht die Farbe Obama, es ist der Kopf Obama", sagt Ghebreselasie. Er findet: "Das war auch ein Aufruf und eine Verpflichtung. Nicht nur für Schwarze, sondern für alle Minderheiten: Ihren Hintern hoch zu bekommen und etwas zu machen." Er wolle "jetzt hier als Bürgermeister kandidieren", sagt Ghebreselasie. Er meint es als Witz.

Dann wird er wieder ernst. Er sei zufrieden mit seinem Leben, betrachte Deutschland als seine Heimat. Aber manchmal habe er "diese Sehnsucht nach dem, was ich bin, und nach dem, was mir verbaut war". Immerhin hat er damals sein Soziologiestudium aufgegeben, weil er aus politischen Gründen aus Eritrea weggehen musste. Gegen solche traurigen Gefühle seien Tage wie dieser ein gutes Gegenmittel. "Eine Botox-Spritze für die Seele."

Mit und ohne Party.



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