Notwehr im Nahverkehr Bürger, fahrt schwarz!

Viele fragen sich, warum so viele Menschen im Alltag die Nerven verlieren. Als S-Bahn-Kunde stellt sich mir eine andere Frage: Weshalb geschieht es nicht viel öfter?

U-Bahnstation in München
Manfred Bail/ imageBROKER/ imago

U-Bahnstation in München

Eine Kolumne von


Die Grünen wollen, dass Schwarzfahren nicht länger als Straftat gilt. Die grünen Rechtspolitiker aus Bund und Ländern habe eine Erklärung verabschiedet, wonach Schwarzfahren künftig nur noch als Ordnungswidrigkeit gelten soll.

Bislang findet sich die sogenannte Beförderungserschleichung unter Paragraf 265a im Strafgesetzbuch. Wie ich der "Süddeutschen Zeitung" entnommen habe, landen Etwa tausend Menschen jedes Jahr im Gefängnis, weil sie eine S- oder U-Bahn benutzt haben, ohne eine gültige Fahrkarte zu besitzen. Wenn man bedenkt, was man normalerweise angestellt haben muss, um eingekastelt zu werden, ist das eine erstaunlich hohe Zahl.

Ich stehe nicht im Verdacht, ein großer Anhänger der Grünen zu sein. Die meisten Vorschläge, die sie machen, halte ich für hanebüchen oder sogar für schädlich. Aber in diesem Punkt haben sie Recht, wie ich finde. Ich wäre sofort dafür, das Schwarzfahren zu entkriminalisieren.

Die Grünen machen geltend, dass vor allem Menschen im Gefängnis landen, die sich die Geldstrafe nicht leisten können. Wer nicht innerhalb der vorgegebenen Frist zahlt, dem droht eine Ersatzfreiheitsstrafe, wie Gefängnis aus Armut heißt. Jeder Siebte, der wegen Schwarzfahrens verurteilt wurde, landet aufgrund von Zahlungsunfähigkeit in Haft.

Das sei sozial ungerecht, sagen die Grünen - ein bedenkenswertes Argument. Noch überzeugender allerdings erscheint mir als Begründung die notorische Unzuverlässigkeit der Bahn. Ich würde so weit gehen, Schwarzfahren als Notwehr einzustufen.

Bedeppert am Gleis

Anders als mein kolumnistischer Einsatz zu Verkehrsthemen möglicherweise vermuten lässt, bin ich täglicher S-Bahn-Kunde. Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft sie mich in den vergangenen zwölf Monaten im Stich gelassen hat. Ihr Betreiber, der Münchner Verkehrs- und Tarifverbund (MVV)*, findet immer einen Grund, warum er seine Kunden wie Idioten behandelt. Entweder ist das Stellwerk kaputt. Oder es gab eine Signalstörung. Oder es ist irgendwas am Triebwerk. In jedem Fall steht man bedeppert am Gleis und hofft, dass die Warterei ein Ende hat.

Seit ich von Berlin nach München gezogen bin, ist vieles in meinem Alltag leichter geworden. Der Antrag für einen neuen Pass vollzieht sich in Stunden statt in Tagen. Die Polizei ist nicht nur freundlich, sondern auch effizient. Wenn ich vergessen habe, mein Auto abzuschließen, steht es mit hoher Wahrscheinlichkeit morgen noch da, wo ich es abgestellt habe, weil der Gewohnheitsdieb lieber einen Bogen um München macht.

Was sich allerdings eindeutig verschlechtert hat, ist die Pünktlichkeit im Nahverkehr. Ich habe es für undenkbar gehalten, dass man Berlin beim S-Bahn-Service noch unterbieten könnte. Der MVV schafft das, und zwar um Längen.

Neulich musste ich zum Flughafen. Drei Stationen vor Ankunft am Terminal meldete sich der Zugführer, um mitzuteilen, dass der Zug nicht wie vorgesehen zum Flughafen fahre, sondern den Weg nach Freising nehme. Fahrgäste Richtung Flughafen sollten bitte aussteigen. Auf dem Bahnsteig hieß es dann, der nächste Zug komme in 20 Minuten, vielleicht aber auch später. Wer geistesgegenwärtig genug war, schnappte sich ein Taxi. Von den armen Reisenden, die auf die Dienste der Münchner Verkehrsbetriebe vertrauten, haben die meisten ihren Flug verpasst.

So geht es tagein, tagaus. Niemand hält es für nötig, sich zu entschuldigen oder einen Grund für die Verspätungen zu nennen. "Warum auch?", scheint man sich in München zu sagen. Die Leute haben ihr Ticket gelöst, Erstattung gibt es bei der S-Bahn ohnehin nicht. Und wohin sollte man sich mit einer Beschwerde auch wenden? An den Ticketschalter im Bahnhof? Bis man da an der Reihe ist, hat man noch einmal einen halben Tag vertrödelt.

Umgekehrt allerdings kennt die Bahn kein Erbarmen. Wehe dem Trottel, der auf Kulanz setzt.

Eine Kollegin hatte neulich ein Fahrrad dabei. Sie hatte auf ihrer Streifenkarte zusätzlich zwei Streifen für das Mitführen des Fahrrads entwertet, so wie sie es seit Jahren tut. Leider hatte sich, von ihr unbemerkt, das Reglement geändert: Nun muss, wer ein Fahrrad dabei hat, ein extra Fahrradticket lösen. Als sie in eine Fahrscheinkontrolle geriet, stellte sich heraus, dass sie 20 Cent zu wenig bezahlt hatte.

Meinen Sie, dass die Kontrolleure ein Einsehen hatten oder sich vielleicht dachten: "Die Frau ist sicher im vergangenen Monat fünf Mal zu spät gekommen, weil wieder mal die Bahn ausgefallen war. Seien wir lieber nicht zu kleinlich"? 60 Euro Strafe bekam die Kollegin aufgebrummt, zahlbar innerhalb von 14 Tagen. 60 Euro für 20 Cent Unterdeckung. Bei Säumnis droht die Zwangsvollstreckung.

Man muss das System dort treffen, wo es wehtut

Manchmal denke ich, wir sind als Volk zu gutmütig. Ich stehe oft am Bahnsteig und wundere mich, wie ruhig die Menschen bleiben. Niemand regt sich auf, dass er seinen Termin verpasst oder die Kinder vergeblich an der Kita warten. Niemand schreit seine Wut heraus.

Der SPIEGEL ist vor ein paar Wochen in einer Titelgeschichte der Frage nachgegangen, warum so viele Menschen im Alltag die Nerven verlieren. Für mich ist nicht das "Warum" die Frage, sondern, weshalb es nicht viel öfter geschieht.

Wenn man protestiert, erntet man nur ein höhnisches Lachen. Oder man wird mit dem Hinweis auf die Beförderungsbestimmungen abgefertigt, wonach "als Entschädigungsbetrag für Verspätungen ab 60 Minuten je Fahrt pauschal 1,50 Euro" angesetzt sind, wobei "Fahrpreisentschädigungen unter einem Betrag von 4,00 Euro" allerdings nicht ausgezahlt werden.

Man muss das System dort treffen, wo es wehtut. Ich habe beschlossen, nur noch schwarz zu fahren.


*Nachtrag: Nach Erscheinen dieser Kolumne hat sich der Geschäftsführer des MVV, Bernd Rosenbusch, umgehend per Mail gemeldet. Herr Rosenbusch gibt Folgendes zu bedenken: Für das Streckennetz der Münchner S-Bahn sei die Deutsche Bahn AG und damit die Politik in Berlin verantwortlich. Leider sei dort seit 1972 nicht mehr wirklich investiert worden, den Schaden trügen jetzt die Fahrgäste. Außerdem bittet der Geschäftsführer des MVV den Autor und seine Leser, vom Schwarzfahren abzusehen. Der Aufruf gehe zulasten der Prüfer und mache eine ohnehin schwierige Situation noch schwieriger: "Da sitzen dann die Akademiker ohne Fahrkarte und diskutieren mit den einfachen Mitarbeitern über Schwarzfahren und Ihren Artikel." Der Autor nimmt sich letzteren Punkt zu Herzen und bittet seine Leser, die Strafe fürs Schwarzfahren ohne größeres Gemaule hinzunehmen.



insgesamt 407 Beiträge
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docschulze 18.04.2019
1. Als Mit-Münchner ...
... stimme ich gern in Hern Fleischhauers MVV-Litanei mit ein. Busfahren ist in München ebenso ein planloses Abenteuer mit leider oft schmerzhaftem Ausgang. Aber ob man in Zeiten wie diesen deshalb gleich zum Volksaufstand aufrufen muss? "Das System treffen"? Gründe gäbe es dafür unendlich viele , wenn man die persönliche Be- oder Empfindlichkeit zum Maßstand erhebt. Sollte man nicht machen.
denkpanzer 18.04.2019
2. Witzig
Witzig wie Konservative bestimmte Grundübel erst selber erfahren müssen bis sie selber linke Positionen einnehmen. Vielleicht noch mal Harz 4 testen Herr Fleischhauer? Dann würden Sie vermutlich auch eine weniger konservative Haltung einnehmen. Unsoziale Politik ist halt immer toll solange sie einen selber nicht betrifft.
Franze 18.04.2019
3.
Ja, witzig witzig... Aber die S-Bahn ist Verantwortung der Bahn, nicht die des MVG
jar.koz. 18.04.2019
4. Wirklich?
"Ich habe beschlossen, nur noch schwarz zu fahren." Herr Fleischhauer, bei aller Liebe: Ich glaube Ihnen nicht, dass Sie das wirklich tun.
Sepp Hinterseer 18.04.2019
5. Aufruf zum zivilen Ungehorsam
Und das von Herrn Fleischhauer. Grundsätzlich jedoch richtig, was hier postuliert wird.
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